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Kulturpresseschau

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.07.2012

Angst ums Image

Italienischer Kulturminister schikaniert Museumsdirektor nach Bildzerstörungen in Casoria

Von Thomas Migge

Brennendes Gemälde des französischen Künstlers Severine Bourgignon in Casoria
Brennendes Gemälde des französischen Künstlers Severine Bourgignon in Casoria (dpa / picture alliance / Cesare Abbate)

Seit 2005 wollte Antonio Manfredi mit einem Museum für Moderne Kunst der Mafia etwas entgegensetzen, doch nach sieben Jahren stieß er finanziell an seine Grenzen - und Zerstörungen folgten. Nun verkündete Italiens Kulturminister Lorenzo Ornaghi, dass das Museum in Casoria ab sofort beschlagnahmt ist. Auch der Direktor darf nicht mehr hinein.

Ein Museumsmitarbeiter spritzt aus einer Plastikflasche reinen Alkohol auf eine bemalte Leinwand. Anwesende Fotografen fordern den Museumsmitarbeiter dazu auf, sich möglichst fotogen neben das Gemälde zu stellen. Der Museumsdirektor steht daneben und schaut zu.

Er nimmt anschließend ein Feuerzeug und zündet das Bild an. Ein zirka ein Mal zwei Meter großes Blumenbild der französischen Malerin Séverine Bourgignon. Sie hatte zuvor ihre Einwilligung in diese Aktion gegeben. Die Verbrennungsaktion endet mit einem Blitzlichtgewitter der Fotografen: das Kunstwerk steht lichterloh in Flammen.

Seit Februar dieses Jahres übergibt Antonio Manfredi alle paar Wochen eines seiner Kunstwerke dem Feuer. Damit protestiert er gegen die Kürzung staatlicher Ausgaben für die italienischen Museen. Betroffen ist auch das von ihm im süditalienischen Casoria gegründete Casoria Contemporary Art Museum, kurz CAM.

Die Verbrennungsprotestaktion sorgte unter dem Namen "CAM ART WAR", der Kunstkrieg des CAM, international für Aufsehen. Ein Dokumentationsvideo dieser Aktion wird ab dem 19. Juli auf der Dokumenta in Kassel zu sehen sein. Dort wird der "CAM ART WAR" als kulturpolitische Bewegung präsentiert.

Antonio Manfredi: "Auch in England hat man nach unserem Vorbild und mit unserer Intention Kunst öffentlich verbrannt, um auf die finanzielle Situation in der italienischen Kultur aufmerksam zu machen. Slowenische Künstler verbrannten ihre Gemälde im norditalienischen Triest. Auch in Berlin steckte man Kunst in Brand, um sich mit uns zu solidarisieren."

Damit ist jetzt Schluss. Jedenfalls in Italien und im Museum CAM von Antonio Manfredi. Heute Mittag verkündete Italiens Kulturminister Lorenzo Ornaghi, dass ab sofort das Museum in Casoria beschlagnahmt sei. Mit sofortiger Wirkung wurde das Museumsgebäude mitsamt seiner Kunst dem Kulturministerium unterstellt. Der Museumsgründer und –direktor darf nicht mehr hinein, darf nichts mehr aus- oder umstellen und schon gar nicht in Brand stecken. Das Ministerium begründet seine Entscheidung mit einem Gesetz von 2004, dass die mutwillige Zerstörung von Kunst, auch wenn sie sich in Privatbesitz befindet, bei Strafe untersagt.

Zunächst einmal erstaunt die Schnelligkeit, mit der der ansonsten eher unauffällige und willensschwach wirkende Kulturminister Ornaghi dieses Dekret verabschiedete. Dann erstaunt das komplette Desinteresse des Ministers an den Gründen für die Verbrennungsaktion. Von einem Kulturminister Mario Montis, so die römische Kunsthistorikerin Anna Delmonte, hatte man sich anderes erwartet:

"Wir müssen mit einem dramatischen Akt der Solidarität jetzt geschlossen hinter dem CAM und der Verbrennungsaktion stehen. Der Minister hat sich seit Februar, seit den ersten Verbrennungen von Kunstwerken, weder zu dieser Aktion geäußert, noch zu der verheerenden finanziellen Situation vieler italienischer Museen. Ich fordere die sofortige Wiedereröffnung des Museums in Casoria, wo über 1000 Kunstwerke gezeigt werden. Ein sehr schönes Museum."

Und ein privates Museum. Gründer und Direktor Antonio Manfredi schuf es im mafiaverseuchten Casoria, im Hinterland Neapels, um mit Hilfe von Kunst die Menschen zum Nach- und Umdenken zu bewegen. Mit Kunst gegen Mafia, gegen soziale und wirtschaftliche Benachteiligung: Das ist das Credo Manfredis. Und sein Credo ist es auch, dass der Staat einer Initiative wie der seinen finanziell unter die Arme greifen sollte.

Man mag Manfredi Naivität vorwerfen, doch hätte seine mutige und kostspielige Entscheidung, in einer absolut kulturarmen Gegend sein Museum zu errichten, das auch das einzige Kulturzentrum weit und breit ist, wenigstens unterstützende Worte durch das Kulturministerium verdient. Aber auch die gab es nicht.

Weder unter Berlusconi noch unter Monti. Im Gegenteil: Montis Kulturminister setzte beim Kürzen der Ausgaben seines Ministeriums noch eins drauf. Und das brachte bei Manfredi das Fass zum Überlaufen. Die ab 19. Juli auf der Dokumenta in Kassel in Form eines Videos zu besichtigende CAM-ART-WAR-Aktion war für Manfredi die einzig logische Reaktion auf das totale Desinteresse der italienischen Kulturpolitiker.