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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 07.03.2010

Aus dem dunklen Winkel des Lebens

Der Film "Ajami" erzählt vom palästinensischen Leben im Staat Israel

Die Regisseure Scandar Copti und Yaron Shani im Gespräch mit Susanne Führer

Der Film "Ajami"- ein visionäres arabisch-israelisches Filmprojekt - wurde für den "Oscar" nominiert. Die beiden Regisseure, ein jüdischer und ein arabischer Israeli, zeigen den brutalen Bandenkrieg arabischer Gangster in Tel Aviv.

Susanne Führer: Die Geschichte hat tragische Ausmaße. Ihre Helden werden schuldlos oder geradezu schuldlos schuldig. Kann man das als eine Metapher auf den gesamten Nahostkonflikt lesen?

Scandar Copti/Yaron Shani: Ich weiß nicht, ob das wirklich eine Metapher für den gesamten Nahostkonflikt ist, es ist jedenfalls Teil dieser menschlichen Tragödie, die sich dort abspielt. Wir wollten aber eigentlich gute Geschichten erzählen über die Menschen aus Fleisch und Blut, die wir kennen, und wir wollten es einfach und leicht fasslich erzählen.

Dennoch ist die Geschichte keine Metapher für den Konflikt, sondern sie ist der Konflikt selbst. Wenn man sich hineinvertieft in diese Erlebnisse und in die Konflikte, in denen die Menschen stehen, dann wird man auch verstehen, warum dieser Konflikt so ist, wie er ist, und warum er hineinspielt in dieses Drama.

Führer: Sie zeigen Gewalt in Ihrem Film, sehr viel Gewalt - ist das der Grund dafür, warum in dem Film fast nur Männer auftreten? Frauen gibt es so gut wie gar nicht, wenn, dann nur am Rande und eigentlich auch nicht wirklich als eigenständige Personen. Ich habe mich gefragt, leben in Jaffa denn eigentlich gar keine Frauen?

Copti/Shani: Na ja, wir haben schon zwei oder drei Frauen irgendwo in Jaffa. Wir hoffen, dass es irgendwann mehr werden. Sie sind vielleicht irgendwo in Käfigen. Aber Scherz beiseite, es ist in der Tat eine Männerwelt. Es ist wirklich tough, man geht zur Sache. Es ist draußen auf den Straßen eben eine Dominanz der Männlichkeit festzustellen, da beißt die Maus keinen Faden ab.

Wir hätten natürlich auch die Welt der Frauen darstellen können, die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, aber wir wollten hart an unserer Realität dranbleiben. Was wir hier zeigen, das ist unser Leben in Ajami, und das ist nun einmal stark durch Männlichkeitsvorstellungen geprägt.

Aber dieses Thema ist natürlich viel größer, als wir in unserem Film es darstellen konnten. Uns ging es jedenfalls insgesamt gesehen darum, die Welt, wie sie uns da begegnet, zu fotokopieren und zu sagen: So ist es nun mal, so sieht die Welt aus unserer zugegebenermaßen sehr beschränkten Sicht aus.

Führer: It's a men's world, das sieht man. Also es gibt Solidarität unter den Brüdern, die helfen einander, aber auch nur, wenn derjenige, dem geholfen werden soll, sich auch strikt an die Regeln hält.

Die Hierarchien sind klar festgelegt, und was mir auch noch aufgefallen ist, gerade die jungen Männer, die wirken immer so auf dem Kiwief, auf dem Sprung, die sind jederzeit bereit loszurennen oder auch zu explodieren, also jederzeit entzündbar, sodass ich mich gefragt habe: Zum einen, wie könnte man diese Lebenssituation entspannen, und zum anderen, ob es nicht vielleicht gerade so ist, dass eben diese strikte patriarchale strenge Ordnung auch gerade eine Lösung verhindert?

Copti/Shani: Ja, das ist schon Teil des Problems, diese Aufteilung der Macht nach den Sippen. Wenn einer eine große Sippe hat, hat er mehr Macht, mit mehr Geld hat er mehr Macht, mit höherem Respekt steigen auch sein Ansehen und sein Einfluss.

Das sieht man ja zum Beispiel auch an der Lehre des Freundes von Omar an Omar. Omar, der ja bedroht wird durch einen großen Clan, eine große Sippe, und angesichts dieser Sippenübermacht hat er keine eigene Macht, er ist schwach. Und sein Freund sagt ihm, ja, schau mal her, das Leben ist wie ein Dschungel, wo die großen Fische die kleinen fressen.

Das ist die Geschichte, und so ist es doch im Leben. Selbst wenn wir wähnen, in einer liberalen Gesellschaft zu leben, wo es mehr Freiheit gibt, sehen wir doch, dass die Starken, die Mächtigen besser leben, dass sie in gewisser Weise auch die Schwächeren ausbeuten. Für uns ist das ein Teil des Problems, und wir wollten zeigen, jeder Mensch empfindet im Tiefsten dieselben Ängste, dieselben Hoffnungen, hat dieselben Bestrebungen, nämlich für sich und die Seinen eine Sicherheit zu schaffen, sie aus Gefahrenzonen herauszuholen.

Wenn man dann bedrängt wird, wenn man in die Ecke gedrängt wird, dann kämpft man natürlich, so ist es nun mal im Leben. Der Unterschied Mann-Frau interessierte uns weniger. Allerdings, da wir uns ja auf diesen dunklen Winkel des Lebens einstellten, haben wir mehr Männer gezeigt, denn es sind ja überwiegend Männer, die die Verbrechen begehen. Und deshalb haben wir auch das Übergewicht des Männlichen, das sich dann in diesen Konflikten so stark und greifbar ausdrückt.

Führer: Der eigentliche Dreh hat nur ein paar Wochen gedauert, aber der Workshop vorher wie gesagt zehn Monate. Das war, wenn ich das richtig weiß, eine sehr intensive Zeit offenbar. Was haben Sie für einen Eindruck, haben sich die Darsteller verändert durch den Film?

Copti/Shani: Sicherlich hat sich das Leben der einzelnen Menschen dort verändert, das fing schon mit dem Workshop an. Ich spüre gewisse Änderungen in der Gemeinde dort. Man sieht das ja immer in unterdrückten Menschengruppen, dass die Menschen eigentlich das Gefühl haben, sie zählten nichts und sie gehörten nirgendwo dazu, es gäbe nichts Größeres als eben ihr eigenes Ich, abgesehen von der Familie.

Im Lauf dieser Arbeit aber haben wir eine Art Gemeinschaft aufgebaut, die einem gemeinsamen Ziel verpflichtet war, ein Team aufgebaut, in dem eben nicht jeder nur seinen eigenen persönlichen Interessen nachging, nicht egoistisch in diesem Wettbewerb sich zu behaupten versuchte, denn wir hatten ja bei ungefähr 300 Teilnehmern eben doch nur einige wenige Hauptrollen zu vergeben.

Nein, jeder fühlte sich zugehörig zu einem Team, war Teil dieses Ganzen, und das haben wir auch deutlich gespürt. Und niemand vor uns war imstande, so etwas auf die Beine zu stellen. In Jaffa, in Ajami gab es immer wieder Versuche, Theaterarbeit zu machen oder ein Musical oder solches aufzuführen, aber nach drei oder vier Treffen blieben dann die Leute jeweils weg.

Wir haben gemerkt, dass die Menschen diesen Traum hatten, irgendwann ins Kino zu kommen, jeder hegt ja diesen Traum auch. Meine Mama, mein Papa wollten dabei sein, und sie kommen auch tatsächlich vor in diesem Film. Und als dann bekannt wurde, dass der Film fünf Academy Awards eingeheimst hatte, da gab es dann diese Hupkonzerte auf den Straßen, als hätte Jaffa jetzt plötzlich die Weltmeisterschaft gewonnen. Alle waren plötzlich stolz darauf.

Wir hatten während der Dreharbeiten gar nicht genug Geld, na dann gaben viele Menschen eben ihr Haus kostenlos dazu oder sie stellten Autos zur Verfügung, es wurde sozusagen ein nationales Projekt. Das war für uns sehr verblüffend zu sehen. Alle Menschen waren stolz, standen hinter diesem Projekt. Ob es jetzt für die einzelnen Menschen in ihrem Leben, wo alle über sie schreiben und sprechen, etwas zum Guten oder Besseren bewirkt, wenn sie jetzt plötzlich berühmt werden, das kann ich selber nicht entscheiden.

Ich selber empfinde das eher als etwas Schlechtes. Ich mag es eigentlich gar nicht, dass jetzt alle Menschen ihre Nase in mein persönliches Leben hineinstecken und darüber sprechen, deswegen halte ich mich eigentlich auch fern von diesen öffentlichen Auftritten und laufe weg. Aber die Menschen können es ja ruhig jetzt mal genießen für ein halbes Jahr oder so. Welche Wirkung der Ruhm auf sie ausübt, das bleibt abzuwarten.

Führer: Sie haben sieben Jahre an diesem Film gearbeitet, da mussten Sie vermutlich sehr viel Ausdauer und Energie und Geduld aufbringen, also Respekt dafür, und das Projekt ist ja nicht nur wegen der Dauer ungewöhnlich, sondern auch wegen der Zusammenarbeit - ein jüdischer Israeli und ein arabischer Israeli.

Wahrscheinlich wollen Sie nicht so gesehen werden, aber Sie könnten doch auch ein bisschen ein Vorbild sein für die anderen?

Copti/Shani: Nun, in Wahrheit gibt es bereits jetzt sehr viel Zusammenarbeit, jede Menge an Beziehungen im Lande zwischen Juden, Christen, Muslimen, Palästinensern, Israelis - das ist nicht so ganz außer der Welt, was wir hier vorgeführt haben. Häufig sieht es von außen betrachtet so aus, als herrschten überall nur Konflikt, Hader und Segregation, aber wir machen das, was viele andere auch schon ausprobiert und vorgelebt haben.

Unsere Zusammenarbeit an diesem Projekt war wirklich eine Arbeit, die das ganze Leben umspannte, die auch uns weitertragen wird in unserem Leben. Es war aufregend, es war für uns eine professionelle Herausforderung, es waren ganz neue Grenzen, es war verblüffend, es war staunenerregend, was wir alles erlebt haben mit all den verschiedenen Menschen. Es war eine gewaltige Herausforderung, die uns sicherlich auch für den Rest unseres Lebens mit geprägt hat.

Das Ergebnis war überwältigend erfolgreich in Israel, und auch weltweit haben wir so viel bestätigendes, ermutigendes Echo bekommen, dass ich sagen kann, ja, vielleicht ist das doch auch ein Vorbild für Menschen, die etwas Derartiges bisher nicht gekannt haben.

Führer: Thank you very much.

Copti/Shani: Thank you!

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