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Interview | Beitrag vom 02.12.2016

Arbeiterkinder und Studium"Viele kennen gar nicht ihre Möglichkeiten"

Katja Urbatsch im Gespräch mit Nana Brink

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Eine Studentin der Schulpädagogik schreibt am 17.10.2012 während einer Vorlesung in einem vollen Hörsaal in der Universität in Tübingen (Baden-Württemberg) mit. (picture alliance / dpa - Jan-Philipp Strobel)
In deutschen Hörsälen sitzen bisher vor allem Akademikerkinder. (picture alliance / dpa - Jan-Philipp Strobel)

Studium oder nicht? Diese Entscheidung hängt bei jungen Menschen in Deutschland vor allem vom Bildungshintergrund der Eltern ab. Die Initiative Arbeiterkind.de will das ändern.

Die Perspektiven eines Kindes in Deutschland hängen noch immer vor allem vom Bildungshintergrund der Eltern ab. Um das zu ändern, hat Katja Urbatsch die Initiative Arbeiterkind.de gegründet. Das deutsche Schulsystem basiere stark darauf, dass die Eltern ihre Kinder sowohl finanziell als auch ideell unterstützen, so die Kritik von Urbatsch am Freitag im Deutschlandradio Kultur. Sie selbst hat zusammen mit ihrem Bruder als erste aus ihrer Familie studiert.

"Man muss erst einmal auf die Idee kommen, dass man einen anderen Weg einschlagen kann, als die bisherige Familie", weiß Urbatsch aus eigener Erfahrung. "Wenn noch niemand studiert hat, dann kann man natürlich niemanden fragen, man hat keine Vorbilder in der Familie." Deswegen sei es wichtig, dass jemand von außen die Idee an einen herantrage.

Bildungssystem nur in der Theorie durchlässig

In ganz Deutschland gehen Ehrenamtliche der Initiative in die 9. und 10. Klassen, um dort ihre eigene Bildungsgeschichte zu erzählen. Theoretisch gebe es zwar eine große Durchlässigkeit im deutschen Bildungssystem, etwa mit dem zweiten und dritten Bildungsweg, so Urbatsch. "Aber viele Menschen kennen gar nicht ihre Möglichkeiten oder trauen sie sich nicht zu."

Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, das zu ändern. "Es ist wichtig, dass jeder einzelne von uns sich verantwortlich fühlt, die Potenziale in unserer Gesellschaft zu heben."

Frage der Finanzierung ist entscheidend

Gegenüber der Politik formulierte Urbatsch die Forderung, genauer hinzuschauen, wo genau die Hürden für den Bildungsaufstieg liegen. "Wir merken, dass die Finanzierung für unsere Zielgruppe eine ganz wichtige Frage ist: Wieviel BAföG kriege ich eigentlich? Wenn man das erst weiß, wenn man schon studiert, ist das natürlich eine riesen Hemmschwelle." Häufig läge der Teufel im Detail.

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Das Interview im Wortlaut

Brink: Sie waren selbst die Erste in Ihrer Familie, woran hakt es denn am meisten mit der Bildungsgerechtigkeit?

Urbatsch: Ja, leider ist es so, dass in Deutschland die Perspektiven eines Kindes vom Bildungshintergrund der Eltern abhängen, weil wir haben zum einen ein Schulsystem, was sehr auf den Eltern basiert, das heißt, dass es die Eltern selbst zum Mitmachen anregt und auch erwartet, dass sie sowohl finanziell als auch ideell sich einbringen. Und zum anderen war es bei mir zum Beispiel so, man muss erst mal auf die Idee kommen, dass man auch einen anderen Weg einschlagen kann als die bisherige Familie. Wenn noch niemand studiert hat, dann kann man natürlich auch niemanden fragen, man hat keine Vorbilder in der Familie, und dann kommt es sehr drauf an, dass auch jemand von außen diese Idee mal an einen heranträgt. Und das passiert einfach häufig nicht, und häufig bleibt man dann in seinen Bahnen und macht einfach das, was die Familie gemacht hat, unabhängig davon, ob das eigentlich den eigenen Talenten entspricht.

Brink: Und es würde ja Ihre Plattform nicht geben, wenn das alles funktionieren würde. Versagt dann die Politik, und zwar aus allen Parteien?

Urbatsch: Ich weiß gar nicht, ob das die Politik alleine ist, ich glaube, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ich finde es ganz wichtig, Verantwortung zu übernehmen. Mich haben viele gefragt, ja, warum kümmerst du dich um andere Menschen, was interessieren dich die Bildungswege anderer Menschen, aber mir ist es einfach auch ein persönliches Anliegen und vielen von uns, die aufgestiegen sind, auch, dass wir merken, da sind so viele Potenziale, da sind so viele Menschen, die ganz viele Talente haben, die sie nicht hervorbringen können, weil sie von außen nicht ermutigt werden. Ich glaube, das ist ganz wichtig, dass jeder Einzelne von uns sich verantwortlich fühlt, die Potenziale unserer Gesellschaft zu heben – das heißt Politik, das heißt Lehrerinnen und Lehrer, das heißt Eltern, aber auch viele andere Akteure.

"Kann ich mir das überhaupt zutrauen?"

Brink: Nun haben Sie diese Plattform gegründet, Arbeiterkind.de, wo setzt Ihre Arbeit an, wenn ich Sie da mal an dem Punkt greife, wir haben alle eine gesellschaftliche Verantwortung?

Urbatsch: Also wir fangen an in den neunten, zehnten Klassen, wo wir eben mit unseren Ehrenamtlichen in die Schulen gehen. Wir haben 75 lokale Arbeiterkind-Gruppen in ganz Deutschland mit ganz wunderbaren Ehrenamtlichen, die größtenteils selber als Erste in ihrer Familie studiert haben. Sie gehen in die Schulen ab neunte, zehnte Klasse und erzählen vor allem ihre Bildungsgeschichte und zeigen auf, welche Perspektiven es gibt. Und es ist gerade wichtig, da in der neunten, zehnten Klasse anzufangen, weil viele ja auch auf Schulen sind, die nur bis zur zehnten Klasse gehen, und viele kennen gar nicht ihre Möglichkeiten oder wissen gar nicht, wenn ich jetzt eine Ausbildung mache, kann ich dann eigentlich hinterher noch weitermachen. Und da merken wir auch, dass es da hakt, dass wir zwar theoretisch eine große Durchlässigkeit im Bildungssystem haben – es gibt den zweiten Bildungsweg, es gibt den dritten Bildungsweg, es gibt eigentlich immer wieder Möglichkeiten weiterzumachen, aber viele Menschen kennen diese Möglichkeiten gar nicht oder trauen sich die eben nicht zu. Und dann gehen wir vor allem eben auch in die Oberstufen, aber auch Abendgymnasien, Berufsschulen und versuchen da auch aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt und übers Studium zu informieren. Weil ich hatte zum Beispiel damals überhaupt keine Informationen, dass es Stipendien gibt, wie BAföG funktioniert und was es überhaupt heißt zu studieren, kann ich mir das zutrauen, bin ich gut genug, und was mache ich damit vor allem hinterher, wenn ich fertig bin, kriege ich da einen Job.

Brink: Erreichen Sie denn diese Menschen aus diesen bildungsfernen Familien oder sagen wir mal ganz konkret die, die gar nicht Bescheid wissen?

Urbatsch: Ja, wir erreichen sehr viele, deswegen gehen wir ja auch in die Schulen, weil wir sagen, wir müssen zu der Zielgruppe hin. Wir schauen auch, wo wir sonst noch die Zielgruppe treffen können, wo wir auch Eltern treffen können, um mit ihnen zu sprechen, und wir machen da sehr gute Erfahrungen. Also wenn wir einmal in einer Schule waren, werden wir eigentlich immer wieder eingeladen. Die sind sehr begeistert, die Lehrerinnen und Lehrer sind auch sehr begeistert, weil es natürlich einfach schön ist, wenn da mal jemand von außen kommt und vor allem auch die eigene Bildungsgeschichte erzählt. Das inspiriert einfach viele, und wir merken, wir werden überschüttet mit Fragen von Schülerinnen und Schülern, wenn die sich dann erst mal trauen und das erste Eis gebrochen ist.

"Der Teufel liegt im Detail"

Brink: Dann wäre es ja eigentlich sinnvoll, wenn Sie dann auch Unterstützung erfahren aus der Politik. Ist das so?

Urbatsch: Ja, ich muss sagen, wir werden sehr von der Politik unterstützt. Wir bekommen natürlich auch Fördermittel, wir werden vom Bundesbildungsministerium unterstützt, auch von vielen Wissenschaftsministerien, Stiftungen, wir finanzieren uns auch durch Spenden, aber auch viele Politiker haben bei unserer Aktion mitgemacht, Ersteanderuni.de, wo sie ihre eigene Bildungsgeschichte erzählen. Also ich merke schon, dass da eine große Unterstützung und Begeisterung ist.

Brink: Aber was müsste sich denn dann ändern, gerade, sagen wir mal, jetzt auch auf Länderebene, was müsste ein Bildungsminister tun aus Ihrer Sicht, um das noch mehr zu befördern, was Sie gerade geschildert haben?

Urbatsch: Ich glaube, wichtig ist wirklich auch die Ansage, dass wir das brauchen in Deutschland, dass wir unsere Talente heben müssen, dass wir den Bildungsaufstieg wollen und mehr Durchlässigkeit. Und dann geht es aber, glaube ich, auch darum, eben noch mal genauer hinzugucken, wo sind denn genau die Hürden. Wir merken zum Beispiel, dass natürlich die Finanzierung für unsere Zielgruppe eine ganz wichtige Frage ist, wie viel BAföG kriege ich eigentlich. Und wenn man erst weiß, wie viel BAföG man bekommt, wenn man schon studiert, dann ist das eine Riesenhemmschwelle. Oder wenn man anfängt zu studieren und das BAföG sollte eigentlich im Oktober kommen, kommt aber erst im Januar, dann ist das natürlich eine riesige Stresssituation. Und auch vorher im Bildungssystem müssen wir, glaube ich, noch mal genauer hingucken, wo genau sind die Hürden für Kinder aus nichtakademischen Familien und wie können wir diese Hürden abbauen, weil häufig liegt der Teufel da wirklich im Detail, dass Kleinigkeiten wirklich große Dinge verhindern.

Brink: Vielen Dank, Katja Urbatsch, Gründerin und Geschäftsführerin der Plattform ArbeiterKind.de, die Familien ohne Hochschulerfahrungen unterstützen, also die Kinder, als Erste in der Familie zu studieren. Schönen Dank, Frau Urbatsch für das Gespräch!

Urbatsch: Gerne!

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