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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.03.2008

Anti-Anti-68er-Manifest

Albrecht von Lucke: "68 oder neues Biedermeier", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008, 91 Seiten

Einer der Protagonisten der 68er: Studentenführer Rudi Dutschke. (AP Archiv)
Einer der Protagonisten der 68er: Studentenführer Rudi Dutschke. (AP Archiv)

Albrecht von Lucke nimmt in seiner Streitschrift "68 oder neues Biedermeier" mit Leidenschaft eine umstrittene Generation ins Visier. Er galoppiert durch die jüngere deutsche Geschichte und attackiert diejenigen, die im Zeichen der neuen Bürgerlichkeit die 68er verdammen.

Es war einmal … 1968. Eine lose Folge von Ereignissen, die spätestens mit der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg auf der Anti-Schah-Demonstration im Juni 1967 begann und mit der Verabschiedung der Notstandsgesetze im Mai 1968 nicht aufhörte. Später traten die Fakten hinter der Geschichte ihrer leidenschaftlichen Deutungen zurück. Die einen redeten mit Jürgen Habermas vom Beginn der "Fundamentalliberalisierung" der Bundesrepublik, andere verbanden ‚68’ vor allem mit gesellschaftlichen "Schadensfolgen" (Hermann Lübbe).

In "68 oder neues Biedermeier" skizziert der Jurist und Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, wie "68" zur historischen Kippfigur wurde. Die heutige Kampflinie verläuft für von Lucke zwischen dem "neuen Bürgertum" und den Kindeskindern der Liberalisierung. Das 90-Seiten-Bändchen steigert sich zum furiosen Anti-Anti-68er-Manifest. Ein intellektueller Quickie, kurz und scharf.

Von Lucke schickt voraus, dass Hannah Arendt 1968 das noch laufende Jahr mit der bürgerlichen Revolution von 1848 verglichen hat. Er periodisiert die Folgezeit wie üblich: das "rote Jahrzehnt" bis 1977, der "Marsch durch die Institutionen" bis zur Abwahl der rot-grünen Koalition 2005, das Aufkommen der "neuen Bürgerlichkeit" dieser Tage. "Politische Generationen sind konkret oder sie sind nicht", lautet von Luckes Credo. Weshalb er "jene Nach-68-Labels von den 78ern über die 89er oder die Generationen Berlin, Golf, Reform" für bloße "Reißbrett"-Generationen hält.

Und schon steckt man mitten im Kampf, den die Linke 1968 mit Jürgen Habermas ausfocht, als dieser Baaders und Ensslins Kaufhausanschläge als "ritualisierte Formen der Erpressung und des Trotzes von Heranwachsenden" geißelte. Als weiterer linker Mahner gegen die Radikalisierung tritt Oskar Negt auf. Von Lucke unterstreicht, dass 1968 tatsächlich auch der Nährboden für die Pervertierung von Protest im RAF-Terrorismus war. Immerhin stichelte noch 1976 der potenzielle Molotowcocktail-Werfer Joschka Fischer: "Wir können uns […] nicht einfach von den Genossen der Stadtguerilla distanzieren, weil wir uns dann von uns selbst distanzieren müssten."

Mit einem Kursbuch-Aufsatz des späteren taz-Herausgebers Klaus Hartung beginnt 1978 die Selbstwahrnehmung der deutschen Linken als der "68er-Generation" (während bis dahin betont wurde, dass nicht der Jahrgang, sondern der Aufstand gegen die autoritäre Gesellschaft das Einigende sei).

Womit diejenigen, die Geschichte gemacht hatten, Gegenstand von Geschichtsschreibung wurden - und dank zunehmender Medienmacht kräftig mitschrieben, wie Silvia Bovenschen anmerkte: "Wir sind die Generation, die das Ereignis bewacht." Die 68er durchdrangen viele Segmente der Gesellschaft, bis es ihnen bei der Wende 1989 die Sprache verschlug. 1989 sei "68" praktisch über Nacht zum Makel geworden, setzt von Lucke eine (allzu) scharfe Zäsur. Die Sieger der Geschichte schienen im bürgerlichen Lager zu stehen. Was sich wiederum änderte, als 1998 die rot-grüne Koalition die Macht übernahm und eine Politik betrieb, die auch eine barsche Entsorgung ideologischer Altlasten von 1968 war.

Von Lucke wetzt wie getrieben, aber stets trittsicher über den Geschichtsparcours. Er liefert die schneidigsten Zitate so präzise wie den großen deutschen Zusammenhang. Die anfänglich kritisch-analytische Sicht auf die 68er verwandelt sich in eine Attacke gegen die heutigen Anti-68er, die im Zeichen "neuer Bürgerlichkeit" Restauration betreiben. Das Buch verwandelt sich, es wird zum Manifest, zur Polemik.

In der Phalanx der Gegner, die von Lucke angreift, stehen Olaf Henkel, Kai Diekmann, Frank Schirrmacher und Joachim Fest, der Mann, der von Günter Grass "keinen Gebrauchtwagen" kaufen wollte - aber von Albert Speer, dem begabtesten Vollstrecker Hitlers, gern gekauft hat. Der seriöse Albrecht von Lucke, geboren 1967, wird zum lustvollen Berserker im Kampf gegen die Scheinheiligkeit gewisser Konservativer. Weshalb man resümieren kann: Das Beste von 68, das intelligente Aufmucken, hat sich erhalten.

Rezensiert von Arno Orzessek

Albrecht von Lucke: 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008
91 Seiten, 9,90 Euro

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