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Kulturpresseschau | Beitrag vom 09.01.2016

Aus den FeuilletonsPlötzlich interessieren sich Männer für sexuelle Gewalt

Von Klaus Pokatzky

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Demonstration in Köln nach den Übergriffen der Silvesternacht (dpa / picture-alliance / Oliver Berg)
Demonstration in Köln nach den Übergriffen der Silvesternacht (dpa / picture-alliance / Oliver Berg)

Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) klinge wie ein Sympathisant der "Lügenpresse"-Skandierender, schrieb ein Feuilletonist der "Welt". Friedrich hatte den öffentlich-rechtlichen Medien vorgeworfen, eine Nachrichtensperre verhängt zu haben zu den Ereignissen der Silvesternacht in Köln.

"Humor haben", stand in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, "ist leider nicht bei jedem Menschen der Fall". Wie wahr. "Ich habe festgestellt", sagte Alfred Brendel, "dass es sogar eine Abneigung gibt gegen das Komische, bei manchen Leuten. Sie sind stolz auf ihren Ernst, sie wollen erwachsen sein und nicht mehr kindisch. Dazu gehöre ich nicht." Alfred Brendel ist eines der beiden großen musikalischen Geburtstagskinder dieser Woche. Ihn würdigte wenigstens die FRANKFURTER ALLGEMEINE mit einem großen Interview zu seinem 85.

Joan Baez, die 75 wurde – die Heroine des Folksongs, die politische Haltung zum Klingen brachte – wurde von den Feuilletons schlicht ignoriert. "Schweigekartell", könnten wir Brendel-Baez-Hardcore-Fans nun rufen und damit das Verdammungsurteil zitieren, dass der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich von der CSU über die öffentlich-rechtlichen Medien gefällt hat – wegen angeblicher "Nachrichtensperren" zu dem, was sich in der Silvesternacht im Kölner Hauptbahnhof abgespielt hat. "Ein ungeheuerlicher Vorwurf, unverantwortlich dazu", hieß es in der Tageszeitung DIE WELT. Der CSU-Politiker klinge "wie ein Sympathisant der "Lügenpresse"-Skandierenden", schrieb Christian Meier:

"Beim Kölner WDR verweist man auf eigene Recherchen, die bereits am Nachmittag des 2. Januar auf wdr.de online gingen. Die dpa hatte die erste Meldung am 2. Januar um 18 Uhr an ihre Kunden übermittelt."

Wie sehen ausländische Medien die Silvesternacht in Köln?

Verschwiegen werden soll allerdings nicht, dass das ZDF etwas länger brauchte, bis es aufwachte. "Worüber haben Sie sich in der vergangenen Woche in den Medien am meisten geärgert?", fragt der TAGESSPIEGEL jede Woche in seiner Sonntagsausgabe. "Die Krisen-Kommunikation der Kölner Polizei", antwortet diesmal Sebastian Matthes, der Chefredakteur der deutschen Huffington Post – und zitiert dann aus der ersten polizeilichen Pressemitteilung nach Silvester:

"Wie im Vorjahr verliefen die meisten Silvesterfeierlichkeiten auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen friedlich."

Das kann einen nur sprachlos machen – aber es gibt schließlich noch andere und ganz grundsätzliche Aspekte der Polizeiarbeit: "Reden wir über Polizei und Justiz, wenn wir über Köln, Hamburg und Stuttgart reden", hieß es in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN: "Reden wir über den politischen Skandal, den die unzulänglichen Mittel, die langjährigen Kürzungen von Personal und Sachmitteln in diesen Bereichen bedeuten", schrieb Christian Geyer der dafür verantwortlichen politischen Klasse ins Zeugnisheft. Mögen sich Innenminister das zu Herzen nehmen.

"Wie ausländische Medien die Silvesternacht in Köln sehen", fasste die FRANKFURTER ALLGEMEINE in einem anderen Beitrag zusammen: "Die Silvesternacht und wie sie bewältigt wird – das wird als Nagelprobe auf das Gelingen oder Scheitern deutscher Willkommenspolitik gelesen." Kein Thema hat sich durch die Feuilletons dieser Woche gezogen wie "die sexistischen Übergriffe als Schattenseite des Kulturimports", so die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG. "Eines kann man sicher sagen: 'Die Flüchtlinge' (im Kollektivsingular gesprochen) sind nicht verantwortlich für das, was an Silvester in Köln und in anderen deutschen Städten geschah", meinte Joachim Güntner:

"Ebenso wenig aber lässt sich ausschließen, dass eine solche Eruption sexueller Übergriffigkeit auch mit dem Flüchtlingsstrom zu tun hat, den die deutsche Willkommenskultur so offenherzig in die Arme schließt."

"Wir sind verstört"

DIE WELT fasste unser Dilemma in einem einzigen schlichten Satz zusammen: "Wir sind verstört und wir wissen nicht, wie es weitergeht", befand Hannah Lühmann. "Ich kann nur behaupten, dass es den Tätern in Köln wahrscheinlich großen Spaß gemacht hat, sich bei den anwesenden Frauen zu bedienen", lesen wir in der neuen FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGS-ZEITUNG, "und dass damit ein Gefühl von Macht verbunden war, das sie sonst nicht so häufig erleben".

Antonia Baum hat den wohl überzeugendsten Beitrag über Köln und die Folgen geschrieben. "Du läufst durch die Straßen, siehst, dir kommt eine Gruppe von Männern (oder Jungs, wechselt) entgegen, die schwarze Haare haben und die du sofort reflexhaft als Araber, Kurden, Türken oder von mir aus Nordafrikaner identifizierst, und du weißt, es dauert noch ein paar Schritte und dann sagen sie was" – so beschreibt sie in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGS-ZEITUNG ihre eigenen Gefühle und wohl auch Erlebnisse: "Und wenn du richtig Pech hast, fassen sie dir im Vorbeigehen irgendwohin". Antonia Baum beschreibt ihre Skrupel, das alles überhaupt zu sagen: "Man will diese Geschichte nicht erzählen, weil sich jetzt plötzlich Männer für sexuelle Gewalt interessieren und empört sind, die sonst eigentlich immer im Stell-dich-nicht-so-an-Team waren und feministische Anliegen nervig fanden." Und dann alles auf den Punkt gebracht in drei Sätzen:

"Deutschland hat eine Macke. Denn es entgleist inhaltlich in dem Moment, in dem die Vorwürfe gegen die Männer 'arabischer oder nordafrikanischer Herkunft' erhoben werden, auf wirklich unglaubliche Weise und will diese entweder gleich ganz rausschmeißen. Oder es will – und das ist das andere Extrem – nicht über deren 'arabische oder nordafrikanische Herkunft' und einen möglichen Zusammenhang mit einem frauenverachtenden Frauenbild sprechen."

Und wo bleibt da das Positive? "Beeindruckt haben mich in dieser turbulenten Lage die beiden Regionalzeitungen 'Kölner Stadt-Anzeiger' und 'Express', die das Thema sehr früh erkannt haben – und die in dieser brenzligen Lage einen kühlen Kopf bewahren", sagt Sebastian Matthes noch im neuen TAGESSPIEGEL: "An diesem Beispiel sehen wir, warum Deutschland guten Lokal-Journalismus braucht."

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