Sonntag, 1. Februar 2015MEZ06:44 Uhr

Buchkritik

"Anders" von Andreas SteinhöfelAmnesie als Befreiung
Der Autor Andreas Steinhöfel hält am 11.10.2013 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main bei der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2013 seine Trophäe hoch.  (picture-alliance / dpa / Arne Dedert)

Um die 20 Kinder- und Jugendbücher hat Andreas Steinhöfel geschrieben - und alle wichtigen Preise abgeräumt. Sein neuer Roman handelt von einem elfjährigen Jungen, der sein Gedächtnis verloren hat: eine gelungene Gratwanderung zwischen Magie und Alltag.Mehr

ErnährungDie Welt satt bekommen
Ein Mann schiebt sich einen Dominowürfel mit Grille (picture alliance / dpa)

Die Weltbevölkerung wird bis 2050 auf fast zehn Milliarden Menschen anwachsen. Um sie zu ernähren, müssen neue Wege der Lebensmittelproduktion gefunden werden. Gegrillte Raupen und Maden könnten daher bald auch hierzulande auf die Teller kommen.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

"Max und Moritz" wird 150Rache tut not!
Das erste Bild der sieben Streiche von Max und Moritz, erdacht und gezeichnet von Wilhelm Busch, aufgenommen am 11.09.2014 in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen (Nordrhein-Westfalen). Die Ausstellung "Streich auf Streich" "150 Jahre deutschsprachige Comics seit Max und Moritz". (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)

Wilhelm Busch ist der "große deutsche Humorist". Seine Bildergeschichten sind zum Hausschatz von uns Deutschen geworden, allen voran "Max und Moritz". Eine Exkursion durch seinen Dschungel der Grausamkeiten in sieben Streichen. Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.02.2013

Auf der Seite der Guten

Almudena Grandes: "Der Feind meines Vaters", Hanser Verlag, München 2013, 400 Seiten

Die spanische Schriftstellerin Almudena Grandes ( picture-alliance / dpa / ANDRES PEREZ MORENO)
Die spanische Schriftstellerin Almudena Grandes ( picture-alliance / dpa / ANDRES PEREZ MORENO)

Almudena Grandes wird in Spanien ein wenig spöttisch die "militante Muse" der Linken genannt. In "Der Feind meines Vaters" erzählt sie die Geschichte eines unangepassten jungen Mannes, der sich in Zeiten des Franco-Terrors gegen seinen Vater stellt und auf die Seite der Linken schlägt.

Almudena Grandes gehört zu den erfolgreichsten spanischen Autoren der Gegenwart. In mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, Preise. Gleich ihr erster Roman Lulú (1989) wurde ein internationaler Bestseller, Gesamtauflage: über eine Million.

In etlichen Büchern erzählt sie von den Auswirkungen der Diktatur und von den bis heute verfeindeten Lagern: Franco-Anhänger und Franco-Gegner. Mario Vargas Llosa nennt die Autorin "eine der besten Schriftstellerinnen unserer Zeit". Kritiker hingegen bemängeln: riesige Panoramen, aber wenig Tiefgang, Herzschmerz und Klischees.

"Der Feind meines Vaters", der zweite Band einer auf sechs Teile angelegten Geschichte über die Herrschaft Francos. Band 1, "Inés und das Glück", handelte vom Versuch einer antifranquistischen Invasion im Jahre 1944.

Almudena Grandes, geboren 1960 in Madrid, ist in grausamen Zeiten groß geworden, in der Spätphase der Franco-Diktatur. Ein Pakt des Schweigens herrschte: Der Staatsstreich von 1936 hieß nur "nationale Erhebung", Franco galt als Retter des Landes, das Leid linker Opfer war tabu.

Nach Francos Tod 1975 erlebte der Pakt eine Neuauflage. Doch seit mehr als zehn Jahren streiten die Spanier nun heftig über ihre Vergangenheit, und Almudena Grandes ergreift in Interviews und Texten beherzt Partei.

Der Schauplatz ihres jüngsten Romans ist ein Dorf in Andalusien. Die Zeit: die Jahre 1947 bis 1949, Jahre des rechten Terrors. Im Ort herrschen "Verrat, Denunziation, Angst", Polizisten foltern Verdächtige, und auffällig oft wenden sie das "Fluchtgesetz" an: Mutmaßliche Rote sterben durch Kugeln in den Rücken. "Spanien hat sich in ein Land von Mördern und Ermordeten verwandelt", sagt eine Figur im Buch.

Der Ich-Erzähler ist ein neunjähriges Kind, Nino, zu klein geraten, aber von großem Mut. Die Familie lebt in der Kaserne der Guardia Civil, denn Ninos Vater ist Polizist. Der Junge verabscheut, was der Vater tut. Ninos engster Freund ist ein Kauz, Pepe, der Portugiese, er lebt abseits in einer Mühle. Pepe, der Unangepasste, öffnet dem Jungen ein Fenster in die Welt. Nino beginnt zu lesen, Bücher mit ähnlich unangepassten Figuren, Romane von Jules Verne und Stevenson.

Ninos größtes Vorbild aber ist ein Guerillero in den Bergen, Cencerro. Ein Held wie Robin Hood, man denkt an Kevin Costner. Freigiebig verteilt er Geld, auf den Scheinen steht: "So zahlt Cencerro". Im Dorf heißt es plötzlich, Cencerro sei erschossen worden, dann wieder hört man, er sei auferstanden.

Ende gut, fast alles gut: Nino wird Kommunist, und er wird studieren, Psychologie. Über Pepe erfahren wir: Er war kein Kauz, sondern ebenfalls Guerillero, eine Art Manager des Untergrundkampfes, zuständig für Tarnung und Spezialaufgaben. Im neuen Spanien treffen die Freunde einander wieder. Pepe ist eine Kunstfigur. Aber den Sohn des Polizisten hat es gegeben. Und diesen Cencerro ebenfalls. Davon berichtet die Autorin im Nachwort.

Almudena Grandes pflegt einen üppigen Stil, sie liebt die verbale Ausschweifung, liebt Pathos, Theatralik. Dieser Stil machte schon Grandes’ frühere Bücher zu Bestsellern. Im neuen Roman verfolgt die Autorin mit märchenhaftem Gestus eine politische Mission: Sie kämpft mit den Guten (den "Demokraten" – so nennt sie pauschal die spanischen Linken) gegen die Bösen (die "Faschisten"). Sie versteht sich als Stimme jener Landsleute, die unter Franco zum Schweigen verurteilt waren. Ein spanischer Kritiker bezeichnete die Verfasserin als "militante Muse" der Linken.

Grandes’ jüngstes Werk ist ein Buch über Schuld und Sühne, über Freundschaft, Verrat und Rache. Es ist vor allem ein Abenteuerroman: Packend berichtet die Autorin vom Abenteuer der Adoleszenz. Und genauso packend, wenn auch weniger glaubwürdig, erzählt sie vom Abenteuer, als Einzelner einer Diktatur zu widerstehen.

Besprochen von Uwe Stolzmann

Almudena Grandes: Der Feind meines Vaters
Roman. Aus dem Spanischen von Roberto de Hollanda
Hanser Verlag, München 2013
400 Seiten, 19,90 Euro