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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 29.11.2012

Angst und Schrecken in Mittelamerika

Jugendbanden terrorisieren Honduras und El Salvador

Von Martin Polansky

Mitglieder der Gang Mara Salvatrucha in El Salvador (picture alliance / dpa / Edgar Romero)
Mitglieder der Gang Mara Salvatrucha in El Salvador (picture alliance / dpa / Edgar Romero)

Raub, Mord, Erpressung und ein brutaler Kampf um Einflusssphären: Zehntausende Gangmitglieder bedrohen die Bewohner der Großstädte in Zentralamerika. Dem perspektivlosen Nachwuchs aus den Armenvierteln geben die Banden das Gefühl von Macht und Zugehörigkeit.

Der finstere Sound des Verbrechens. Gewalt als Jugendkultur. Es geht um Waffen und Morde, Macht und die Maras. Die brutalen Gangs von Zentralamerika. Tödlicher Ernst mit musikalischer Untermalung.

Owen ist 17. Seine Haare sind kurz geschoren, er steht hinter Gittern. Owen ist im Jugendgefängnis von San Pedro Sula. Die Stadt gilt als die gefährlichste der Welt. Die höchste Mordrate in dem Land mit der höchsten Mordrate auf dem gesamten Globus. Honduras. Owen hat seinen Teil beigetragen zum Verbrechen, wie er prahlt:

"Raub, Mord, Erpressung. Jahrelang. Schon als Kind habe ich mich den Mara 18 angeschlossen."

Die Mara 18 und die Mara Salvatrucha. Das sind eingeschworene Gangs, meist streng organisiert, die dem perspektivlosen Nachwuchs aus den Armenvierteln das Gefühl von Macht und Zugehörigkeit verleihen. Früher waren die Gangmitglieder leicht zu erkennen. Wegen ihrer Tätowierungen fast am ganzen Körper, auch im Gesicht. Aber wer heute so auffällt, muss in Honduras mit Festnahme rechnen. Und deshalb hat der Jung-Kriminelle Owen nur ein paar versteckte Tattoos:

"Wichtig ist nur die Nummer 18 auf dem Körper. Außerdem habe ich hier auf der Hand drei Punkte. Die stehen für 'vida loca', das verrückte Leben."

Die Maras – für viele in Honduras, El Salvador und Guatemala sind sie Synonym für Angst und Schrecken. In US-Städten wie Los Angeles wurden sie einst gegründet. Von jungen Migranten meist aus Zentralamerika. Aber als die US-Behörden Anfang der 90er-Jahre viele Maras abschoben, übernahmen sie die Kontrolle auf den Straßen von Großstädten wie San Pedro Sula, San Salvador oder Tegucigalpa. Raub, Mord, Erpressung. Und es ging um Einflusssphären. Die beiden dominierenden Banden, die Mara 18 und die Mara Salvatrucha sind tief verfeindet, kämpfen brutal um ihre Stadtviertel.

Daniel Hernandez ist Taxifahrer in San Pedro Sula. Die schwül-heiße Stadt gilt als das Wirtschaftszentrum von Honduras. Zehntausende arbeiten hier in den großen Fabriken der Industriezonen am Rand, die billig vor allem für den US-Markt produzieren. Kleidung oder Elektronik. San Pedro mit seinen 700.000 Einwohnern wirkt auf den ersten Blick ganz normal, nicht gefährlicher als andere Großstädte in Lateinamerika auch. Aber die Wahrscheinlichkeit hier umgebracht zu werden, liegt etwa 20 Mal höher als in einer US-Stadt. Und es werde immer schlimmer, sagt der Taxifahrer Hernandez.

"Die Busfahrer hier müssen zum Beispiel Schutzgelder zahlen. Und auch die Leute, die ein kleines Geschäft in den barrios haben. Irgendjemand kreuzt auf und sagt, wie viel wann fällig ist. Und wer sich weigert, spielt mit dem Leben. Das Risiko ist ziemlich real."

Monsenor Romulo Emiliani ist Weihbischof von San Pedro Sula. Das Bistum hat seinen Sitz gleich hinter dem Hauptplatz der Stadt. Nachts traut sich niemand mehr ins Zentrum. Zu gefährlich. Die Armut sei schuld, sagt der Weihbischof. Die verleite viele junge Leute zum Verbrechen.

"Es gibt eine große Frustration, viele haben keine Hoffnung, dass sie der Armut entfliehen können. Und der Hunger ist ein schlechter Ratgeber. Deshalb haben wir so viele Überfälle und schwere Verbrechen. Das Gefühl für den Wert eines Lebens ist verloren gegangen."

Kultur der Gewalt. Die Regierungen Zentralamerikas hatten darauf jahrelang vor allem eine Antwort. Staatliche Gegengewalt. Mal lief das unter der Bezeichnung "Plan Harte Hand", mal unter dem Titel "Plan Besen". Massenverhaftungen, Polizeiaktionen, bei denen tote Maras durchaus in Kauf genommen wurden. Die Gefängnisse füllten sich mit schweren Jungs wie Owen.

"Als sie mich geschnappt haben, zogen sie mir ein Hemd wie eine Kapuze über den Kopf und sagten, sie würden mich an der nächsten Grube umbringen. Aber dann kamen Leute vom Fernsehen, deswegen ist mir wahrscheinlich nichts passiert."

Trotz solch harter Hand: Zentralamerikas Straßen wurden nicht sicherer, die Zahl der Morde stieg immer weiter an. Auch in El Salvador. In dem Land von der Größe Hessens gibt es mutmaßlich 60.000 Maras. Nach jahrelangen erfolglosen Versuchen der Eindämmung im vergangenen März ein viel beachtetes Abkommen.

Auf Vermittlung unter anderem der Kirche verpflichteten sich die Mara Salvatrucha und die Mara 18, ihre Gebietsstreitigkeiten nicht mehr blutig auszutragen. Auch sollten Angriffe auf Sicherheitskräfte unterbleiben. Schon gleich nach dem Abkommen ging die Zahl der Morde in El Salvador um beinah die Hälfte zurück. Raul Mijango ist einer der Vermittler des Abkommens. Er beschwört die ersten Erfolge:

"Der Dialog hat wichtige Resultate gebracht. Und das zeigt, dass es für dieses bisher unlösbar erscheinende Problem einen Weg geben kann. Wir dürfen uns nicht durch Zweifel lähmen lassen. Und wir müssen die historische Gelegenheit ergreifen, um das Thema von Grund auf anzugehen."

Kritiker sprechen von einem Pakt mit dem Teufel. Einige einsitzende führende Maras haben zum Lohn nun bessere Haftbedingungen bekommen. Die Gangs halten sich jetzt zwar zurück mit den Morden an den Gegnern. Aber sowohl die Salvatrucha als auch die Mara 18 gehen praktisch wie eh und je ihren Geschäften nach, rauben und erpressen weiter. Die Gangs würden in den barrios nun erst recht erstarken und könnten ihre Macht dort weitgehend unbehelligt verfestigen, fürchten manche in El Salvador.

Besuch im Gefängnis von Chalatenango. Wärter mit Sturmhauben und Maschinengewehren. Verschiedene Zellenblöcke sind durch Stacheldraht von einander getrennt. In den Gefängnissen von El Salvador werden die Mitglieder der Mara 18 und der Salvatrucha separat weggesperrt.

Schwerverbrecher unter Aufbewahrung. Unter freiem Himmel sitzen hunderte Tätowierte, manche üben Liegestütze, andere hocken vor einer Art Holzkohlengrill und machen sich etwas warm. Victor und Luis sitzen beide wegen Mordes ein, gehören zur Mara Salvatrucha.

""Wir werden hier wie der letzte Dreck behandelt. Es gibt nichts, mit dem wir uns beschäftigen könnten. Irgendwie versucht man, den Tag hinter sich zu bringen, aber es gibt nichts zu tun. Und das nervt ganz schön."

"Um sieben lassen sie uns aus der Zelle raus und dann hängen wir im Hof rum. Manchmal spielen wir Fußball auf einem winzigen Platz, das ist aber auch unsere einzige Ablenkung."

Resozialisierung, Perspektiven für die Zeit nach dem Knast, daran ist im Gefängnis von Chalatenango nicht zu denken. Wie auch sonst in El Salvador. Ob mit oder ohne Waffenstillstand - einen Gegenentwurf zum bisherigen Leben als Mara gibt es für die meisten nicht.

Douglas Morena ist der oberste Verwalter der Gefängnisse von El Salvador. Er gibt ganz offen zu: Die Lage in den Anstalten ist dramatisch. Überbelegung, zum Teil völlig ungeeignete Gebäude, korrupte Justizbeamte. Reformen seien nur ganz langsam möglich.

"Die Diagnose ist ganz einfach. Es gibt zur Zeit keine Rehabilitierungsprogramme in den Gefängnissen. Wir haben weder Werkstätten noch Ausbildungsmaßnahmen. Uns fehlt schlicht das Geld dafür. Wir bräuchten eigentlich neue Gefängnisse. Aber immerhin wollen wir jetzt außerhalb der Anstalten drei Orte für Resozialisierungsprogramme schaffen. Drei ehemalige Bauernhöfe sollen entsprechend umgebaut werden. Das ist jetzt unser Plan."

Zurück in Honduras, beim Weihbischof von San Pedro Sula. Romulo Emiliani könnte sich vorstellen, in seinem Land ebenfalls einen Waffenstillstand zwischen den Maras zu verhandeln. Aber: Er sieht auch die Probleme. Die Gangs müssten tatsächlich der Gewalt abschwören. Und: In Honduras seien die Maras viel stärker als in El Salvador verwickelt in den internationalen Drogenschmuggel, das organisierte Verbrechen.

"Es gibt die alten Kartelle aus Kolumbien und die neueren aus Mexiko, die hier operieren. 80 Prozent der Drogen werden über Honduras transportiert. Aber die Maras sind nur die kleinen Wachhunde der großen Kartelle. Die machen das richtige Geschäft. Und sie benutzen die Maras für Auftragsmorde und um ihre Routen abzusichern."

Die Jung-Brutalos als Teil eines viel größeren Geschäftes. Tatsächlich gilt Honduras inzwischen als eine der Drehscheiben des internationalen Drogenhandels. Viel mehr als etwa El Salvador. Früher ging es um ein paar Schutzgelder von kleinen Händlern oder Busfahrern. Jetzt geht es um Milliardenbeträge.

Graco Perez ist Politologe an einer Privat-Uni in Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Die Verbindung zwischen dem kleinen und dem großen Verbrechen habe die Lage deutlich verändert und verschlimmert, sagt Perez. Und: Das organisierte Drogenverbrechen sei nur möglich, weil einflussreiche Kreise ihre schützende Hand über allem hielten.

"Es gibt Personen und Gruppen mit sehr viel Macht, die direkt in die Geschäfte verwickelt sind. Große Teile sind infiltriert. Parlamentsabgeordnete, die Justiz, Bürgermeister. Wir bräuchten zum Beispiel viel mehr Transparenz, wenn es um die Frage geht, wo Politiker ihr Geld herbekommen. Man lässt die Kartelle ihre Arbeit machen, ohne die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen."

Es ist ein unübersichtliches Panorama des Verbrechens und der Gewalt in Honduras. Und seit dem Putsch vor drei Jahren habe sich die Lage deutlich verschlechtert, sagen viele im Land. 2009 stürzte das Militär Präsident Manuel Zelaya, einen Politiker aus der traditionellen Oberschicht, der einen unerwarteten Linksschwenk vollzogen hatte. Direkter Auslöser für den Putsch war Zelayas Versuch, die Verfassung zu ändern, damit der Präsident nicht nach einer Amtszeit abtreten muss.
Nach dem Sturz gab es Wahlen, die althergebrachte Oberschicht konnte sich dabei die Macht im Land sichern.

Und die Gewaltspirale ging weiter - brutaler denn je. Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International beklagen Morde, Übergriffe und Drohungen. Wer sich gegen Landnahmen von Großgrundbesitzern engagiert, muss mit dem Tod rechnen. Auch Journalisten leben gefährlich: Seit dem Putsch wurden 16 Reporter umgebracht nach Angaben einer US-Journalistenvereinigung. Und fast keines dieser Verbrechen wurde aufgeklärt. In Honduras herrscht praktisch Straflosigkeit.

Dina Meza engagiert sich für Menschenrechte in Honduras. Auch sie wird bedroht, Amnesty International hat ihren Fall dokumentiert. Die Straflosigkeit sei kein Zufall sagt sie.

"Wer profitiert denn von der Straflosigkeit? All diejenigen, die Verbrechen begehen, gerade auch gegen die Menschenrechte. Aktivisten verschwinden hier, wie in den finsteren Zeiten der 80er-Jahre. Menschen werden gefoltert und umgebracht. Es sind die Leute innerhalb der staatlichen Strukturen, die am meisten von der Straflosigkeit profitieren. Die Maras sind nur ein kleiner Teil des Problems. Viel schlimmer ist die Korruption und der groß angelegte Drogenhandel."

Octavio Ruben Sanchez ist der Kabinettschef von Honduras' Präsident Porfirio Lobo. Sanchez weiß: Der Putsch, das ausgeuferte Verbrechen, die beklagten Menschenrechtsverletzungen haben den Ruf des Landes schwer angeschlagen. Viele Beobachter im Ausland betrachten Honduras inzwischen als gescheiterten Staat. Das will Sanchez aber nicht gelten lassen. Die Regierung tue einiges für mehr Rechtssicherheit.

"Ohne Zweifel versuchen wir das Problem anzugehen. Es gab Gesetzesänderungen, auch Reformen im Polizeiapparat. Wir haben jetzt ein Ministerium für Menschenrechte und wollen mehr für den Schutz von Journalisten tun. All das soll dazu dienen, Verbesserungen einzuleiten."

Zentralamerika und das Verbrechen. Zumindest Owen sitzt ein. Der 17-jährige Mara, der mit seinen Gewalt-Geschichten prahlt und dem verrückten Leben. Verurteilt wurde Owen allerdings nicht, wie so viele andere auch in den Gefängnissen. Die Polizei hat ihn einfach hochgenommen. Wann es jemals zu einem Prozess kommt, weiß er nicht.

Owen hat Angst und Schrecken verbreitet. Und er will weitermachen auf diesem Weg. Ein Leben jenseits der Maras kann sich Owen jedenfalls nicht mehr vorstellen:

"Einen Ausstieg gibt es für mich nicht, das würde ich sowieso nicht überleben. Wenn ich mal rauskomme, werde ich einfach mehr aufpassen, dass sie mich nicht wieder einsperren. Aber ich werde immer ein Mara 18 bleiben."

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