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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.01.2015

Angst vor Anschlägen in EuropaRisiken werden falsch eingeschätzt

Ortwin Renn im Gespräch Ute Welty

Der Sarg des "Charlie Hebdo"-Zeichners Tignous wird aus dem Rathaus von Montreuil getragen. (picture alliance / dpa / Yoan Valat)
Zur Trauerfeier für den "Charlie Hebdo"-Zeichner Tignous in Montreuil kamen Hunderte. (picture alliance / dpa / Yoan Valat)

Die Anschläge von Paris verstärkten das Gefühl der Verwundbarkeit - das Risiko, selbst einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen, sei in Europa aber sehr gering, sagt der Risikoforscher Ortwin Renn.

Die Sorge in der Bevölkerung vor Terrorismus nach den Anschlägen von Paris wirke sich nicht unmittelbar auf das alltägliche Verhalten aus und beruhe auch auf einer Fehleinschätzung, meint der Risikoforscher Ortwin Renn.

Die Wahrscheinlichkeit, in Europa tatsächlich selbst von einem Terroranschlag betroffen zu sein, sei "extrem gering", sagte Renn am Samstag im Deutschlandradio Kultur. Das Risiko sei geringer als die Gefahr, an einer Pilzvergiftung zu sterben. Solche Risikoanalysen beruhten auf der Zahl von weit unter 1.000 Terroropfern in Europa in den letzten zehn Jahren sowie weltweit rund 8.000, angesichts einer Zahl von 300 Millionen Menschen. Dennoch hätten bereits die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA die öffentliche Wahrnehmung verändert.

Nach 9/11 geprägt durch die Erfahrung der Verwundbarkeit

Die Erfahrung der Verwundbarkeit habe sich stark ins kollektive Bewusstsein eingeprägt und finde durch jedes neue Ereignis wieder Nahrung. Die Anschläge von Paris würden dazu führen, dass "die Allgegenwärtigkeit des Terrors auch bei uns sich im Bewusstsein niederschlägt." Allerdings führtensolche Ereignisse nicht unmittelbar zu Änderungen im alltäglichen Verhalten in der Bevölkerung, sagte Renn, der das Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart leitet und das Buch "Das Risikoparadox" geschrieben hat.

Überschätzung des realen Risikos

Zur Überschätzung des Risikos, dass es in nächster Zeit auch hierzulande Attentate geben könnte, trügen auch die modernen Medien bei: "Je öfter eine besondere Bedrohung visuell und informativ zur Verfügung steht, desto eher erscheint sie auch real", erklärte der Professor für Umwelt und Techniksoziologie. Und je weniger Erfahrungen mit einem Risiko bestünden, um so mehr rege es die Imagination an: "Der Kitzel, der auch damit verbunden ist, hat so etwas ambivalent Attraktives", erklärte Renn. Insgesamt sei aber unser konkretes Verhalten sehr viel mehr von der einer angemessenen Risikoeinschätzung der realen Bedrohung geprägt, als unser Denken.

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Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Auf einmal ist der Terror ganz nahe. Nur 30 Kilometer ist Verviers in Belgien von der westlichsten Stadt Deutschlands, Aachen, entfernt. Nach Paris sind es immerhin mehr als 300. Dabei dürfte weder die eine noch die andere Entfernung für den entschlossenen Attentäter ein wirkliches Hindernis darstellen. Wer Flugzeuge in Hochhäuser steuern kann, der wird auch Waffen und Sprengstoff über eine ziemlich offene europäische Grenze bringen können. Was also ist reale Bedrohung, was also gefühlte Bedrohung, und wie verändert das alles unser Leben. Fragen, die ich jetzt dem Risikoforscher Ortwin Renn stellen kann. Er lehrt Umwelt- und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart. Guten Morgen, Herr Renn!

Ortwin Renn: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Werden die Ereignisse von Paris und Verviers unser Leben verändern?

Renn: Es wird so sein, dass die Allgegenwart des Terrors auch bei uns stärker sich im Bewusstsein niederschlägt. Ich denke, im alltäglichen Handeln wird es sich weniger niederschlagen, weil doch die Wahrscheinlichkeit, betroffen zu sein, extrem gering ist. Das ist auch ganz unbewusst den meisten Menschen klar, und gleichzeitig wollen sie natürlich auch ihr Handeln, ihr tagtägliches Verhalten auch nicht ändern. Aber das Bewusstsein, dass der Terror quasi allgegenwärtig ist und auch zufälligerweise an der einen oder anderen Seite zuschlagen kann, das wirkt schon wie eine Bedrohung, derer wir uns mehr und mehr auch klar werden und der Teil unserer Lebenswirklichkeit geworden ist.

Welty: Das einschneidendste Erlebnis in dieser Richtung wird wohl das Attentat, die Attentate von Nine-eleven gewesen sein. Wie hat das alles unser Leben verändert, und wie schnell hat man sich auch daran wiederum gewöhnt?

Renn: Es ist so, nach solchen Ereignissen kommt zunächst einmal der Schock, dann kommt ein Stück weit die Angst, und dann kommt die große Frage, ändere ich meine Gewohnheiten oder nicht. Manchmal, und das war nach Nine-eleven, weil es so ein starkes symbolisches Ereignis war – das Herz des Kapitalismus war getroffen und gleichzeitig zeigte sich so deutlich die Verwundbarkeit. Denn letztlich ging es ja, mit zwei Tapetenmessern konnte man die Weltmacht USA ein Stück weit in die Knie zwingen. Und dieses Erlebnis, glaube ich, hat zunächst mal zu diesem Bewusstsein der Verwundbarkeit geführt, aber nicht dazu, dass wirklich wir das Verhalten im Alltag geändert haben. Das ging sehr schnell wieder, ist die Normalität zurück. Aber dass dieses Ereignis sich so stark ins kollektive Bewusstsein eingeprägt hat, das war sicherlich ein Element unseres neuen Erlebens von gesellschaftlicher Bedrohung, die eben doch im Hintergrund unseres Bewusstseins immer wieder lauert und bei jedem neuen Ereignis auch wieder Nahrung findet.

Welty: Gibt es Forschungen darüber, wie groß das Risiko ist, einem terroristischen Anschlag zum Opfer zu fallen?

Renn: Ja. Man kann es natürlich relativ einfach ausrechnen, indem man fragt, wie viele Menschen sind bisher durch Terror gestorben, in Europa beispielsweise, und das in Vergleich setzt zu anderen Risiken. Das ist auch dann nicht verwunderlich, wenn man das tut, dass man dann auf Zahlen kommt, die, sagen wir mal, geringer ist als die Zahl derjenigen, die beispielsweise durch Pilzvergiftungen in Europa sterben. Es sind beides relativ sehr geringe Zahlen. Wir haben weltweit ungefähr 8.000 Terroropfer in den letzten zehn Jahren, wenn man reinen Terrorismus nimmt, also nicht Bürgerkrieg. Das ist natürlich auch immer eine Frage, wo man das verändert, aber in Europa sind es weit unter tausend. Und von daher ist also, wenn man 300 Millionen Menschen sieht, die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich getroffen zu werden, extrem gering. Nur die symbolische Kraft jedes Mal ist groß. Und natürlich, was die Terroristen auch inzwischen wissen: Je zufälliger die Opfer, desto größer ist hinterher die Angst.

Welty: Und woher kommt es dann, dass die Menschen dann doch den Terroristen mehr fürchten als den Fliegenpilz?

Renn: Na ja, es gibt mehrere Gründe. Das eine sagte ich bereits: Ich kann mir vorstellen, rein zufällig Opfer eines terroristischen Anschlags zu sein, das kann, wenn ich in der Eisenbahn sitze, wenn ich im Flugzeug sitze, also alles Dinge, weil ich sehe, es sind eben nicht nur die obersten Zehntausend oder die Entscheidungsträger, die jetzt betroffen sind, sondern ganz normale Menschen. Und je mehr man sich vorstellen kann, dass man selber das Opfer sein könnte, desto größer ist subjektiv die Bedrohung. Und das andere ist, beim Fliegenpilz, da weiß ich, es ist mein eigenes Verhalten. Wenn ich Pilze sammle und esse und da nicht Bescheid weiß, dann ist es ein Stück weit, ich sag mal, zumindest im Bewusstsein, selber Schuld. In dem Moment, wo ich einem Risiko ausgesetzt bin, dass plötzlich, ohne jede Warnung auf mich einschlägt, das hat natürlich ganz andere, bedrohliche Faktoren.

Welty: Inwieweit wird das Gefühl der Bedrohung durch Terrorismus auch befördert durch die Vielzahl an Informationen, an Informationsmöglichkeiten, auch durch solche Kleinigkeiten, dass man dieselbe Nachricht als Eilmeldung gleich drei, vier mal auf dem Smartphone hat, je nachdem, wie viele News-Dienste man abonniert hat?

Renn: Das ist sicherlich ein ganz wichtiger Faktor. Wir wissen einfach auch aus psychologischen Experimenten, dass, je öfter eine bestimmte Bedrohung ein visuelles, vor allem aber eben auch informativ zur Verfügung steht, desto plastischer erscheint es einem und desto eher erscheint es einem auch real. Das wohl eindrucksvollste Beispiel dessen ist, dass nach dem Unfall von Fukushima, den ja nun wirklich die Medien in alle Welt hinausgezaunt hat, vor allem auch in Deutschland, die Deutschen mehr frei verkaufbare Jodtabletten gekauft haben als die Japaner, was eben zeigt, dass die Entfernung gar nicht das Entscheidende war, sondern die Vorstellungskraft, dass hier etwas Schlimmes passiert ist. Und je mehr das sozusagen in der virtuellen Realität auftaucht, desto stärker haben wir auch den Eindruck, dass es auch um die Ecke ist.

Welty: Das klingt aber schon relativ paradox.

Renn: Das ist auch ein Paradox. Wir können sagen, oft ist es so, je geringer das Risiko selber ist und je mehr dieses Risiko für uns sozusagen in der virtuellen Welt auftaucht, desto mehr fürchten wir uns davor, weil wir ja auch selber gar keine Erfahrung mit dem Risiko haben. Niemand von uns oder fast niemand von uns hat ja irgendwo mal Erfahrung, wie es ist, mit richtigen Terroristen oder in einem terroristischen Anschlag in irgendeiner Weise beeindruckt zu sein ...

Welty: Will man ja auch niemandem wünschen.

Renn: Um Gottes Willen! Nur, dadurch wird natürlich auch die Imagination angeregt, und wenn die natürlich durch die virtuelle Welt noch verstärkt wird, hat man plötzlich doch sehr viel stärker den Eindruck dass das was ganz Reales ist. Und wir haben Tausende von Computerspielen, bei denen Terroristen eine große Rolle spielen. Also, es hat auch, bei aller Schrecklichkeit, was Faszinierendes. Und das ist immer so eine Art Ambivalenz in uns. Warum gucken wir uns Krimis an, warum gucken wir uns den "Weißen Hai" an und Katastrophenfilme und alles Mögliche. Je weiter wir von dieser Katastrophenrealität entfernt sind, desto attraktiver erscheinen sie uns. Ein Stück weit natürlich auch, weil wir ganz unbewusst wissen, wir werden wahrscheinlich nie davon betroffen sein. Aber den Kitzel, der auch damit verbunden ist, der hat auch was ambivalent Attraktives. Das ist so ein bisschen, ich sage mal, das Paradoxe auch an diesen Risiken.

Welty: Wie bekommen wir dann gefühlte und tatsächliche Bedrohung besser über- und auseinander? Wie lernen wir, Risiken besser ab- und einzuschätzen?

Renn: Unser Verhalten ist oft viel realer von den echten Bedrohungen beeinflusst als unser Denken. Es ist also so, das kennen Sie vielleicht auch: Viele Leute haben Angst vorm Fliegen, die meisten haben sogar ein bisschen ein mulmiges Gefühl, wissen natürlich genau, dass Fliegen sicherer ist als Autofahren, das weiß inzwischen jeder. Das hält aber, sagen wir mal, 99 Prozent der Leute nicht davon ab, zu fliegen. Man kann auch mit Angst umgehen, und ich denke, dasselbe ist mit dem Terrorismus. Es ist natürlich, heute, vor jedem Funkhaus steht vielleicht ein Wachmann, aber Sie sind trotzdem ins Funkhaus gegangen. Es ist tatsächlich so, dass wir doch im Verhalten sehr viel mehr brauchen, um dann Routine zu überwinden. Das macht vielleicht, dass wir da mit mulmigen Gefühlen, vielleicht sogar auch uns öfter mal dreimal uns umsehen, aber dass man das Verhalten stark ändert, ist eher selten der Fall. Es gibt solche Änderungen der Verhaltensweisen oft direkt nach einem Ereignis, beispielsweise in Erholungsländern, wo wir also gern unseren Urlaub machen, wenn da irgendwas ist, zwei, drei Wochen lang ist dann – die Buchungen gehen zurück, und dann gehen sie wieder auf das vor dem Anschlag gewohnte Niveau wieder hoch. Das war in Bali so, das ist teilweise in Ägypten gewesen. Heute mit den ganzen Unruhen sieht es etwas anders aus. Aber das ist, glaube ich, so ein interessanter Punkt, den wir eben beobachten. Manchmal ist unser Denken noch immer stark verhaftet auch sozusagen eher dem Faszinierenden und auch dem Exotischen, manchmal bis hin eben zu dem, was wir uns gut vorstellen können. Und das Verhalten wird davon weniger geprägt.

Welty: Das Gespräch mit Ihnen war Grund genug, heute ins Studio zu kommen. Der Risikoforscher Ortwin Renn. Danke sehr für Ihre Einschätzung!

Renn: Vielen Dank, Frau Welty, Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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