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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.11.2011

Arme Seelen im Fegefeuer

Calixto Bieito inszeniert Calderóns "Welttheater" in Freiburg

Von Christian Gampert

Regisseur Calixto Bieito geht es in seinen Inszenierungen oft um Unterdrückung und Gewalt. (picture alliance / dpa)
Regisseur Calixto Bieito geht es in seinen Inszenierungen oft um Unterdrückung und Gewalt. (picture alliance / dpa)

Pedro Calderón de la Barcas "Großes Welttheater" ist ein christliches Erbauungsspiel, das im 17. Jahrhundert an Fronleichnam aufgeführt wurde. Auch Calixto Bieito bringt das Stück im Theater Freiburg nun sehr katholisch auf die Bühne.

Bislang gab es unterschiedliche Auffassungen über die Frage, ob der Regisseur Calixto Bieito Gott sei oder eher nicht. Jetzt kann letztgültig festgestellt werden: Bieito sieht zumindest aus wie der liebe Gott. Oder vielmehr sieht der Counter-Tenor Xavier Sabata, der in Freiburg Gott spielt, auf verblüffende Weise Bieito ähnlich.

Der Regisseur lässt seinen glatzköpfigen Hauptdarsteller, der zunächst mal das Universum erschaffen muss, mitten im Publikum hysterisch hecheln und barmen - das Werk der Schöpfung scheint ihm so gefährlich misslungen, dass er sich, nach diversen ariosen, hyperventilierenden Anfangs-Rezitativen, gleich der Frau Welt erotisch an den Hals wirft. Mehr als ein halblebiges Petting kommt dabei aber nicht heraus - was wahrscheinlich daran liegt, dass Frau Welt mit der katholischen Kirche identisch ist; sie trägt jedenfalls züchtig ein Kreuz um den Hals und einen langen schwarzen Rock.

Auch der Katalane Bieito ist mehr mit der katholischen Kirche verbandelt, als man bisher dachte. Seine Inszenierung des "Großen Welttheaters" bleibt ganz existentialistisch bei den großen Fragen von Leben und Sterben, von Werden und Vergehen. Das letzte Hemd hat keine Taschen, so lautet ja die ernüchternde herbstliche Botschaft des Pedro Calderón de la Barca, die man auch in Freiburg mal Investment-Bankern und anderen Börsenjongleuren um die Ohren hauen könnte.

Aber nein, nix Aktualisierung, nix Finanzkrise: Bieito vertraut eher dem Bedrohungs-Potential der Musik, die er bei seinem Landsmann Carles Santos bestellt hat und die auch gleich in Form von phallischen Orgelpfeifen auf die Bühne herniederschwebt. Mit diesen Pfeifen kann man metallischen Lärm erzeugen, das klingt dann schwer nach Industriezeitalter, und Santos‘ eklektizistische, aber theatralisch präsente Musik unterstützt sehr wirksam das elende Atmen und Schreien der armen Seelen, die da in die Welt gespien werden.

Der Reiz von Calderóns allegorischem Belehrungsspiel, das Figuren wie "Schönheit" und "Weisheit" und Rollenmuster wie den "Reichen" und den "Bettler" vorführt, liegt im theatralisch prallen Ausagieren menschlicher Lebensmöglichkeiten; sein bisweilen etwas nervender Nachteil ist die additive Reihung: Wenn einer gestorben ist, kommen dann noch fünf andere dran. Aber so ist er nun mal, der Katholizismus: auf's Ritual fixiert.

Aus der Fruchtblase, bei Bieito eine Art Bauplane, werden lendenbeschürzte nackte Hippies ins Dasein geworfen, wo sie gleich barmend die Hände recken wie im Fegefeuer oder im Irrenhaus. Carles Santos‘ auf modernstem Materialstand komponierte Musik, unter der Leitung von Clemens Flick nur mit Schlagwerk, fauchendem Harmonium und computerisierter Bach-Orgel ausgeführt, unterstützt hämmernd das rhythmische Wehgeschrei der Sterblichen, das manchmal entfernt auch an die Südkurve oder den Affenkäfig gemahnt.

Am anrührendsten sind die Klagelieder einer ungeborenen Seele, die nicht auf die Bühne der Welt darf, während die anderen sich über ihre Rollen beschweren. Handle gut, denn Gott ist Gott! Mit diesem christlichen Ratschlag schickt Bieito seine sich kasteienden Schauspieler-Menschlein auf eine bald endende Lebensbahn, wo nur Frau Welt, die grandios singende Leandra Overmann, barocke Widerstandskraft besitzt. Die anderen erfüllen vor allem angstzitternde Klischees in Bieitos Theater der Affektation, das zur Stillung des Hungers gern mal die heilige Kommunion verabreicht und am Ende den reichen Mann mit einem Kettcar an die Wand fahren lässt.

Das ist die einzige kapitalismuskritische Einrede des Regisseurs, der seinen Sturm und Drang deutlich hinter sich hat. Sein Welttheater sieht längst aus wie ein angenehm grummelnder Hippie-Workshop der Emotionen; die Musik von Carles Santos aber bleibt im Ohr als diffiziler Verzweiflungs-Sound, der sich den am Ende vorgeturnten Todesarten entgegenstellt.

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