Dienstag, 2. September 2014MESZ23:31 Uhr

Buchkritik

FamiliengeschichteZerwürfnisse wie Giftmüll
Wachsfiguren-Kabinett in St. Petersburg: Geheimdienst-Chef Lawrentij Berija (l.) und Stalin, dazwischen der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko.

Den Niedergang einer Familie vor dem Hintergrund der finsteren Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert schildert Nino Haratischwili in ihrem Mammutroman. Allerdings ergeben die detaillierten Episoden nur ein unübersichtliches Wimmelbild.Mehr

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.02.2013

Auf der Seite der Guten

Almudena Grandes: "Der Feind meines Vaters", Hanser Verlag, München 2013, 400 Seiten

Die spanische Schriftstellerin Almudena Grandes
Die spanische Schriftstellerin Almudena Grandes ( picture-alliance / dpa / ANDRES PEREZ MORENO)

Almudena Grandes wird in Spanien ein wenig spöttisch die "militante Muse" der Linken genannt. In "Der Feind meines Vaters" erzählt sie die Geschichte eines unangepassten jungen Mannes, der sich in Zeiten des Franco-Terrors gegen seinen Vater stellt und auf die Seite der Linken schlägt.

Almudena Grandes gehört zu den erfolgreichsten spanischen Autoren der Gegenwart. In mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, Preise. Gleich ihr erster Roman Lulú (1989) wurde ein internationaler Bestseller, Gesamtauflage: über eine Million.

In etlichen Büchern erzählt sie von den Auswirkungen der Diktatur und von den bis heute verfeindeten Lagern: Franco-Anhänger und Franco-Gegner. Mario Vargas Llosa nennt die Autorin "eine der besten Schriftstellerinnen unserer Zeit". Kritiker hingegen bemängeln: riesige Panoramen, aber wenig Tiefgang, Herzschmerz und Klischees.

"Der Feind meines Vaters", der zweite Band einer auf sechs Teile angelegten Geschichte über die Herrschaft Francos. Band 1, "Inés und das Glück", handelte vom Versuch einer antifranquistischen Invasion im Jahre 1944.

Almudena Grandes, geboren 1960 in Madrid, ist in grausamen Zeiten groß geworden, in der Spätphase der Franco-Diktatur. Ein Pakt des Schweigens herrschte: Der Staatsstreich von 1936 hieß nur "nationale Erhebung", Franco galt als Retter des Landes, das Leid linker Opfer war tabu.

Nach Francos Tod 1975 erlebte der Pakt eine Neuauflage. Doch seit mehr als zehn Jahren streiten die Spanier nun heftig über ihre Vergangenheit, und Almudena Grandes ergreift in Interviews und Texten beherzt Partei.

Der Schauplatz ihres jüngsten Romans ist ein Dorf in Andalusien. Die Zeit: die Jahre 1947 bis 1949, Jahre des rechten Terrors. Im Ort herrschen "Verrat, Denunziation, Angst", Polizisten foltern Verdächtige, und auffällig oft wenden sie das "Fluchtgesetz" an: Mutmaßliche Rote sterben durch Kugeln in den Rücken. "Spanien hat sich in ein Land von Mördern und Ermordeten verwandelt", sagt eine Figur im Buch.

Der Ich-Erzähler ist ein neunjähriges Kind, Nino, zu klein geraten, aber von großem Mut. Die Familie lebt in der Kaserne der Guardia Civil, denn Ninos Vater ist Polizist. Der Junge verabscheut, was der Vater tut. Ninos engster Freund ist ein Kauz, Pepe, der Portugiese, er lebt abseits in einer Mühle. Pepe, der Unangepasste, öffnet dem Jungen ein Fenster in die Welt. Nino beginnt zu lesen, Bücher mit ähnlich unangepassten Figuren, Romane von Jules Verne und Stevenson.

Ninos größtes Vorbild aber ist ein Guerillero in den Bergen, Cencerro. Ein Held wie Robin Hood, man denkt an Kevin Costner. Freigiebig verteilt er Geld, auf den Scheinen steht: "So zahlt Cencerro". Im Dorf heißt es plötzlich, Cencerro sei erschossen worden, dann wieder hört man, er sei auferstanden.

Ende gut, fast alles gut: Nino wird Kommunist, und er wird studieren, Psychologie. Über Pepe erfahren wir: Er war kein Kauz, sondern ebenfalls Guerillero, eine Art Manager des Untergrundkampfes, zuständig für Tarnung und Spezialaufgaben. Im neuen Spanien treffen die Freunde einander wieder. Pepe ist eine Kunstfigur. Aber den Sohn des Polizisten hat es gegeben. Und diesen Cencerro ebenfalls. Davon berichtet die Autorin im Nachwort.

Almudena Grandes pflegt einen üppigen Stil, sie liebt die verbale Ausschweifung, liebt Pathos, Theatralik. Dieser Stil machte schon Grandes’ frühere Bücher zu Bestsellern. Im neuen Roman verfolgt die Autorin mit märchenhaftem Gestus eine politische Mission: Sie kämpft mit den Guten (den "Demokraten" – so nennt sie pauschal die spanischen Linken) gegen die Bösen (die "Faschisten"). Sie versteht sich als Stimme jener Landsleute, die unter Franco zum Schweigen verurteilt waren. Ein spanischer Kritiker bezeichnete die Verfasserin als "militante Muse" der Linken.

Grandes’ jüngstes Werk ist ein Buch über Schuld und Sühne, über Freundschaft, Verrat und Rache. Es ist vor allem ein Abenteuerroman: Packend berichtet die Autorin vom Abenteuer der Adoleszenz. Und genauso packend, wenn auch weniger glaubwürdig, erzählt sie vom Abenteuer, als Einzelner einer Diktatur zu widerstehen.

Besprochen von Uwe Stolzmann

Almudena Grandes: Der Feind meines Vaters
Roman. Aus dem Spanischen von Roberto de Hollanda
Hanser Verlag, München 2013
400 Seiten, 19,90 Euro