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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 17.02.2014

Ananas-AnbauSüß und giftig

Costa Rica ist größter Ananas-Exporteur der Welt

Von Markus Plate

Eine Ananasplantage im Süden von Kolumbien. Junge Ananas wachsen heran. (dpa / picture alliance / Mika Schmidt)
Ananas-Plantage: In Costa Rica bringt die Monokultur ökologische und gesundheitliche Probleme (dpa / picture alliance / Mika Schmidt)

Im letzten Jahrzehnt hat sich die Anbaufläche für Ananas in Costa Rica verdreifacht - und für Rekordpreise von 1,50 Euro pro Stück im deutschen Supermarkt wird dort gespart: An Löhnen, Sozialabgaben und ökologischen Anbaumethoden.

Carmen Granados liebt Überraschungsbesuche. Die sozialdemokratische Abgeordnete im Parlament von Costa Rica vertritt die karibische Tieflandregion und damit auch die Kleinstadt Guápiles, eine gute Autostunde von der Hauptstadt San José entfernt.

Gerade hat die weißhaarige 51-Jährige die Kleinbauern Henry und Mainor auf der Hauptstraße von Guápiles auf-gegabelt, nun steuert sie ihre geländegängige Limousine in Richtung der Finca Santa Clara, eine dieser riesigen Ananasplantagen, die rund um Guápiles in den letzten zehn, fünfzehn Jahren immer mehr Land eingenommen haben.

Hinter dem Eingangstor der Finca Santa Clara eröffnet sich ein Hof von der Größe eines Basketballfeldes, der vom eingeschossigen Verwaltungsgebäude, einem Geräteschuppen und dem Comedor, der Betriebskantine eingerahmt wird. Hinter den Gebäuden erhebt sich ein kleines Stück tropischer Regenwald, aus den Bäumen zwitschern Hunderte sogenannte Maispicker, eine einheimische Sperlingsart. Carmen Granados und ihren Begleitern bleiben nur wenige Augenblicke, um sich ein wenig umzusehen, schon kommt ein großer, bullig wirkender Mann die kleine Holztreppe des Bürogebäudes herunter, stapft über den Hof und nähert sich mit skeptischem Blick der Gruppe.

Didier Castro ist der Betriebsleiter der Finca Santa Clara, Aufseher über gut 500 Hektar Land und über hundert  Angestellte. Eine Abgeordnete, auch wenn sie von der Opposition ist, sollte man nicht brüsk abweisen, scheint Didier zu denken, jedenfalls hellt sich seine Mine auf und er kommentiert fast kumpelhaft, dass der Besuch jetzt zwar ein wenig überraschend komme, dass er aber natürlich gerne über die Finca führen werde. Man habe ja nichts zu verbergen, im Gegenteil:

Didier Castro: "Mit unserer Nachbarschaft haben wir eine Beziehung aufgebaut, die auf Respekt, Vertrauen und Freundschaft beruht. Die Schule nebenan haben wir gebaut, davor war sie halb verfallen. Darum herum gibt es einen Korridor, wo keine Pestizide gesprüht werden. Der Schule spenden wir Unterrichtsmaterialien, auch dem Gesundheitsposten in der Nähe helfen wir. Wir bessern Straßen und Wege aus, die wir selber benutzen, auf die aber natürlich auch die Nachbarn angewiesen sind. Selbst der Polizei helfen wir ab und zu mit Öl oder Reifen aus.

Manchmal riecht es hier streng. Zum Beispiel wenn wir Dünger auftragen, dann liegt ein Ammoniak-Geruch in der Luft. Aber das heißt ja nicht, dass das schädlich wäre. Alle Mittel, die wir hier einsetzen, erfüllen die Normen Costa Ricas,  der USA und auch Europas!"

Aus Landbesitzern wurden Tagelöhner

Ein Trupp von einem guten Dutzend Arbeitern macht sich auf zur Ernte. Ein Traktor zieht drei große gelbe Anhänger durch die morastigen Feldwege, die die Plantage durchziehen. Die Arbeit auf den Plantagen unter sengender Sonne oder im strömenden Regen ist hart, nicht alle Plantagen stellen ihrem Personal adäquate Kleidung zur Verfügung - zum Schutz vor Pflanzenschutzmitteln und den Stacheln der Bromeliengewächse.

Auf der Finca Santa Clara sehen die Arbeiter dagegen fast wie ein Einsatzkommando nach einem Chemieunfall aus: Dunkelgraue Mützen mit langem Schirm und langem Nackenschutz. Große, dunkel getönte Schutzbrillen, die sich so eng an Nase und Stirn ansaugen wie eine Taucherbrille. Dicke schwarze Gummi-Handschuhe und Gummistiefel. Gelbe Westen aus dickem Stoff.

Viele der Arbeiter waren früher kleine Landbesitzer, die bescheiden über die Runden kamen. Dann kamen die Ananas-Unternehmen, boten eine schöne Stange Geld und viele Klein-bauern verkauften ihr Land. So wurden aus Landbesitzern Tagelöhner.  Aus Sicht der Abge-ordneten Granados ist der Ananas-Boom dem ländlichen Costa Rica bislang nur sehr bedingt von Nutzen gewesen.

Carmen Granados:  "Die Fincas haben keinen festen Stamm an Arbeitern. Sie stellen zumeist auf Probe ein und entlassen die Leute dann nach drei Monaten für kurze Zeit. So sparen sie sich die Sozialabgaben. Du wirst als Plantagenarbeiter also niemals eine Rente erarbeiten können. Die Regierung duldet dies stillschweigend, im Gegenzug unterstützen die Ananasunternehmen die Regierungspartei bei den nächsten Wahlen. Die Unternehmen sagen, sie schaffen Arbeitsplätze und streichen Schulen. Aber das muss schon ein bisschen mehr sein. Ich will verantwortungsbewusste Unternehmen, die in die Entwicklung und die soziale Absicherung der Gemeinden investieren."

Den Vorwurf, die Ananasunternehmen täten nicht genug für ihre Arbeiter und Nachbarschaft, teilt Didier Castro naturgemäß nicht. Und auch Fragen nach dem exzessiven Chemieeinsatz auf den Plantagen, einer der Hauptkritikpunkte an der Ananaswirtschaft, wischt der Aufseher beiseite:

Didier Castro: "Die Ananaswirtschaft ist eine der am meisten regulierten Aktivitäten Costa Ricas. Alles was wir hier machen, wird regelmäßig vom Agrar- und vom Umweltministerium kontrolliert. Und da gibt es eine ganze Menge Vorgaben. Nicht alle Hersteller reagieren nur auf Druck und Gesetze. Wir haben zum Beispiel den gesamten Wald auf der Finca erhalten. Außerdem haben wir den Einsatz von Herbiziden um ein Drittel reduziert und zur Schädlingsbekämpfung setzen wir vor allem biologische Insektizide ein."

Auf der viel befahrenen Landstraße von San José zur Karibik mühen sich die vollbeladenen Containerlaster der US-amerikanischen Lebensmittelkonzerne  Dole, Del Monte und Chiquita in Richtung des Hafens von Limón. Mittlerweile ist das kleine Costa Rica der größte Ananas-Exporteur der Welt. 2,5 Millionen Tonnen  werden hier jährlich produziert, 1,7 Millionen gehen in den Export. Die Temperaturen im Tiefland sind mit ganzjährig 25-30 Grad ideal für die Ananas, wegen der hohen Niederschlagsmengen braucht es keine künstliche Bewässerung, es kann das ganze Jahr über geerntet werden. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anbaufläche auf nun fast 45.000 Hektar verdreifacht.

Bananen aus Costa Rica in Bremen (dpa / picture alliance / Ingo Wagner)Bananen aus Costa Rica: Auch ein wichtiges Exportprodukt (dpa / picture alliance / Ingo Wagner)

Pro Hektar den weltweit höchsten Verbrauch an Pestiziden

Und die Hauptabsatzmärkte in Nordamerika und Europa sind schnell erreicht, von Limón geht es direkt nach New Orleans oder New York, nach Rotterdam oder Hamburg. Und wenig später liegen die süßen, vitaminreichen Früchte in den Supermarktregalen der Industrieländer. In Deutschland schon für 1,50 Euro pro Stück. Wie sich diese Tiefstpreise rechnen, erklärt der Geograph und Ökologe Mauricio Álvarez, seit vielen Jahren einer der profiliertesten Kritiker der Ananas-Monokulturen in Costa Rica.

Mauricio Álvarez:"Für diesen Preis musst Du zu sehr niedrigen Kosten produzieren. Du zahlst sehr geringe Löhne, sparst Sozialabgaben, drückst Steuern. Du nimmst die günstigsten und giftigsten Insektizide und Herbizide, Du schmeißt die Pflanzenreste auf einen Haufen und kippst Chemikalien drüber, damit sie schnell verrotten. Du hast keine Rückhaltebecken für die Gifte.

Das Land ist billig zu haben, weil der Staat die Produktion von Grundnahrungsmitteln nicht mehr fördert und viele Bauern deswegen ihr Land verkaufen müssen – auch weil die schon bestehenden Ananas-Plantagen ihnen Wasser und Böden vergiftet haben. Und so wird die ganze Region zu einer Ananas-Monokultur, auf der zu Niedrigstkosten produziert wird.

Umweltstudien scheinen die Vorwürfe des Ökologen Álvarez zu bestätigen: Nach Angaben des World Resources Institute mit Sitz in Washington und der Nationalen Universität von Costa Rica hat das Land pro Hektar den weltweit höchsten Verbrauch an Pestiziden, 52 Kilogramm pro Hektar im Jahr. Gesetzliche Mindestabstände zu Gewässern werden nur selten eingehalten und so waschen die tropischen Regengüsse die Gifte in benachbarte Bäche und Flüsse.

Immer wieder bekomme man Nachrichten über Fischsterben in den Gewässern, berichtet der Ökologe. Und in den Gemeinden unterhalb der Plantagen warnen die Gesundheitsbehörden regelmäßig die Bewohner auf Flugblättern, kein Wasser aus der Wasserleitung zu trinken, da es stark belastet sei. Das krebsverdächtige Pestizid Bromacil wurde in Oberflächengewässern in Konzentrationen nachgewiesen, die den in Europa geltenden Grenzwert um das 500-fache überschreiten. Und auch der massiv eingesetzte Unkrautvernichter Paracuat gilt als stark gesundheitsschädlich.

"Schüler klagten oft über Kopfschmerzen und Übelkeit"

Manuel Solano ist Ende  20, hat kurzgeschorene Haare und trägt Kettchen an Hals und Armgelenk. Er ist Lehrer in der kleinen Dorfschule von Cartagena, einem Dorf 15 Kilometer unterhalb von Guápiles. Die zehn Klassenzimmer der Schule sind einfache Konstruktionen aus Beton, Ziegeln und Wellblechdach, die Außenwände sind hell- und dunkelblau getüncht und könnten einen frischen Anstrich vertragen. Blumen schmücken das Areal, ein paar Palmen spenden Schatten. Jenseits des Schulzaunes breitet sich die Ananas aus, in jeder Richtung, 3.000 Hektar allein um Cartagena herum. Die niedrigen, stoppeligen  Pflanzen scheinen sich hier bis zum Horizont auszudehnen.

Lehrer: "Wir versuchen uns mit den Plantagen zu koordinieren, dass sie wenigstens nicht spritzen, wenn gerade Schule ist. Früher klagten die Schüler oft über Kopfschmerzen und Übelkeit. Das ist jetzt besser geworden. Eigentlich dürfte in einem Umkreis von einem Kilometer um die Schule gar nicht gespritzt werden. Aber die Ananas hat einen großen Anteil an der Wirtschaftsleistung Costa Ricas und das scheint wichtiger zu sein als die Gesundheit der Kinder hier."

Auch wenn in der Nähe der Schule nicht mehr gesprüht wird, wenn Unterricht ist: Hautaus-schlag, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen sind bei den Kindern in Cartagena immer noch an der Tagesordnung. Denn Pestizide und Unkrautvernichter seien, so der Ökologe Mauricio Álvarez, überall in der Umgebung von Ananasplantagen nachgewiesen worden: Vor den Häusern, im Hausstaub, im Speichel der Menschen, in Haaren von Nutztieren. Doch dass Protest gegen die Plantagen bislang ausgeblieben sind, wundert den Lehrer Manuel Solano wenig:

Lehrer: "Nun, die meisten Eltern arbeiten auf den Fincas. Und deswegen protestieren sie nicht, selbst wenn ihre Kinder davon krank werden. Da setzt Du ja deinen Arbeitsplatz aufs Spiel. Und wenn Du Dich über eine Finca beschwerst, stehst Du bei allen anderen auf der schwarzen Liste und wirst nirgendwo mehr beschäftigt. Und so sind es wir Lehrer, die wenigen hier, die nicht von der Ananas leben, die das Kind beim Namen nennen.

Toxikologische Untersuchungen bleiben aus

Das Dorf Milano, noch einmal 20 Kilometer weiter Richtung Meer, markiert die Grenze der Ananaswirtschaft und den Übergang zur ebenfalls unökologischen Bananenproduktion. Die Menschen der aus vielleicht dreißig Häusern bestehenden Ansiedlung haben früher ihr Trinkwasser aus der Leitung bezogen. Bis auch hier die Gesundheitsprobleme immer schlimmer wurden. Xinia Briceño ist die Präsidentin der lokalen Wassergenossenschaft.

Die Genossenschaften stellen im ländlichen Costa Rica den Großteil der Trinkwasserversorgung sicher, überwiegend in ehrenamtlicher Arbeit. Früher bestand die Arbeit der Genossenschaft von Milano darin, Wasser aus Brunnen und dem sauberen Fluss zu ziehen und zu den Häusern zu leiten. Doch die Ananas hat die Arbeit von Xinia Briceño ziemlich erschwert.

Xinia Briceño: "Der schlimmste Schaden der Ananaswirtschaft ist sicherlich die Verseuchung des Grundwassers.Hauterkrankungen, Juckreiz, Muskelschmerzen sind alltäglich, selbst Missbildungen bei Neugeboren sind schon vorgekommen. Wir glauben, dass das vom Wasser kommt, man hat ja nie toxikologische Untersuchungen gemacht. Und von den Behörden werden wir überhaupt nicht unterstützt. Seit zehn Jahren wird uns ein Aquädukt versprochen. Aber immer noch müssen wir auf den Tankwagen warten, der uns Wasser bringt. Aber das reicht nur fürs Trinkwasser. Mit dem vergifteten Brunnenwasser müssen wir uns weiterhin baden, die Wäsche waschen, die Pflanzen gießen. Wir fühlen uns hilflos. Weil  man für uns hier in den Gemeinden nichts tut, während die Unternehmen alles bekommen."

Trinkwasser per Tankwagen, eine Notlösung, bezahlt von der Regierung.  Auch diese Sozialisierung der Umweltschäden bedeute eine Subventionierung der Ananaswirtschaft und der Dumpingpreise in Europa, schimpft Umweltschützer Álvarez. Carmen Granados, die Abgeordnete aus San José, zieht dagegen ein gemischtes Fazit.

Carmen Granados: "Keine Monokultur wird uns auf Dauer etwas bringen. Aber wir haben viel Arbeitslosigkeit und Armut, die wir überwinden und zumindest lindern müssen. Und die Ananas bringt uns Geld. Wir müssen jedoch sicherstellen, dass von dem Geld auch die Ge-meinden profitieren. Ich will fair bezahlte Arbeit für die Leute, ich will Arbeitsschutz, ich will eine umweltfreundlichere Produktion."

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