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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.07.2012

Assads Regime macht Jagd auf jede einzelne Kamera

Der documenta-Künstler Rabih Mroué über syrische Scharfschützen und ihren Krieg gegen Bilder

Sigrid Brinkmann im Gespräch mi Rabih Mroué

Der libanesische Künstler Rabih Mroué (picture-alliance / dpa)
Der libanesische Künstler Rabih Mroué (picture-alliance / dpa)

Das syrische Regime will unter allen Umständen verhindern, dass Informationen aus dem Land nach draußen dringen. Wer in Syrien filme, sei in Lebensgefahr, sagt der libanesische Künstler Rabih Mroué. Denn die Sicherheitsleute würden gezielt auf diese Menschen schießen.

Sigrid Brinkmann: Rabih Mroué lebt und arbeitet in Beirut als Schauspieler, Stückeschreiber und Kurator von Kunstveranstaltungen. Ende Mai hat er in Berlin das Documentary Forum eröffnet. Dann zog er weiter nach Kassel. Der 45 Jahre alte Künstler wurde zur documenta 13 eingeladen. Im Hauptbahnhof – einem der vielen umfunktionierten Ausstellungsorte der documenta – zeigt Rabih Mroué eine mehrteilige Installation über die Weise, wie heute in Kriegszeiten das Handy zum Auge wird, das den Gegner fixiert und manchmal sogar das eigene Sterben festhält. Er lädt Videos aus dem Internet, er verbindet sie mit Spielfilmmaterial und einem von Hand abgespielten 8-mm-Film.

Bei der Weltausstellung "The world is not fair" auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin war Rabih Mroué mit der Installation "Double shooting" vertreten. Wer im Laufschritt einen Korridor mit großen Einzelaufnahmen auf Stellwänden durchquert, sieht, wie ein syrischer Scharfschütze sich auf einem Dach aufrichtet, den Träger der Kamera ins Visier nimmt und schießt. Dass man sich selbst als Betrachter in der Rolle des Opfers erlebt, ist Teil der Inszenierung. Ich habe Rabih Mroué gefragt, seit wann er Bilder und Videos sammelt?

Rabih Mroué: Ich habe vor langer Zeit damit angefangen, Dinge aufzubewahren. Ich sammele nicht nur Videos aus dem Web. Das Aufheben wurde zu einer Gewohnheit. Es war fast schon eine Sucht. 2006 habe ich mein Archiv öffentlich ausgestellt. Dahinter steckte irgendwie auch die Absicht, es loszuwerden. Es war längst zu einer Last geworden. Youtubes und Bilder sichere ich erst seit wenigen Jahren. Daraus entstand dann zum Beispiel die Arbeit "The pixelated revolution" über die Proteste in Syrien. Eineinhalb Jahre lang habe ich im Netz verfolgt, was die Demonstranten hineinstellen.

Sigrid Brinkmann: "The pixelated revolution" heißt eine Ihrer Vortagsperformances - eine Installationsreihe, die Sie gerade in Deutschland zeigen. Anfang des Jahres war diese Arbeit in New York zu sehen, dann in Beirut. Gibt es große Unterschiede in der Rezeption?

Rabih Mroué:: Ich komme aus Beirut, und meine Arbeit ist thematisch und auf geradezu organische Weise, also körperlich und direkt mit den Bewohnern von Beirut verbunden. Diese Arbeit kommt dort ganz anders an als in anderen Städten. Sie handelt von unserem gewöhnlichen Alltag und dem, was wir die ganze Zeit auch tun: nämlich Nachrichten über die Vorgänge in Syrien hören und versuchen, zu begreifen, welche Auswirkungen das auf unser Leben hat. Jeder hat eine Meinung dazu, und die Leute in Beirut sagen dir direkt ins Gesicht, was sie von deiner Arbeit halten; manchmal ist es brutal, manchmal konstruktiv. Sie sind schon daran interessiert, eine Diskussion fort zu führen, aber ihre hitzige Art ist eben anders als alles, was man in Europa und den USA so an Reaktionen erfährt.

Sigrid Brinkmann: In welcher Hinsicht wollen Sie unsere Perspektive, unseren Blickwinkel verändern auf das, was Sie aus dem Netz ziehen und zum Teil auch wieder aufführen lassen, das heißt re-inszenieren?

Rabih Mroué: Für mich ist die Re-Inszenierung ein wichtiges Mittel, um einen Abstand herzustellen, denn die Videos zeugen wirklich von großer Gewalt, selbst wenn man kein Blut und keine Leichen sieht. Man weiß, hier geht es um "double-shooting": um den Augenkontakt zwischen Kameramann und Scharfschützen, und dann hört man einen Schuss, der das Mobiltelefon traf. Wir wissen nicht, ob der Filmende verwundet, getötet oder gerettet wurde. Die Tatsache, dass das Handy von einer Kugel getroffen wurde und auf den Boden fiel, ist bereits Ausdruck großer Gewalt.

Sigrid Brinkmann: Diese Herangehensweise ist natürlich auch ein sicherer Weg, um zu vermeiden, dass man neue Ikonen schafft.

Rabih Mroué: Die nachgestellten Videos, ebenso wie das Originalmaterial, das ich während meiner Vortragsperfomances und in meiner Ausstellung bei der documenta 13 zeige, machen es unmöglich, sich mit einer Seite zu identifizieren: weder mit dem Schützen noch mit dem Opfer. Es ist sehr interessant, die Videos zu analysieren und sie in Teile zu zerlegen. Ich nutze das Bildmaterial, um etwas herauszufinden über die Beziehung zwischen Bild, Abbild und Tod.

Sigrid Brinkmann: Wann ist Ihnen aufgefallen, dass die Videofilmer bei Massendemonstrationen das Handy wie einen Teil ihres Körpers benutzen und manchmal zu Opfern werden, weil sie die Gefahr zu spät realisieren und gar nicht merken, dass auf sie gezielt wird?

Rabih Mroué: Es ist erstaunlich zu beobachten, dass das syrische Regime auf jede einzelne Kamera und jedes Handy schießen lässt, mit dem fotografiert, gefilmt und Ton aufgenommen wird. Es will Bilder löschen und verschwinden lassen. Wir haben Videos angeschaut, auf denen man Menschen ganz normal umhergehen sieht. Plötzlich sieht einer von den Sicherheitsleuten jemanden in der Menge, der mit dem Handy filmt, und sofort richtet er sein Gewehr auf den Filmenden und drückt ab. Vielleicht hat er ihn erschossen.

Es wird auch ein Krieg gegen Bilder geführt. Das syrische Regime will unter allen Umständen verhindern, dass Informationen und Quellen zirkulieren, die es nicht kontrolliert hat. Deshalb wird auf professionelle Journalisten, die die Vorgänge dokumentieren, geschossen, deshalb verfolgt man sie und weist sie aus. Dieses Regime fürchtet die Medien und das Bild über die Maßen. Es macht Jagd auf jedes einzelne Handy, das über eine Kamera verfügt.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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