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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.11.2012

Arabischer Frühling "soll nicht zu uns kommen"

Leiter der Schneller-Schule in Jordanien über die Revolution und eine mögliche Neu-Ausrichtung der Bildungseinrichtung

Ghazi Musharbash im Gespräch mit Susanne Führer

Welche Auswirkungen hat der Arabische Frühling auf Jordanien? (picture alliance / dpa / Amel Pain)
Welche Auswirkungen hat der Arabische Frühling auf Jordanien? (picture alliance / dpa / Amel Pain)

Ghazi Musharbach spricht über Folgen des Arabischen Frühlings in der Bildung. "Wir haben Angst", sagt der Leiter der Schneller-Schule in der Nähe von Amman, der möchte, dass "dieser Frühling nicht nach Jordanien kommt".

Susanne Führer: Umbruch in der Bildung heißt eine Tagung, die in diesen Tagen das Goethe-Institut in Berlin veranstaltet: Da geht es nicht um IGeL und PISA und Zentralabitur, sondern um die Schulen, die Schulbildung in der arabischen Welt und aktuell darum, wie diese sich nach Arabischen Frühling geändert hat oder auch ändern muss.

Versammelt sind Schulleiter aus mehreren arabischen Ländern, an deren Schulen auch deutsch unterrichtet wird, und mit dabei ist Ghasi Musharbash, er leitet die Schneller-Schule in Jordanien, das ist in der Nähe von Amman, liegt diese Schule, und ich freue mich sehr, dass Sie hier sind. Herzlich willkommen, Herr Musharbash!

Ghazi Musharbash: Vielen Dank!

Führer: Ja, auf der Konferenz hier in Berlin soll es auch darum gehen, was Ethik, Respekt und Toleranz in der Schulbildung jetzt in der arabischen Welt bedeuten. Für diese Werte stehen die Schneller-Schulen ja schon länger. Was sind die Schneller-Schulen eigentlich genau.

Musharbash: Die Schneller-Schule war erst 1860 gegründet in Jerusalem von Johann Ludwig Schneller aus der Schwäbischen Alb. Und die Mission war, für Waisenkinder, behinderte Kinder, Jungen und Mädchen. Und damals gab es keinen Unterschied zwischen Christen, Juden oder Arabern.

Aber 48, als Israel gegründet wurde, hat Israel alles kassiert an Wiedergutmachung, und dann mussten die deutschen und arabischen Schüler alle raus, Flüchtlinge alle, und dann sind sie nach Bethlehem erst für vier Jahre, auf die Lutherian World Federation, die lutherische Schule, und dann die Lehrer und dann die Schüler, die in Jerusalem waren, wollten die Mission weiter. Dann haben sie eine Schule in Libanon gegründet, in Khirbet Kanafar, und dann später 1859 in Jordanien.

Führer: 1959.

Musharbash: ... 59 - und die Schule, wir haben auch jetzt Moslems und Christen im Internat, und wir haben keinen Unterschied. zum Beispiel nächste Woche, wir feiern Weihnachten, sodass die Moslems machen unseren Christmas Tree – Weihnachtsbaum – sie machen die Dekoration, die Moslems für uns. Im Ramadan feiern wir zusammen – das ist wichtig, dass wir in der Schule uns verstehen, kennen und akzeptieren.

Führer: Und hat nun der Arabische Frühling, Herr Musharbash, also die Stürze der Diktatoren in Tunesien und Ägypten, die Massendemonstrationen für Demokratie, hat der Ihre Schule verändert, ist der sozusagen noch durch die Schulmauern durchgedrungen?

Musharbash: Unsere Regierung hat das so gemacht, dass jede Schule muss ihr Schülerparlament wählen. So jetzt vor zwei Wochen hatten wir unsere Wahl, und jetzt haben wir ein Parlament zum ersten Mal, das zweite Jahr jetzt, in der Schule. Letztes Jahr, das war die erste Wahl, und weil ich auch Member of Parlament, ich bin selbst ...

Führer: Abgeordneter?

Musharbash: ... Abgeordneter in Jordanien, dann habe ich unser Speaker of the House, und dann haben zehn Abgeordnete mitgemacht, und wir haben so einen halben Tag diskutiert mit denen. Ich glaube, der Arabische Frühling hat uns schon, viele Sachen sind geändert, die die Schüler jetzt aussprechen, freiwillig, was sie wollen, und so weiter. Und wir machen auch selbst die Gelegenheit. Für uns in der Schneller-Schule, wenn wir Christen und Moslems zusammenwohnen – ich meine die Kinder –, und das heißt, zwölf Jahre, und dann zwei Jahre Beruf, ich glaube, die verstehen sich besser.

Bis jetzt hatten wir kein Problem in der Schule. Wir haben vier Kinder aus Syrien, Flüchtlinge, und jetzt fangen wir an mit IRD, das International Relevant Development aus Amerika, wir fangen auch Berufsunterricht in Saatari, Flüchtlingslager für Syrien, in Nordjordanien an, das ist 100 Kilometer entfernt.

Führer: Ghazi Musharbash, der Leiter der Schneller-Schule in Jordanien, ist im Deutschlandradio Kultur. Herr Musharbash, sie haben es jetzt gerade angesprochen: Jordanien grenzt direkt an das Bürgerkriegsland Syrien, es kommen viele Flüchtlinge ins Land, es kommen immer mehr Flüchtlinge ins Land, die unter zum größten Teil wirklich sehr erbarmungswürdigen Zuständen leben, und wie weit sind sie davon in Ihrer Schule betroffen, inwieweit bekommen sie davon etwas mit?

Musharbash: Der Ministry of Education ...

Führer: Der Bildungsminister auf Deutsch.

Musharbash: Ja, der Bildungsminister – für Flüchtlinge in der Schule, sie machen ein Studium, wo die Flüchtlinge leben, und so was, und dann fragen die verschiedene Schulen, ob sie acht, zehn oder zwanzig Schüler in den Klassen haben. So, das war bei uns, aber was wichtiger ist für uns ist ...

Führer: Entschuldigung, das habe ich jetzt nicht verstanden, in der Klasse, ob Sie die aufnehmen, die Kinder?

Musharbash: Ja, ja, wir nehmen die frei in der Schule bei uns, in verschiedene Schulen, in verschiedene Städte und Dörfer auch. Aber bei uns wohnt eine Familie auch aus Syrien, eine Frau, sie ist mit ihren zwei Kindern nach Amman, und sie wohnt seit den letzten vier Monaten hier, und – Dank sei Gott – ihr Mann ist gestern auch gekommen. So, die Familie ist jetzt zusammen. Immer haben wir einen Platz für eine Familie, früher war eine Iraki-Familie dort. So, unsere Mission ist nicht für die Jordanier, auch für andere arabische Länder oder regional auch.

Führer: Und ist dieser Bürgerkrieg in Syrien und die vielen Flüchtlinge in Ihrem Land, ist das ein Thema an Ihrer Schule? Wird darüber gesprochen?

Musharbash: Ja, klar. Wir fangen am ersten Januar einen Trainingskurs für Berufe in Saatari an, und wir machen das freiwillig, weil wir sagen, Syrien sind unsere Nachbarn und sind auch Araber. Wir haben Verwandte, es gibt in Jordanien mehr als 100.000 Syrer, die in Jordanien sind seit 1920 oder so was. Und wir haben fast 180.000 Flüchtlinge in Jordanien jetzt, und wenn man sagt, dass der Jordan kein Wasser hat, und wir bezahlen zu viel für Öl und so weiter als armes Land, so Jordanien macht sein Bestes, um den Arabern in Syrien zu helfen. Und wir wollen sicher, dass dieser Arabian Spring, dieser Frühling nicht nach Jordanien kommt. Es ist wie ein Fluch, ja? Wir haben Angst, das soll nicht zu uns kommen.

Führer: Der soll nicht zu Ihnen kommen?

Musharbash: Soll nicht zu uns! Bis jetzt hatten wir Demonstrationen in Jordanien und so weiter, aber Dank sei Gott, kein Tropfen Blut bis jetzt in der Straße.

Führer: Aber den Arabischen Frühling verbinden wir mit etwas Positivem, mit Demokratie und Freiheit.

Musharbash: Das ist Selbstmord in Syrien, das ist leider nicht Freiheit und nicht Demokratie, ehrlich. Ich sage das: Destruction.

Führer: Zerstörung.

Musharbash: Das ist in Jordanien was anderes. Wir haben unsere ...

Führer: Eine konstitutionelle Monarchie ...

Musharbash: Wir haben 40 Artikel geändert, 40 Gesetze geändert, neue Wahl haben wir, wir haben ein Komitee, ein neutrales Komitee für die Wahl. Früher war es das Innenministerium, und jetzt nicht mehr, wir haben auch einen Constitution Court.

Führer: Verfassungsgericht!

Musharbash: Ja. Und es ist klar, wir haben so viel geändert, ich glaube, wir sind vor dem Frühling, wir haben das selbst gemacht.

Führer: Eine Frage noch, das betrifft Sie jetzt nicht mit Ihrer Schule in Jordanien, aber wenn ich so an Schulen in Ägypten oder in Tunesien denke, dann fühle ich mich erinnert an die Situation in der DDR 1990, wo man die alten Schulbücher eigentlich auch alle wegwerfen musste und ganz neu von vorne anfangen. Ist das da so, wissen Sie das, haben Sie Kontakte dahin?

Musharbash: Ich glaube, was Sie sagten, ist richtig, auch in Jordanien. Wir haben viel Kritik jetzt an unseren Curriculum-Büchern von der Regierung, es gibt viele Sachen, die müssen geändert werden. Zum Beispiel in Klasse eins, es ist so geschrieben: "Mein Bruder spielt, meine Schwester spielt. Mein Vater sieht Fernsehen, meine Mutter kocht." Das soll geändert sein.

Führer: Wird aber Zeit!

Musharbash: Oder wenn alles – das ist Zeit zu ändern, ja? Oder zum Beispiel, wenn man Exemplare gibt wegen guter Leute, und dann sagt man Islam, Islam, Islam. Aber wir wollen zusammen, warum gibt es Moslems und Christen? Wir in der Schule, in der Schneller-Schule, warum soll man nicht sagen, ein Vers vom Koran und dann ein Vers von der Bibel, die gleich sind? Ich mache eigentlich in unserer Schule den abrahamischen Garten. Das heißt, wir werden dort Pflanzen vom Alten Testament, vom Neuen Testament und Koran mit Versen und so weiter.

So, wenn die Schüler kommen, dann sehen sie, was ist los zu vergleichen. Das alles ist gleich in den drei verschiedenen Religionen. Ich glaube, so was brauchen wir in Nahost. Ich habe zum Beispiel, wo wir Christen und Moslems unterrichten für die Schüler, ich habe Kreuz und Crescent Mond zusammen, einen Meter groß, und ich sage den Schülern: Ihr sollt die Symbole von anderen Religionen respektieren und akzeptieren, und nicht Angst haben wie in Europa und Amerika jetzt. Wir unterrichten unsere Schüler, dass sie Respekt haben, ja? Das soll sein eigentlich. Und der abrahamische Garten will so was auch mitmachen. Für mich, das ist wichtiger als der Arabische Frühling, wenn wir das selbst tun.

Führer: Das sagt Ghazi Musharbash, er ist der Leiter der Schneller-Schule in Jordanien, und ich danke Ihnen herzlich für Ihren Besuch hier im Studio, Herr Musharbash!

Musharbash: Dankeschön, vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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