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Aufbaugeist und Rebellion

Dieter Haller: "Die Suche nach dem Fremden. Geschichte der Ethnologie in der Bundesrepublik 1945 – 1990"

Rezensiert von Klaus Möllering

Ethnologen der Freien Universität Berlin zeigen Kopfbedeckungen aus aller Welt.
Ethnologen der Freien Universität Berlin zeigen Kopfbedeckungen aus aller Welt. (dpa / Zentralbild)

Aus der deutschen Völkerkunde des 19. Jahrhunderts wurde die Ethnologie der Nachkriegszeit. Wie das geschah und welche neuen Gegenstände später dazu kamen, berichtet der Bochumer Sozialanthropologe Dieter Haller.

"Die Suche nach dem Fremden" könnte allerhand bieten an intellektuell reizvollen Aufschlüssen über das, was Menschen am Fremden zutiefst reizt. Denn immer finden sich im Fremden, das einem gegenübertritt, wertvolle Anregungen zum eigenen Selbstverständnis. Das Thema klingt also eigentlich anregend genug fürs Feuilleton.

Aber dann handelt es sich doch nur um ein reines Fachbuch. Immerhin gibt Dieter Haller, Jahrgang '62 und seit 2005 Professor für Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität in Bochum, darin einen auch für Laien lohnenden, detaillierten Einblick in sein Fach und dessen spezielle Vorgeschichte hierzulande.

Wie wurde also aus der deutschen Völkerkunde des 19. Jahrhunderts die Ethnologie der Nachkriegszeit? Einige besondere Gegebenheiten waren zum einen die Prägung durch das Humboldt’sche Bildungsideal, also die schiere Lust am durchaus zweckfreien Forschen jenseits politischer oder ökonomischer Zweckmäßigkeiten.

Dieser Forscherdrang spülte im 19. Jahrhundert erhebliche Mengen an Fundstücken in die Studierstuben der Völkerkundler und in die entsprechenden Sammlungen von Museen, die in Deutschland in größerer Zahl als anderswo entstanden – auch wenn die Geschichte des deutschen Kolonialismus, bald nachdem sie begonnen hatte, ja schon wieder zu Ende war.

Zum anderen hatte an der Prägung der hiesigen Völkerkunde aber auch die deutsche Philosophie ihren Anteil. Die unterschied seit Kant gerne zwischen Kulturvölkern, die Geschichte, Schrift und Vernunft besaßen, und Naturvölkern, denen dies fehlte – vielleicht ja in ihrem geschichtslosen Zustand noch fehlte.

Cover Dieter Haller: "Die Suche nach dem Fremden"Cover Dieter Haller: "Die Suche nach dem Fremden" (Campus Verlag)Konnte man bei ihnen also, vor aller Evolution, einer allen Kulturen zugrundeliegenden "Urkultur" auf die Spur kommen? Während die angelsächsische Social Anthropology und die US-amerikanische Cultural Anthropology offener und alltagsnäher nach den sozialen Entwicklungen in ihrer und anderen Gesellschaften fragten, verknäulte sich dagegen in Deutschland so manches bis 1945: Das Nebeneinander von Völkerkunde und Volkskunde. Die romantische Faszination durch das Fremde, die bis heute gerade in der deutschen Ethnologie zu einer gewissen Distanz gegenüber sozialwissenschaftlichen Theorien führt.

Stattdessen spekulative Theorien wie die vom Entstehen, Ausbreiten und Vergehen eines speziellen Wesens von Völkern und ihrer jeweiligen Kultur, die etwa Leo Frobenius, ein charismatischer Autodidakt, bis zu seinem Tode 1938 mit seiner "Kulturmorphologie" in das Fach einbrachte.

Und erst recht dann alle Tendenzen, die in kulturhistorischen Entwicklungen vor allem die Faktoren Rasse und Erbgut ausmachen wollten. Was nach 1945 geschah, listet Haller mit deutscher Gründlichkeit jeweils phasenweise und sehr detailliert auf. Und die Geschichte der Ethnologie spiegelt in der Tat deutlich die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Bundesrepublik wider:

"Der Aufbaugeist und die Zukunftszuwendung der Nachkriegszeit; die Verpflichtung zu Sachlichkeit und Nüchternheit wie auch die Öffnung zur Welt in den 1950er-Jahren; die Rebellion gegen die Autoritäten im Gefolge der 68er; Esoterikboom, Feminismus und Ökologisierung der späten 1970er Jahre; die gesellschaftliche Pluralisierung der 1980er, die Ökonomisierung im neuen Millenium – all dies bildete sich in den Fragestellungen und Gegenständen ab, denen sich die Ethnologen jeweils zuwandten."

Aber eigentlich sind alle Details zu Lehrstuhlinhabern, Schulstreitigkeiten und Generationenkonflikte auf Jahrestreffen von Fachvereinigungen sowie die daraus entstehenden Feind- und Freundschaften, die so akribisch in diesem Buch aufgelistet sind, im Grunde doch nur für die Insider interessant.

Die großen Trends dagegen, der berühmte "fremde Blick" eines Ethnologen gerade auf die eigene Zunft und die eigene Zeit, den auch Haller für typisch hält für sein Fach und der eigentlich besonders produktiv und reizvoll sein könnte für den Diskurs – er kommt in diesem Buch bei aller wissenschaftlichen Chronistenpflicht zu kurz.

Jedenfalls für den, der mehr an neuen Perspektiven und Gedanken über die letzten 50, 60 Jahre Zeitgeschichte in Deutschland sucht, als er aus eigenem Erleben ohnehin schon hat. Dabei könnte gerade die Ethnologie, so Haller, einen einzigartigen Freiraum bieten, in dem man produktiv am Eigenen zweifeln kann, um das "Infragestellen des Selbstverständlichen" zu üben.

Trotz des zweck- und machbarkeitsorientierten Kahlschlags, den der Bologna-Prozess in den letzten Jahren an den Universitäten und gerade auch in der Ethnologie Hallers Einschätzung nach hinterlassen hat. Denn nun sind, meint er,

" … die klassischen Gegenstände des Faches – Kultur, Ethnizität, Fremdheit – durch die Globalisierung, Europäisierung, Migration und die Medienkultur in das europäische Zentrum zurückgekehrt."

Dieter Haller: Die Suche nach dem Fremden. Geschichte der Ethnologie in der Bundesrepublik 1945 – 1990
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2012

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