Freitag, 31. Oktober 2014MEZ13:52 Uhr

Interview

EU-Operation Triton"Das Massensterben wird weitergehen"
Ein Foto der italienischen Marine vom 14.09.2014 zeigt gerettete Flüchtlinge aus Afrika

Am 1. November startet die EU-Operation "Triton", die Flüchtlinge im Mittelmeer abfangen soll. Damit betreibe die EU in erster Linie Grenzschutz, kritisiert Karl Kopp von der Menschenrechtsorganisation "Pro Asyl". So würden weiter massenhaft Menschen sterben.Mehr

Russland und die NATO"Man muss auf Deeskalation setzen"
Mehrere russische Kampfflugzeuge glänzen in der Sonne

Russische Militärmaschinen an den Grenzen zum NATO-Gebiet, NATO-Kampfjets, die sie abfangen wollen - ein neuer Kalter Krieg stehe nicht bevor, sagt der Schweizer Historiker Daniele Ganser. Aber zwischen Washington und Moskau herrsche großes Misstrauen.Mehr

weitere Beiträge

Interview / Archiv | Beitrag vom 30.08.2012

Amerika-Experte: In der Politik kann Aufrichtigkeit ein Gift sein

Emotionen sind für US-Wähler wichtiger als für Deutsche, sagt Buchautor R. Jay Magill

R. Jay Magill im Gespräch mit André Hatting

US-Präsident Obama und Kanzlerin Merkel
US-Präsident Obama und Kanzlerin Merkel (picture alliance / dpa / Andrew Harrer)

Nach Meinung des amerikanischen Autors R. Jay Magill bedeutet Aufrichtigkeit fast immer eine Gefahr für einen Politiker, da er damit sein Innenleben nach außen trage. Im Buch "Sincerity" hat Magill die Geschichte der Aufrichtigkeit seit der Reformationszeit untersucht.

André Hatting: Ein beliebtes Bonmot zum Krieg ist, dass dessen erstes Opfer die Wahrheit sei. Das kann man auch für Wahlkämpfe sagen. Die Kandidaten versprechen viel und halten dann wenig. Ganze Expertenteams basteln daran, dass Politiker vor der Kamera besonders glaubwürdig rüberkommen. Das tut auch Mitt Romney, der jetzt offiziell gekürte Herausforderer von US-Präsident Barack Obama. Sein großer Auftritt ist heute Abend, mit einer flammenden Rede will er auf dem Parteitag der Republikaner seine Kollegen mitreißen. Von seinen Steuertricks, Massenentlassungen als Unternehmer oder seinem autoritären Erziehungsstil werden sie natürlich nichts hören! R. Jay Magill ist Publizist, arbeitet an der American Academy in Berlin und hat gerade ein Buch zum Thema Aufrichtigkeit – englisch: sincerity – geschrieben. Guten Morgen, Herr Magill!

R. Jay Magill: Guten Morgen!

Hatting: Herr Magill, Sie schreiben gleich in der Einleitung, dass das Jammern über fehlende Aufrichtigkeit in der Politik eigentlich keinen Neuigkeitswert hat, weil es so alt ist. Warum haben Sie dann trotzdem ein Buch darüber geschrieben?

Magill: Das ist eine gute Frage! Es ist überhaupt nicht neu natürlich, dass Aufrichtigkeit kaum auftaucht in der Politik, und eigentlich, seit dem bekannten Florentiner Politiker, political strategist, Niccolò Macchiavelli wird Aufrichtigkeit eigentlich vermieden in der Politik. Weil, Politiker dürfen was sagen und danach was anderes tun. Und manchmal ist es gut, manchmal ist Aufrichtigkeit in der Politik echt eine Gefahr, und manchmal ist das notwendig, natürlich! Und das Buch geht um die ganze Geschichte der Aufrichtigkeit seit der Reformationszeit. Weil, ursprünglich ist es ein Wert aus der Religion beziehungsweise aus dem Protestantismus. Das Buch geht von der Reformationszeit bis zu unserer Zeit, bis zu Hipsters, die in Prenzlauer Berg wohnen.

Hatting: Kann man sagen, wenn Sie so einen großen Bogen spannen, dass Aufrichtigkeit in der Politik immer nichts zu suchen hatte, dass es immer Gift war für die Politik?

Magill: Ich glaube, das ist fast immer giftig. Weil Aufrichtigkeit bedeutet in der Politik, dass ein Politiker sein oder inneres Leben nach außen trägt und zeigt, was tatsächlich darin läuft. Und ich glaube, in Amerika ist es besonders bewertet irgendwie. Und das ist nicht der Fall meiner Erfahrung nach in Deutschland. Meine Erfahrung in Deutschland ist, dass Politik eher wie ein Job ist. Und die Wähler müssen nicht sehr eng befreundet sein mit den Politikern. In Amerika suchen die immer diese Nähe zum Politiker, und das ist besonders amerikanisch. Und das Buch fragt nach, warum Amerika davon so besessen ist.

Hatting: Haben Sie dafür eine Antwort?

Magill: Teilweise die Religion, religiöser Einfluss. Und ich glaube auch, es hat viel zu tun damit, wie eng die Leute wirklich zusammen sind. Also, zum Beispiel, das ist ganz bekannt jetzt natürlich in Amerika: gar kein nationales Gesundheitssystem. Und ich glaube, ein nationales Gesundheitssystem wie in Deutschland oder eine Gesellschaft, die relativ eng ist wie in Deutschland, man hat das Gefühl in Deutschland, dass man zu einer Gesellschaft gehört. Und in Amerika ist das ganz im Gegenteil. Also, das ist sehr individualistisch und ich glaube, die sind einander ein bisschen alienated ...

Hatting: ... entfremdet ...

Magill: Entfremdet? Ja, die versuchen dann zu zeigen, dass sie diese Nähe haben, obwohl das wirklich nicht stimmt.

Hatting: Kann man, was Aufrichtigkeit angeht, Präsident Obama und seinen Herausforderer Romney als Gegensätze sehen, oder wäre das naiv?

Magill: Das ist die grobe Interpretation bisher, dass der Präsident Obama der Aufrichtige ist und der Romney ist ein bisschen steif, ist ein bisschen distanziert. Aber die versuchen interessanterweise, das zu minimieren. Besonders heute Abend auf dieser Bühne bei der Convention, das kostet 2,5 Millionen Dollar, diese Bühne. Und das ist besonders, aus Holz und sehr warm, und die versuchen mit der Gestaltung dieser Bühne zu zeigen, dass Mitt Romney sehr aufrichtig ist. Weil, sogar die Republikaner haben ein bisschen Distanz zu ihm und glauben, dass er wirklich nur sagt, was andere Leute ihm sagen.

Hatting: Mich hat etwas überrascht, dass in Umfragen, wer denn der aufrichtigste Präsident der USA bislang gewesen sei, ausgerechnet ein ehemaliger Schauspieler an der Spitze steht: Ronald Reagan nämlich! Wie erklären Sie sich das?

Magill: Richtig. Weil, in der Politik, das ist teilweise ein Schauspiel. Aufrichtigkeit ist ... Man kann nicht gleichzeitig den Versuch machen, aufrichtig zu sein, und aufrichtig sein, wenn das Sinn macht. So, man versucht dann, sich aufrichtig zu zeigen, aber das bedeutet dann, das ist mit Absicht und mit Planung und so weiter. Und Ronald Reagan hat einfach viele Leute überzeugt, dass er sehr aufrichtig war, weil er gut trainiert war als Schauspieler!

Hatting: Sie unterscheiden scharf zwischen Aufrichtigkeit – sincerity – und Ehrlichkeit – honesty. Worin besteht für Sie der Unterschied?

Magill: Der Unterschied besteht für mich in Realität. Also, man kann ehrlich sein, weil, Ehrlichkeit hat irgendwas zu tun mit den Dingen, die objektiv sind, so in der Realität. Man kann ... Wenn man unaufrichtig ist, das bedeutet, das ist eher subjektiv. Weil, unaufrichtig zu sein bedeutet, ich sage nicht genau, was ich fühle, was ich denke und so weiter. Aber Unehrlichkeit ist, wenn ich eigentlich lüge, wenn ich weiß, dass irgendwas wahr ist, und trotzdem was anderes sage.

Hatting: Motto Ihres Buches ist ein Zitat des irischen Schriftstellers George Bernard Shaw, frei übersetzt: Es ist ziemlich gefährlich, aufrichtig zu sein, es sei denn, man ist bescheuert! Ist aufrichtig gleich dumm oder bescheuert in der Politik?

Magill: In der Politik, ja, das bezieht sich zurück auf Macchiavelli noch mal: Manchmal ist das einfach dumm, weil, man muss oft Kompromisse machen. Und wenn man Kompromisse machen muss, dann muss man einfach teilweise unaufrichtig sein. Weil, vielleicht glaubst du nicht genau an was du sagst, aber du musst das sagen, um den Kompromiss zu finden. Und so weit ... Das ist vielleicht nicht dumm, aber das ist eine Blockade eigentlich. In der, wenn eine Regierung demokratisch ist, steht Kompromiss natürlich auf hohem Niveau. In dem Fall immer aufrichtig zu sein, ist wahrscheinlich wie eine Blockade. Du musst manchmal spielen, als ob du einverstanden bist trotz Disagreement.

Hatting: Also obwohl man nicht einverstanden ist. Über Aufrichtigkeit in der Politik war das der Publizist R. Jay Magill von der American Academy in Berlin. Er ist Autor des Buches "Sincerity". Ich danke Ihnen aufrichtig für das Gespräch!

Magill: Herzlichen Dank!

Hatting: Das Gespräch haben wir aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.