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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.07.2006

Ansichten über Rembrandt

Jubiläums-Ausstellungen in Kassel

Von Volkhard App

Rembrandt Harmensz. van Rijn, Selbstbildnis als junger Mann, 1629 (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)
Rembrandt Harmensz. van Rijn, Selbstbildnis als junger Mann, 1629 (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)

Auf Schloss Wilhelmshöhe zeigt man derzeit nicht nur die eigene landgräfliche Rembrandt-Sammlung mit hervorragenden Porträts - mittels Leihgaben stellt man Rembrandt auch als gelegentlichen Landschaftsmaler heraus. Einmal mehr lässt sich in den Jubiläums-Ausstellungen die Finesse seines Pinselstrichs bewundern, Rembrandts Vorliebe für warme rötlich-braune Töne und sein kompositorisches Geschick im Ganzen.

Ein Wuschelkopf im Alter von 23 Jahren: Verwundert schaut er drein, mit hochgezogenen Brauen und leicht geöffnetem Mund. Ein Selbstbildnis Rembrandts von 1629. Jahrzehnte später tritt er uns als alter Mann
entgegen: mit aufgedunsenem Gesicht, skeptisch, und auch ein wenig verwirrt.

Ein Meister wird neu besichtigt. Was aus seinem Werk also rührt uns heute an? Er verstand es, seine Historienbilder dramatisch zuzuspitzen und die Szenen durch perfekte Lichtgestaltung aufzuladen - dennoch sind es womöglich nicht diese biblischen und mythologischen Stoffe aus Rembrandts Oeuvre, die ein breites Publikum in der Moderne besonders beschäftigen.
Gregor Weber, Kurator in Kassel auf Schloss Wilhelmshöhe, hebt die Porträts
hervor:

"Bei Rembrandt ist immer wieder faszinierend, wie menschlich seine Antlitze aussehen. Das ist ein Zugang, der 'blank' übers Auge erfolgt. Wenn wir etwas mehr wissen über die Geschichten, die er darstellt, dann kann man auch bei den Historienbildern feststellen, dass sie abseits der Konvention gemalt sind, dass er in seiner Zeit wie ein kleiner Revolutionär ständig neue Bildideen hervorgebracht hat, so dass seine Historiengemälde ganz andere Punkte jener Geschichten herauslösen als es andere Maler seiner Epoche getan haben."

Auf Schloss Wilhelmshöhe zeigt man derzeit nicht nur die eigene landgräfliche Rembrandt-Sammlung mit hervorragenden Porträts - mittels Leihgaben stellt man Rembrandt auch als gelegentlichen Landschaftsmaler
heraus: mit einer symbolträchtigen Mühle hoch oben auf einem Felsen - und einer Gewitterlandschaft, die zur Totalen, zu einem einzigen unheimlichen "Welt-Bild" geraten ist. Rembrandt, wirklich ein herausragender Landschaftsmaler? Weber:

"Er wollte sicherlich kein Fachmaler für Landschaften sein. In einem kurzen Zeitraum von vielleicht 12 Jahren hat er sich mit diesem Thema beschäftigt - und jedes dieser Stücke ist so ungewöhnlich und so anders als das, was die Fachmaler für Wiesen, Kühe und Windmühlen gestaltet haben, dass seine Bilder eben 'Rembrandt' sind."

Thomas Döring, Kurator am Braunschweiger Herzog Anton Ulrich - Museum, differenziert nicht zwischen den unterschiedlichen Bildgenres, wenn er die Bedeutung Rembrandts für heutige Betrachter unterstreicht:

"Er ist einzigartig, weil er in jedem Werk immer auf den Kern menschlicher Existenz abhebt, einen bestimmten menschlichen Konflikt, und auch in seinen Auftragswerken ist er von diesem Anspruch niemals abgegangen. Es ist diese absolute Konsequenz, die ihn über die Jahrhunderte hinweg immer zu einem ganz besonderen Künstler gemacht hat, der uns heute unglaublich gegenwärtig erscheint."

Alter, Verfall und auch unerträgliche Gewalt sind beunruhigende Themen seiner Werke. Einmal mehr lässt sich in den Jubiläums-Ausstellungen die Finesse seines Pinselstrichs bewundern, Rembrandts Vorliebe für warme rötlich-braune Töne und sein kompositorisches Geschick im Ganzen.

Nicht minder beschäftigt die Biographie des großen Künstlers das Publikum - mit den bekannten tragischen Zäsuren: Drei seiner Kinder starben im Säuglingsalter, Frau Saskia und seine spätere Lebensgefährtin verschieden früh. Zum schmerzlichen Einschnitt nach erfolgreichen Jahren als Auftragsmaler wurde auch der Bankrott 1656. Silke Gatenbröcker, Kuratorin am Braunschweiger Herzog Anton Ulrich-Museum, über noch nicht geklärte Stellen in Rembrandts Biographie:

"Immer noch ist unklar, wie sein finanzieller Zusammenbruch genau entstand. Ich würde solche Punkte aber als nicht so zentral bewerten. Für uns sind tatsächlich seine Kunstwerke, die er uns hinterlassen hat, das Bedeutende, womit wir uns beschäftigen sollten und die uns direkt betreffen. Für mich ist Rembrandt jemand, der grundlegende Fragestellungen zum menschlichen Zusammenleben, zu den Beziehungen untereinander in den Blick nimmt und deshalb große Aktualität behalten wird."

In Braunschweig bereitet man zur Zeit gleich zwei Ausstellungen vor: eine mit grafischen Blättern aus Rembrandts Umkreis, und die andere Schau mit Gemälden rankt sich um ein Prachtstück der eigenen Sammlung: das späte "Familienbild" des Künstlers von 1668, das mit den glücklichen Eltern und ihren vitalen Kindern zunächst wenig spektakulär wirkt, aber doch einen Gegenentwurf zu Rembrandts eigenen familiären Erfahrungen darstellt.

Der Meister als kulturtouristische Attraktion. Aber man sollte auch nach seinem Einfluss auf zeitgenössische Künstler fragen. Hubertus Gaßner, Direktor der Hamburger Kunsthalle:

Ob Rembrandt Einfluss auf die modernen Künstler hat? In seiner Malerei und seinen Themen eher nicht. Rembrandt ist jemand für Connaisseure und eben weiterhin ein großer Name - neben Leonardo und Michelangelo eines der ungekrönten Häupter der Kunstgeschichte. Ich glaube nicht, dass er direkten Einfluss auf die Gegenwartskunst hat."

Thomas Döring aus Braunschweig schätzt Rembrandts Bedeutung für zeitgenössische Künstler ganz anders ein. Und besonders augenfällig sei dessen Ausstrahlung auf die klassische Moderne:

"Lovis Corinth ist nach Braunschweig gepilgert, um das 'Familienbild'
Rembrandts zu sehen, weil er es für das großartigste jemals entstandene Gemälde hielt. Eine andere Form der Nachwirkung lag sicherlich auch in Rembrandts beispielhafter Persönlichkeit als einer unbeschränkt schöpferischen. Und die findet man immer wieder gespiegelt im Spätwerk Picassos, in den Radierungen, wo es immer um den Künstler geht, der einerseits Picasso ist - und andererseits und nicht selten: Rembrandt."

Rembrandt in vielen Sälen. In Braunschweig öffnen die Ausstellungspforten im September, in Berlin Anfang August, in Kassel lädt sein Werk schon jetzt zum Besuch ein.


Service:

Die Ausstellungen "34 Gemälde Rembrandts in Kassel! - Die historische Sammlung von Landgraf Wilhelm VIII." und "Rembrandts Landschaften" sind noch bis zum 20. August 2006 und 17. September 2006 in den Staatlichen Museen Kassel zu sehen.

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