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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 18.02.2011

Antisemitismus auf der Kinoleinwand

Der türkische Film "Tal der Wölfe – Palästina"

Von Luise Sammann

Reales Vorbild für fiktionalen Film: Im Hafen von Gaza nach dem Stopp der "Gaza-Flotilla". (AP)
Reales Vorbild für fiktionalen Film: Im Hafen von Gaza nach dem Stopp der "Gaza-Flotilla". (AP)

In dem als antijüdisch kritisierten Film rächt Polat, eine Art türkischer James Bond, die Opfer, die 2010 von israelischen Soldaten auf der "Gaza-Flotilla" erschossen wurden. Offenbar wird Antisemitismus immer salonfähiger in der Türkei.

"Wenn ich groß bin, dann werde ich mal so wie Polat" – so träumen nicht wenige kleine Jungen in der Türkei. Agent Polat ist ein Action-Held, der in der TV-Serie "Tal der Wölfe" allwöchentlich loszieht, um die Türkei vor inneren und äußeren Feinden zu retten: vor amerikanischen Spionen, kurdischen Separatisten – und natürlich immer wieder vor mordenden Juden und israelischen Geheimdienstagenten.

Millionen von Zuschauern hat Action-Held Polat in den letzten Jahren vor den Bildschirm bzw. ins Kino gelockt. Nicht wenige Türken vergessen dabei, dass "Tal der Wölfe" eine Fiction-Serie bzw. ein Actionfilm ist – und kein Dokumentarfilm. Der 24-jährige Ibrahim aus Antalya zum Beispiel glaubt, dass Polat ihm im aktuellen Kinofilm "Tal der Wölfe – Palästina" hilft, die Weltpolitik besser zu verstehen:

"Sie erzählen die Geschichte der Mavi Marmara, bei der wir neun türkische Märtyrer verloren haben. Ich finde das gut, jeder sollte diese Dinge wissen und sehen. Der Hauptcharakter des Films, Polat, lässt es nicht zu, dass die Türkei unterdrückt wird. Er macht uns stolz mit seinen Sätzen, deswegen mögen wir ihn."

Doch was Ibrahim am neuen Kinofilm am meisten beeindruckt hat, waren nicht die markigen Sätze Polats. "Die Juden erschießen da massenweise unschuldige Palästinenser, einfach so, von hinten …", erinnert er sich empört. Das ist es, was hängen geblieben ist. Und das ist es, klagt der 28-jährige Selim aus Istanbul, was ihm das Leben schwer macht. Selim ist Jude.

"Weniger gebildete Leute sehen das so: Oh, unsere muslimischen Brüder sterben da, den Film müssen wir sehen. Israel ist sowieso grausam, das gucken wir uns an und verfluchen es einmal mehr ... Viele Türken können dabei nicht zwischen Juden und Israelis unterscheiden. Für alles, was die israelische Regierung tut, machen sie deswegen sämtliche Juden auf der Welt verantwortlich."

Selim zuckt mit den Schultern. Als türkischer Jude, sagt er, musst du dich daran gewöhnen. Wenn der Taxifahrer mal wieder eine ganze Salve an Flüchen auf Israel ablässt – und dann gleich auf die Juden im Allgemeinen übergeht, behält Selim seine Religion deswegen meist lieber für sich.

"Die meisten Leute um mich herum sind Akademiker, die sehen das zum Glück nicht so, die werden nicht gleich antisemitisch. Aber sagen wir mal 90 Prozent derer, die diesen Film sehen, sind nicht so gebildet. Und so fördert diese Serie die Feindschaft gegenüber uns Juden, sie fördert Antisemitismus. Stück für Stück wird es mehr – und 'Tal der Wölfe' sorgt dafür, dass es schneller geht."

Das glaubt auch der jüdisch-türkische Politologe Soli Özel, der in Istanbul Internationale Beziehungen lehrt. Er meint nicht nur, dass "Tal der Wölfe" Antisemitismus gegen die Juden innerhalb der Türkei schürt, sondern auch, dass der Film die jüdisch-israelischen Beziehungen einmal mehr vergiftet:

"Ich glaube, Israel wird sehr deutlich reagieren. Die türkisch-israelischen Beziehungen stecken ohnehin in einer Sackgasse. Beide Seiten glauben, dass die Spannungen behoben werden müssen, aber bisher hat das niemand geschafft. Da bräuchte man schon eine magische Formel."

Die steckt in dem türkischen Action-Streifen mit Sicherheit nicht. 2010 bestellte das Außenministerium in Tel Aviv aus Protest gegen die Darstellung Israels in "Tal der Wölfe" gar den türkischen Botschafter ein – monatelange diplomatische Verstimmungen folgten. Und so regen sich nun auch in der Türkei Stimmen, die – wenn auch noch sehr vorsichtig – fragen, ob die Macher von "Tal der Wölfe" nicht zu weit gehen. In der liberalen Tageszeitung "Radikal" zum Beispiel heißt es deutlich:

"Man kann natürlich sagen, am Ende ist es nur ein Film. Aber die einzige Emotion, die man danach fühlt, ist das Bedürfnis nach billiger Rache."

Und an anderer Stelle schreibt ein Journalist:

"Einfache Bürger, die keine Zeitung lesen und vor allem Fernsehen gucken, verstehen die Innen- und Außenpolitik bald nur noch mittels 'Tal der Wölfe'."

Die Macher des Films haben damit offensichtlich kein Problem, ganz im Gegenteil, in Fernseh-Interviews betont Regisseur Zubeyir Sasmaz den politischen Willen, der hinter dem Film stecke:

"Es geht uns nicht um eine Geschichte, in der irgendein Rambo nach Israel geht, um Rache zu üben. Wir wollen die Situation zeigen, in der Palästinenser und sogar Israelis leben. Wir wollen darauf aufmerksam machen."

Doch am Ende zählt für die Filmemacher wohl vor allem eins: der Erfolg an der Kinokasse. Sie wissen: Mit lauten Worten gegen Israel lässt sich im Moment in der Türkei viel Zustimmung erzielen. Das hat der türkische Ministerpräsident Erdogan in den letzten Jahren mehr als einmal vorgemacht. Türkischen Juden, wie Selim aus Istanbul, verschafft dabei nur eine Nachricht ein kleines bisschen Genugtuung: "Tal der Wölfe – Palästina" wurde in vielen türkischen Feuilletons entgegen allen Erwartungen zerrissen. Eine schlechte Geschichte kann demnach selbst eine ordentliche Portion Antisemitismus nicht so einfach wettmachen.

Aus der jüdischen Welt

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