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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.10.2013

Anselm Bilgri: Papst reformiert die kirchlichen Strukturen nicht

Der frühere Prior des bayerischen Klosters Andechs: Diplomatische Lösung für Limburger Bischof

Moderation: Nana Brink

Anselm Bilgri (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
Anselm Bilgri (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Der Unternehmensberater und Buchautor Anselm Bilgri sieht sich nach der Entscheidung über eine Pause für den Bischof von Limburg in seiner Skepsis gegenüber dem Reformwillen von Papst Franziskus bestätigt. Zwar setze sich Franziskus stärker für die Armen ein, die Kirchenstrukturen aber ließe er unangetastet.

Nana Brink: Was Manager können, können jetzt auch Bischöfe: eine Auszeit nehmen! So die Entscheidung des Vatikans zur Personalie Franz-Peter Tebartz-van Elst. Papst Franziskus belässt den Limburger Bischof vorerst im Amt, der Bischof aber soll jedoch eine Auszeit außerhalb seiner Diözese nehmen. Eine endgültige Entscheidung über die Zukunft des in die Kritik geratenen Bischofs steht damit noch aus, in Limburg selbst sehen das die Menschen durchaus zwiespältig:

Umfrage: "
- "Ich finde das richtig, damit erst mal ein bisschen Gras drüber wächst, über die ganze Angelegenheit, und das Ganze erst 'mal ein bisschen beruhigt wird."

- "Ja, ich denke mal, der Papst möchte auch selber mal erst überlegen und klare Gedanken fassen, das ist besser als die Medienkampagne, die im Moment gegen den Bischof gefahren wird. Das ist eine ganz üble Sache. Wenn jemand am Boden liegt, tritt man nicht noch hinterher."

- "Die einen verprassen es mit dem Flughafen, der de Maizière verprasst es mit den Drohnen, und der macht das eben hier. Das sind doch Steuergelder, die verprasst werden, oder? "

- "Ich denke, man sollte ihn hier ablösen. Der darf ruhig weiter für die Kirche arbeiten, aber nicht mehr hier. Wenn man Schaden von der Kirche abwenden will, dann mit einer klaren Entscheidung, und nicht so halb-halb, keinem wehtun und weiter wie bisher.""

Brink: So weit also die Meinungen in Limburg. Anselm Bilgri ist Buchautor und ehemals streitbarer Prior des berühmten Benediktinerklosters Andechs in Bayern. Schönen guten Morgen, Herr Bilgri!

Anselm Bilgri: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Haben Sie eine Entlassung des Bischofs erwartet?

Bilgri: Direkt nicht, aber so eine ähnliche Lösung wie jetzt schien mir schon sehr passabel zu sein. Der Papst entlässt einen nicht, der Bischof und der Papst gemeinsam bewahren ihr Gesicht und es ist trotzdem so, dass dieser problematische Mensch für eine Zeit aus dem Verkehr gezogen wird.

""Eigentlich ganz konservativ""

Brink: Aber dann fragt man sich doch, will denn der Papst bei all der neuen Sprache und Demut an den Machtmechanismen der Kirche festhalten?

Bilgri: Glaube ich schon im Letzten. Also: Ich war ja immer schon ein bisschen skeptisch nach diesem begeisterten Empfang des neuen Papstes. Ich glaube, dass er im Stil und seiner Option für die Armen tatsächlich sehr menschennah ist, aber dass er, was so kirchliche Dogmen und innerkirchliche Strukturen, also nicht im Vatikan, aber so, was die Stellung von Bischöfen, die ja so sakrosankt sind, betrifft, dass er da eigentlich ganz konservativ ist.

Brink: Sie selbst haben ja auch persönliche Konsequenzen gezogen, Sie wurden nicht Prälat in München, sind nicht in die klösterliche Gemeinschaft zurückgekehrt, weil, ja, weil die katholische Kirche keine Kritik verträgt?

Bilgri: Die Kirche ist sicher eine sehr nachtragende Organisation.

Brink: Das ist sehr schön formuliert!

Bilgri: Sie merkt sich Verfehlungen oft auch über Jahrhunderte hinweg, ist ja klar.

Brink: Über 2000 Jahre, ja!

Bilgri: Ja, ja! Aber gut, ich habe damit gerechnet, dass so eine etwas diplomatische Lösung jetzt da beim Bischof von Limburg ... Es ist schon erstaunlich, dass Rom sich also mit so einem hessischen Provinzbistum - also, die Limburger mögen das jetzt verzeihen, die zuhören -, sich überhaupt beschäftigt, da ja ist auf der großen Landkarte der katholischen Kirche weltweit, das ist Limburg sicher nur ein kleiner Fleck. Und ich glaube: Wir Deutschen überschätzen uns da immer ein bisschen von unserer Bedeutung für die Weltkirche.

Brink: Sie waren oder sind immer noch als Unternehmensberater tätig und Ihr ganz großes Thema ist ja auch die Moral. Was ist denn dann die Moral aus dieser Geschichte?

Bilgri: Die Moral für uns alle ist sicher: Man kann, wie es immer so schön das Bild ist, nicht Wasser predigen und Wein trinken. Kirche kann nicht zu Bescheidenheit und zu Demut, auch Armut, Option für die Armen, mahnen und es propagieren und gleichzeitig aber, wenn es auch nur eine Person jetzt ist beispielhaft, in der Person des Bischofs, dann das Gegenteil davon tun. Obwohl ich jetzt bei dem persönlich manchmal das Gefühl habe, dass er furchtbar naiv ist, so wie man ihn sieht, Herr Tebartz-van Elst, und vielleicht gar nicht die Konsequenzen und die Kosten im Detail genau durchgerechnet hat, sondern er hat sich halt beraten lassen und ... Also, persönlich trägt er sicher auch die Schuld, aber ich glaube, nicht so, wie wir das meinen. Also, so ein Protzer ist er, glaube ich, selber gar nicht.

""Die Kirche muss wissen, wozu sie da ist""

Brink: Sie haben ja selber mal ein wunderbares ... Na ja, das Anwesen haben Sie nicht gehabt, aber das Kloster Andechs ist ja ein fantastisches Kloster, ein unheimlich altes Kloster, Sie haben es auch gemanagt, es war Ihnen auch ganz wichtig, dass Sie da auch Profit machen. Sie wissen doch ganz genau, wo die Trennlinie eigentlich ist. Muss man immer sozusagen diese Linie im Auge behalten?

Bilgri: Na ja, die Kirche muss wissen, wozu sie da ist. Sie ist da, den Menschen zu dienen, und vor allem natürlich das Geld, das man verdient oder das vorhanden ist, das muss für die Seelsorge dienen. Und der Papst sagt da ganz eindeutig: Es muss vor allem für die Menschen am Rand der Gesellschaft eingesetzt werden. Und das ist, glaube ich, wichtig. Und natürlich muss der Bischof einen angemessenen Unterhalt und Wohnung haben, aber ob es jetzt gerade in dem Stil sein muss, wie es da in Limburg war, das sei dahingestellt. Also, wie gesagt: Immer der Dienstcharakter dessen, was man da hat und was man verdient, der muss im Auge bleiben.

Brink: Wenn Sie noch mal Unternehmensberater wären bei der katholischen Kirche, was würden Sie als Erstes empfehlen?

Bilgri: Na ja, es geht ja um eine gute Unternehmenskultur, es geht auch um Miteinander-Reden und Aufeinander-Hören, das ist so mein Ansatz. Gute Kommunikation, dass der Bischof sich schon sehr gut beraten lässt, kann ich jetzt das machen, kann ich das tun, dass er vor allem auch in sich selbst hineinhört, ist denn das mit meinem Amt und meinem Selbstverständnis auch vereinbar? Also, diese Demut, Bodenhaftung der Menschen, auf dem Boden bleiben und sich nicht abheben, ich glaube, das ist schon sehr wichtig gerade für Führungskräfte.

Brink: Anselm Bilgri, ehemals streitbarer Prior des Kloster Andechs, jetzt Buchautor. Schönen Dank, Herr Bilgri, dass Sie mit uns gesprochen haben!

Bilgri: Gerne geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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