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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.10.2007

Angst vor Dolly

Jeremy Rifkin: "Das Biotechnische Zeitalter", Campus Verlag, 381 Seiten

Die inzwischen verstorbene Dolly gehörte zu den bekanntesten Klontieren der Welt. (British Council)
Die inzwischen verstorbene Dolly gehörte zu den bekanntesten Klontieren der Welt. (British Council)

Das Human-Genom-Projekt ging in seine Endphase, und erstmals wurden embryonale Stammzellen des Menschen im Labor vermehrt: 1998 herrschte in der Biotechnologie Aufbruchstimmung. Viele ließen sich von der Euphorie anstecken, aber es gab auch Warner wie den amerikanischen Ökonomen Jeremy Rifkin. Sein damals veröffentlichtes Buch "Das Biotechnische Zeitalter" wurde zum Bestseller, nun ist eine Neuauflage erschienen.

Biotechnologien locken mit einer rosigen Zukunft, in der alles möglich scheint, aber welchen Preis müssen die Menschen dafür zahlen? In seinem Buch "Das Biotechnische Zeitalter” versucht Jeremy Rifkin, Antworten auf diese - selbst gestellte - Frage zu finden. Seine Vision: Das 21. Jahrhundert wird das Zeitalter der Biotechnologie sein. In einer provokanten Analyse untersucht Rifkin die ökonomischen und sozialen Konsequenzen der biotechnischen Revolution, die zum Ende des vorigen Jahrhunderts begonnen hat. Genau wie die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert einst Standards und Normen in die Technik eingeführt hat, standardisiert und normiert die biotechnische Revolution das Leben selbst. Dabei besteht die Gefahrt, so Rifkin, dass die Empathie, das Mitfühlen, verloren geht.

Diese Revolution wird schon in wenigen Jahrzehnten nach Ansicht Rifkins jeden Aspekt unseres Lebens berühren: Was wir essen, wen wir heiraten, wie wir unsere Kinder bekommen, wie wir arbeiten, wie wir unsere Gesellschaft organisieren und wie wir die Welt um uns herum und uns selbst betrachten. Allerdings sind wir dieser Revolution nicht hilflos ausgeliefert. Denn letztlich werden die Menschen entscheiden, ob und wie sie die moderne Biotechnologie nutzen werden, und nicht Wissenschaftler oder Unternehmer.

Rifkins Vision vom "Biotechnischen Zeitalter" stammt aus dem Jahr 1998. Damals erreichte die Biotech-Euphorie ihren Höhepunkt: Das Klonschaf Dolly war zwei Jahre alt, das Human-Genom-Projekt ging in seine Endphase und erstmals wurden embryonale Stammzellen des Menschen im Labor vermehrt. Biotechnologie-Firmen schossen überall auf der Welt wie Pilze aus dem Boden. Die Kommerzialisierung der Biowissenschaften hatte begonnen und ein Ende schien nicht in Sicht.

Neun Jahre nachdem Jeremy Rifkin diese Vision entwickelt hat, können seine Thesen einer ersten Rivision unterzogen werden. In manchen Punkten hat Jeremy Rifkin recht behalten. Der Handel mit Biopatenten ist nahezu selbstverständlich geworden. Die Genomforschung hat riesige Datenmengen erzeugt; die Bioinformatik ist zu einer eigenen Wissenschaft geworden. Das Ausmaß der Bio-Industrie, die Rifkin beschreibt, ist jedoch kaum angewachsen, denn die Geschwindigkeit der Entwicklung der Branche hat sich seit dem Ende der neunziger Jahrer erheblich verlangsamt. Viele der damals gegründeten Firmen existieren heute nicht mehr. Die Biotech-Blase an den Börsen ist geplatzt. Dass die Biotechnologie eine ähnliche Bedeutung wie Auto- oder Computertechnik erlangen könnte, wie Rikfin vorhersagte, scheint heute unwahrscheinlicher als 1998.

Zwar gilt die Biologie nach wie vor als Leitwissenschaft für das 21. Jahrhundert, ihre wirtschaftliche Bedeutung steht aber deutlich hinter der von Physik oder Chemie. Computer und Datenaustausch prägen unseren Alltag weit stärker als die Biotechnologie, und wie es aussieht, wird es vorerst auch so bleiben. Auch in der Grundlagenforschung gab es ein Umdenken. Neueste Forschungsergebnisse dokumentieren weniger die Macht als die Ohnmacht der Gene. All das hat Rifkin 1998 nicht vorher gesehen.

Die "freundliche Eugenik", die Auswahl von Kindern nach ihrem Erbmaterial, die Jeremy Rifkin beschreibt, blieb auf wenige Einzelfälle begrenzt. Der genmanipulierte Mensch ist heute genauso nah oder fern wie damals. Eine weltweite Genrechtsbewegung, wie Rikfin sie forderte, existiert heute genau so wenig wie vor neun Jahren. Dennoch ist das Buch nicht überholt. Denn die Gefahr einer Bio-Kommerzialisierung existiert nach wie vor.

Rifkins Schreibstil allerdings ist gewöhnungsbedürftig. Er benutzt gerne Parolen oder kreiert neue Schlagworte. Manchmal ordnet er wissenschaftliche Ergebnisse ein oder bewertet sie, ohne sie zuvor zu erklären. Er richtet sich an ein Publikum, das nicht überzeugt werden muss, sondern lediglich seine ablehnende Grundhaltung gegenüber der Biotechnologie bestätigt bekommen möchte. Als erste oder alleinige Informationsquelle zum Thema Biotechnologie eignet sich das Buch daher nicht. Aber für bereits informierte Leser stellt es eine Bereicherung dar.

Rezensiert von Michael Lange

Jeremy Rifkin: Das Biotechnische Zeitalter. Die Geschäfte mit der Gentechnik
Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg
Campus Verlag 2007
381 Seiten, 19,90 Euro

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