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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.09.2009

Auf den Sofas fremder Leute

Brian Thacker: "Couch Surfing", Eichborn Verlag, 368 Seiten

Wer bei Fremden auf der Couch schläft, kann allerhand Abenteuer erleben.
Wer bei Fremden auf der Couch schläft, kann allerhand Abenteuer erleben. (Stock.XCHNG / J Cash)

Brian Thacker übernachtet bei Leuten, die einen Schlafplatz auf ihrer Couch in Internet anbieten – und trifft beim "Couch Surfing" reiche Gastgeber und arme Schlucker, Partygänger und mathematische Genies mit Neigung zum Vollrausch.

Das ist doch mal ein witziges Buch über das Reisen! "Couch Surfing" heißt es und es beschreibt, so der Untertitel "Eine abenteuerliche Reise um Welt". Couch Surfing funktioniert folgendermaßen: Seit 2004 gibt es die gleichnamige Internet-Plattform, – es gibt noch andere, aber das ist im Moment nicht so wichtig – auf der Mitglieder Fremden eine kostenlose Couch für ein oder zwei Tage zum Übernachten anbieten. Das Angebot steht im Netz zusammen mit einem Persönlichkeitsprofil, so dass man ungefähr weiß, bei wem man übernachten wird. Per E-Mail kann man sich anmelden und die Details des Treffens und der Unterkunft vereinbaren. Die Idee dieser Website, die nach eigener Auskunft eine Million Mitglieder hat, ist es, "inspirierende Erfahrung zu schaffen: Begegnungen unterschiedlicher Kulturen machen Spaß, schaffen Engagement und Erleuchtung."

Brian Thacker ist gebürtiger Engländer, aber schon als Kind nach Australien ausgewandert, in ihm sind die Gene zweier notorischer Reisevölker virulent. Irgendwann ist ihm die Idee gekommen, seine ausgiebigen Reisen zu einem langen Trip auf den Sofas fremder Leute zu verbinden. So entstand das Buch.

"Ich habe nur eine Regel: Du MUSST dich täglich duschen! (Ich habe schon Schlimmes erlebt.) Daniel Ortega, 24, Santiago de Chile, Chile."

Das Spannende beim Couch Surfing ist, dass man nicht weiß, auf wen man trifft und was einen erwartet.

"Typ Mensch, mit dem ich gut auskomme: Trinker und Partysprenger. Pedro Conforti, 29, Rio de Janeiro, Brasilien.”

Auf jeden Fall scheint es zu den Gepflogenheiten der Gemeinde zu gehören, in großem Maßstab Alkohol zu trinken. Soviel kann der CouchSurfer schon erwarten. Was er mitbringen muss, ist eine große Toleranz gegenüber allen möglichen Lebensformen, Wohnungseinrichtungen und Hygienevorstellungen. Dann kann es losgehen.

"An den Wochenenden lasse ich mir einen Bart stehen, repariere Autos, fälle Bäume, trinke Bier, treffe mich mit Freunden und gebe ordentlich Gas. Jeremy Ribbinck, 27, Kitchener, Kanada."

Thacker beschreibt mit trockenem Humor die Menschen, denen er auf den unterschiedlichen Kontinenten begegnet. Man spürt, wie viel Vergnügen es ihm bereitet, Menschen zu treffen, sie zu beobachten und festzustellen, dass sie alle auf ihre eigene Weise schräg sind, unkonventionell und kreativ im Umgang mit ihrem Leben.

Dass Thacker eher farbige und unorthodoxe Menschen trifft, hat natürlich mit seinem System des Reisens zu tun: Leute, die einen Fremden bei sich aufnehmen, ohne zu wissen, ob er nicht der lang gesuchte Axtmörder ist, sind von Natur aus anders unterwegs als wir gewöhnlichen Spießer.

Thacker trifft reiche Gastgeber und arme Schlucker, mathematische Genies mit Neigung zum Vollrausch, er trifft fast immer Leute, die ihn mitschleppen auf Partys oder in die angesagten Lokale der Stadt, die sich aus keinem Reiseführer herauslesen lassen. Thacker beschreibt das Gelage in Chicago, das – wie in Chicago nicht anders zu erwarten - mit einem großflächigen Polizeieinsatz endet, ebenso unterhaltsam wie die sensationellen Angebote in Kenia, seine kleine Tochter zum Preis von fünf oder sechs Kühen an einen Fünfjährigen zu verheiraten. Oder er erzählt aufgeschnappte Geschichten wie die vom Selbstmörder in Kanada, der vier Tage am Baum hing, weil man ihn für die Dekoration einer Halloween-Fete hielt.

Thacker schildert seine Erlebnisse notwendig in der Ich-Form, aber er ist klug und diszipliniert genug, kein Buch über sich zu schreiben, sondern über die Menschen, die er erlebt hat, und die Orte, an denen er sie traf. Und das, was er an Informationen über die 15 Länder, die er durchsurft hat, mitteilt, erscheint nach einem Vergleich mit den eigenen Erfahrungen durchaus vertrauenswürdig.

"Unsere Kuhherde erwartet dich am Eingangstor. Dort nimmt dich auch unser Wachmann in Empfang, der während seiner Schicht gern mal ein Nickerchen einlegt. Penelope Walker, 26, Neu-Delhi, Indien."

Für den Reisenden hat Couch Surfing den Vorteil, dass er zu einer billigen Unterkunft und zu einem ortskundigen Führer kommt. Für den Inhaber der Couch hat es den Vorteil, dass die Welt zu ihm nach Hause kommt, ohne dass er sich bewegen muss. Und so geht es dem Leser mit diesem Buch – er reist um die Welt, trifft viele Menschen, erlebt viel, hat viel gelacht und ist vielleicht ganz froh, dass er so manche Schmuddelecke nicht wirklich gesehen hat.

"Gib einem Belgier ein Bier und er ist glücklich. Joris Willem, 29 Antwerpen Belgien."

Besprochen von Paul Stänner

Brian Thacker: Couch Surfing. Eine abenteuerliche Reise um die Welt
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer
Eichborn Verlag
368 Seiten, 17,95 Euro