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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 25.07.2015

American Academy in Berlin"Neues Verständnis für die USA wecken"

Gerhard Casper im Gespräch mit Michael Groth

Gerhard Casper, Leiter der American Academy (Deutschlandradio Kultur)
Gerhard Casper leitet jetzt die American Academy in Berlin. (Deutschlandradio Kultur)

Wie ist es derzeit um wissenschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten bestellt? Darum geht es im Gespräch mit dem neuen Präsidenten der American Academy in Berlin, Gerhard Casper.

Deutschlandradio Kultur: Tacheles heute mit Gerhard Casper, dem Präsidenten der American Academy in Berlin. Herr Casper, Sie sind seit diesem Monat Präsident der American Academy. So kurz und knapp wie möglich: Was sollen wir uns unter der American Academy vorstellen?

Gerhard Casper: Die American Academy ist vor etwa 20 Jahren gegründet worden von Richard von Weizsäcker, Richard Holbrooke, der damals der amerikanische Botschafter noch in Bonn war, und von Henry Kissinger. Der Gedanke war, dass es nach dem Abzug des letzten Militärs aus Berlin eine Einrichtung geben sollte, außer natürlich der Botschaft und den offiziellen Vertretungen, die die Vereinigten Staaten repräsentierte, und zwar vor allem kulturell repräsentierte.

Daraus hat sich nun über diese 20 Jahre die Academy entwickelt. Erstens werden in jedem Jahr für jedes Semester etwa zehn bis vierzehn Fellows ausgewählt unter amerikanischen Akademikern, Künstlern, Journalisten. Die Akademiker kommen in der Regel aus den Bereichen Geisteswissenschaften, aber auch Sozialwissenschaften. Die bekommen dann die Chance, für ein halbes Jahr hier in Berlin zu leben in der Academy, die Academy hat kleine Wohnungen für diesen Zweck, und sich mit Kollegen in Berlin zu vernetzen, umzugehen mit ihnen. Wir stellen keine Anforderungen daran, was das Arbeitsgebiet sein soll. Also, wenn jemand einen Roman schreiben möchte oder an einem Roman gearbeitet hat und hierher kommt, das ist fein.

Wir versuchen dann die sogenannten Fellows zu vermitteln.

Deutschlandradio Kultur: Das Ganze ist ja doch eine ganze Menge Aufwand. Herr Casper, wer finanziert denn die Academy?

Gerhard Casper: Die Academy wird ganz privat finanziert. Das heißt, die Villa Arnhold, in der wir sitzen am Wannsee, die gehört der Stadt Berlin, hat eine sehr interessante Geschichte. Die Arnholds waren eine Berliner Bankiersfamilie, die von den Nazis enteignet wurde. Und sie sind dann mitsamt ihrer Bank nach New York gezogen. Und nach dem Kriege ist ihnen natürlich ihre Villa am Wannsee wieder erstattet worden. Als Holbrooke, der die Familie Arnhold in New York kannte, mit dem Gedanken kam, die Academy zu gründen, fragte er die Arnhold-Familie, ob sie bereit wären, ihre alte Villa umzubauen auf ihre Kosten für die Zwecke der Academy. Das haben sie getan. Sie unterstützen uns auch sonst immer noch. Aber die Unterstützung kommt also zum großen Teil aus Amerika, aber auch zum großen Teil aus Deutschland von deutschen Firmen usw. Aber wir müssen jedes Jahr uns das Geld neu einwerben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Präsidenten der Stanford Universität, Gerhard Casper (April 2010).  (picture alliance / dpa / Monica M. Davey)Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Präsidenten der Stanford Universität, Gerhard Casper (April 2010). (picture alliance / dpa / Monica M. Davey)

Deutschlandradio Kultur: Sie sind in Hamburg geboren, Herr Casper. Sie haben 1964 in Freiburg mit einer Arbeit über das amerikanische Rechtssystem promoviert. Und Sie sind anschließend in die USA ausgewandert, zunächst nach Berkley, dann nach Chicago. Und in den 90er Jahren landeten Sie dann wieder in Kalifornien. Dort waren Sie von 1992 bis zum Jahr 2000 Präsident der Stanford Universität. Und das ist ja eine der besten und bekanntesten Hochschulen der Vereinigten Staaten. Sie sind, ich darf das verraten, heute 77 Jahre alt. Da drängt sich ja doch die Frage auf: Warum jetzt noch diese neue Aufgabe nach einem doch sicher erfüllten Berufsleben?

Gerhard Casper: Es gibt zwei Gründe. Einmal suchte die Academy nach einem Nachfolger für Gary Smith, der lange Jahre Executive Director gewesen war.

Deutschlandradio Kultur: 15 Jahre, glaube ich.

Gerhard Casper: Ja, und diese Findungskommission war nicht sehr erfolgreich. Man hatte länger verhandelt mit jemandem, der dann am Ende „nein“ sagte. Und ich habe neun Jahre lang im Aufsichtsrat, im Board of Trustees der Academy gesessen. Sie kannten mich also alle gut und ich hatte natürlich in Amerika vor allem einen Ruf als Präsident von Stanford. Die sind dann zu mir gekommen, das Board ist zu mir gekommen und hat gefragt, ob ich bereit sei einzuspringen. Nun ist es so: Ich bin zwar 77 und bin seit einem Jahr emeritiert in Stanford, aber, wie man auf Englisch sagen würde, ‚I have failed retirement‘. Ich mache also noch sehr viel.

Deutschlandradio Kultur: Den Absprung verpasst…

Gerhard Casper: Ganz und gar verpasst. Ich schreibe also und so fort. Und dann, als ich gefragt wurde, würde ich bereit sein, das zu erwägen, sagte ich mir: ein Jahr in Berlin, das wird etwa ein Jahr, vielleicht etwas länger sein, die neue Findungskommission ist im Gange und ich gehöre ihr an, ein Jahr in Berlin wäre sehr interessant. Heutzutage möchte praktisch jeder einmal Zeit in Berlin verbringen. Berlin ist wahrscheinlich von allen europäischen Hauptstädten diejenige, die am meisten als sehr lebendig und sehr im Umbruch empfunden wird. Daran möchte man natürlich partizipieren.

Es hat selbstverständlich geholfen, dass meine Frau eine Berlinerin ist, hier geboren ist und wir also auch Bekannte und Freunde in der Stadt, Verwandte sogar in der Stadt haben. Aber es hat mich sehr gereizt, das zu machen, weil von meinem Standpunkt aus die American Academy eine sehr wichtige Einrichtung ist. Wissen Sie, die transatlantischen Beziehungen sind in einer Krise. Sie sind immer in einer Krise seit 50 Jahren.

Deutschlandradio Kultur: Wir werden noch darauf kommen.

Gerhard Casper: Gut, aber für mich ist das wichtig. Ein Programmpunkt, den wir verfolgen, ist, wir bringen im Jahr eine ganze Reihe von sogenannten ‚distinguished Visitors‘ hierher aus Politik und dem öffentlichen Leben und auch Akademiker, die Vorträge halten hier in Berlin und umgehen mit den Berliner wirtschaftlichen und politischen Kreisen.

Das alles ist sehr reizvoll, weil mir sehr liegt an einer Langzeitperspektive. Was immer die neueste Krise ist, NSA oder was anderes, was sehr wichtig ist, ist, dass wir miteinander reden, miteinander umgehen und über die großen, auch die großen kulturellen Fragen uns austauschen, die unsere Fellows in der Regel in ihrer Arbeit verfolgen.

Die meisten Intellektuellen in den USA sind linksliberal

Deutschlandradio Kultur: Die Arbeit der American Academy ist überparteilich, aber ich glaube, man tritt Ihrem Vorgänger Gary Smith nicht zu nahe, wenn man sagt, er war ein Demokrat – Demokrat im amerikanischen Sinne – durch und durch. Und irgendwo hinterlässt so was bei einer so langen Arbeit natürlich auch Spuren. Nun ist dieses demokratische links-liberale amerikanische Umfeld nicht unbedingt Ihr Kreis sozusagen. Wollen Sie da auch die Richtung in dem Jahr ein bisschen ändern?

Gerhard Casper: Wahrscheinlich nicht. Sehen Sie, der größte Teil der amerikanischen Intellektuellen ist, was Sie Linksliberale nennen. Und man möchte nicht anfangen, Leute aufgrund ihrer politischen Präferenzen oder ihrer parteipolitischen Zugehörigkeit auszuwählen. Das würde ich weder an einer Universität machen, noch in diesem Fall. Also, insofern wird diese leichte Linkstendenz sicherlich bleiben.

Wir haben ein bisschen mehr Gelegenheit, verschiedene Leute zu bringen, auch aus konservativeren Kreisen, bei unserem ‚distinguished visitors‘. Aber ich bin von Hause, wie Sie gesagt haben, Hamburger. Ich bin in Hamburg aufgewachsen und ich bin durch und durch ein Mensch der Mitte. Das heißt, ich habe in meinem Leben in Amerika meistens demokratisch gewählt, aber ich habe auch republikanisch gewählt – je nach dem, wie die Situation war oder wie die Kandidaten mich beeindruckten. Ich bin sozusagen ein rechter deutscher Hamburger Sozialdemokrat.

Deutschlandradio Kultur: Sie haben Richard Holbrooke ja schon erwähnt. Der war bis zu seinem Tod im Jahre 2010 wirklich eine treibende Kraft in der American Academy. Täuscht der Eindruck, dass das politische Profil der Einrichtung seither etwas verblasst ist. Und wenn dieser Eindruck nicht täuscht, wollen Sie daran etwas ändern?

Gerhard Casper: Ich glaube, das täuscht in dem Sinne: Während Holbrooke natürlich unbedingt sehr politisch war, die Academy hat er nicht politischer gemacht. Zum Beispiel ich hatte etwas organisiert. Vor – sagen wir – zehn Jahren gab es auch sehr große Schwierigkeiten in den deutsch-amerikanischen Beziehungen und ich dachte also, wir sollten uns – Amerikaner und Deutsche – zusammensetzen für zwei, drei Tage und die Probleme diskutieren.

Holbrooke hat das natürlich unterstützt. Holbrooke hat daran teilgenommen, aber das war etwas, was seminarähnlich war und wo wir auch keine politischen Konsequenzen erwarteten. Aber wir waren sehr prominent besetzt. Einer meiner Stanford-Freunde ist der frühere amerikanische Außenminister George Shultz. Der ist also gekommen und eine ganze Reihe anderer prominenter amerikanischer Politiker.

Aber das Hauptgewicht der Academy ist eigentlich immer mehr auf dem kulturellen, sozialwissenschaftlichen Bereich gewesen, als auf der Politik. Holbrooke selbst konnte man einfach nicht als unpolitisch betrachten.

Deutschlandradio Kultur: Er war nicht zu bremsen.

Gerhard Casper: Er war nicht zu bremsen. Alles, was er macht, war Politik. Und wenn er irgendwo ein Mikrophon oder eine Fernsehkamera sah, dann machte er Gebrauch davon. Aber das war sehr persönlich, nicht so sehr die Institution.

Deutschlandradio Kultur: Die American Academy hat den Anspruch, Dreh- und Angelpunkt des transatlantischen Geisteslebens zu sein. Sie haben das erwähnt. – Nun wird’s schwierig, Herr Casper, weil in unseren Zeiten die deutsch-amerikanischen Debatten, um es mal vorsichtig zu formulieren, meist durch Misstrauen geprägt sind. Wie dick sind die Bretter, die Sie da jetzt bohren müssen?

Gegner der Vereinigten Staaten drohen zur Mehrheit zu werden

Gerhard Casper: Ja, die gegenwärtige Situation ist offensichtlich schwierig. Aber wissen Sie? Ich lebe seit 50 Jahren in Amerika, seit 51 Jahren. In diesen 50 Jahren bin ich häufig nach Deutschland gekommen. Ich habe immer sehr enge Verbindung gehalten, auch zur Universität. Ich war Gastprofessor hier in Deutschland. Ich habe also viele Krisen mitgemacht. Denken Sie an Ihre Jugend. Denken Sie an Vietnam. Denken Sie an die Kontroverse über die Raketenstationierung usw. – und dann natürlich die neueren, Irak. Ich glaube, es hat nie zwei oder drei Jahre gegeben, wo man gesagt hätte, es gibt gar keine Krise oder es ist krisenfrei und die Beziehung ist solide.

Das gehört fast zum Thema und es hat in Deutschland natürlich immer sehr viele Leute gegeben, die Amerika gegenüber – und ganz zu recht häufig – sehr skeptisch waren, Aspekte des amerikanischen Lebens usw.

Was heute wahrscheinlich anders ist und was es schwieriger macht, ist das Folgende: Ich glaube, die antiamerikanischen Demonstrationen, die antiamerikanischen Ressentiments oder Sentiments waren früher die einer Minderheit. Es gab sehr klar Gruppen, die sich mit Amerika in keiner Weise vertragen wollten. Und heute ist es vielleicht eine Mehrheit geworden.

Deutschlandradio Kultur: Das wäre aber eine sehr gefährliche Entwicklung.

Gerhard Casper: Das wäre eine sehr wenig wünschenswerte Entwicklung. Das heißt, wenn Attacken von der einen Seite kamen in der Vergangenheit, gab es immer ganz klar auch die Verteidigung seitens der Deutschen, die Verteidigung amerikanischer Positionen.

Aber sehen Sie, ich würde gerne diese Diskussion rauslösen aus dem Klischee des Antiamerikanismus zum Beispiel und stattdessen betonen, dass es eine ganze Reihe von schwierigen Sachproblemen gibt, die wir alle lösen müssen. Und wir sollten uns gemeinsam an den Tisch setzen und versuchen, Lösungen zu finden, die für uns vielleicht alle dann zielgebend sein könnten.

Nehmen Sie zum Beispiel NSA. Ich bin gerne bereit, noch mehr darüber zu sagen, aber vor allem zunächst einmal: Es ist natürlich so, dass weder die Bundesrepublik noch die Vereinigten Staaten ohne Nachrichtendienste auskommen können und Nachrichten brauchen, vor allen Dingen in der Situation, wo die Welt also sehr viel komplizierter geworden ist und wo der Terrorismus nicht nur ein vereinzeltes Phänomen ist, sondern inzwischen ganze Länder umfasst und einschließt und durchwühlt. Das sind Situationen, die sehr gefährlich sind. Man kann also kaum daran zweifeln, dass wir so viel wissen sollten wie möglich. Und Sie erinnern sich daran, dass natürlich der terroristische Akt, der alles änderte, mit Hamburgern begann, mit Leuten, die in Hamburg lebten.

Deutschlandradio Kultur: Herr Casper, die Bürgerrechte und deren Schutz, das wird aber offenkundig ganz anders interpretiert. Natürlich wird kein vernünftiger Mensch sich dagegen wehren, Geheimdienste zu nutzen, um gegen die Terroristen zu kämpfen. Aber das ist das eine. Das andere ist, ob man die Telefone befreundeter Regierungschefs abhört und sich dann noch dabei erwischen lässt. So etwas bringt natürlich die Debatte auf den Punkt, den wir jetzt haben.

Gerhard Casper: Das Ausmaß des Abhörens ist eine Frage sowohl, was normale Bürger angeht, so wie Sie und mich, oder was Regierungen angeht. Es ist leider ein allgemein verbreitetes Phänomen, dass Nachrichtendienste, wenn sie an ihre Arbeit gehen, häufig nicht über die Grenzen nachdenken und auch nicht darüber nachdenken, was politisch opportun ist.

Deutschlandradio Kultur: Ich möchte mal zurückkommen auf einen interessanten Punkt, den Sie vorhin machten. Wir sprachen über die Krisen, die kommen und gehen, die schon seit Jahrzehnten immer wieder zu beobachten sind. Und dann sagten Sie: Der Unterschied mag der sein, dass es sich früher um eine Minderheit in Deutschland handelte, die aus dieser Krise tatsächlich antiamerikanische Schlüsse zieht. Heute ist das vielleicht anders.

Hat das auch etwas damit zu tun, dass man weniger übereinander weiß? Wenn ich zurückdenke, es gab in den 50er Jahren, in den 60er, 70er Jahren viele amerikanische Soldaten, die waren hier. Da war jeder Einzelne ein Botschafter seines Landes. Umgekehrt gab es massenweise Schüler und Studenten auswärts. Sie sind ein gutes Beispiel. Sie gingen als Student oder nach Abschluss Ihres Studiums in die USA.

Die Soldaten sind ganz weg. Und der Austausch ist auf ein – sage ich mal – normales Maß reduziert. Der ist nicht mehr so massenhaft wie er einmal war. Also fehlen diese kleinen und großen Botschafter gegenseitigen Verständnisses.

Deutschlandradio Kultur: Ich komme nochmal zurück zu meiner Frage: Sind wir einfach nicht mehr so gut übereinander gegenseitig informiert?

Gerhard Casper: Absolut. Ich meine, ob wir sehr viel besser informiert waren in der Vergangenheit, mag auch in Frage gestellt sein, aber es gab sehr viele Leute aus Deutschland, die nach Amerika reisten, die einen Eindruck des Landes hatten, jüngere, die ein Jahr verbrachten in der Oberschule oder als Studenten. Ich höre, dass diese Zahlen heute sehr viel geringer sind, als sie früher waren.

Die Unkenntnis über Amerika seitens der Deutschen und über Deutschland seitens der Amerikaner ist allerdings ein Phänomen, das ich auch über die 50 Jahre immer mit etwas Schrecken beobachtet habe. Zum Beispiel die Kenntnisse der amerikanischen Geschichte unter deutschen Oberschülern ist nicht existent grundsätzlich. Ich zum Beispiel, als ich Schüler war, ich habe überhaupt keine amerikanische Geschichte im Unterricht bekommen. Und es wird eben sehr häufig in Klischees gedacht. Und dann kommen irgendwie große Ereignisse, die die Klischees verstärken oder erschüttern. Aber jede Reise eines Deutschen nach Amerika zum Beispiel ist etwas, was ich mir natürlich wünsche, weil es dann nicht möglich ist, die Wirklichkeit Amerikas zu ignorieren.

Deutschlandradio Kultur: Beide Länder, die USA und die Bundesrepublik, sind ja auch ziemlich kompliziert. Wenn wir nach den USA schauen, das ist ein Land, in dem es kaum Restriktionen gibt, wenn es zum Beispiel um den Kauf von Waffen geht. Gleichzeitig ist die Homosexuellen-Ehe erlaubt. Erklären Sie das mal jemand, der sozusagen in Links-Rechts-Kategorien denkt.

Gerhard Casper: Das Motto der Stanford University ist auf Deutsch. Es stammt von Ulrich von Hutten und lautet ‚Die Luft der Freiheit weht‘. Und ‚Die Luft der Freiheit weht‘ wurde von dem ersten Präsidenten von Stanford, der ein Biologe war, angenommen, weil er glaubte, das drücke eben sehr gut aus, wie es an einer Universität aussehen müsse.

Aber es ist natürlich so, dass in den großen Gegensätzen von Freiheit einerseits und Ordnungsdenken andererseits Amerika ein Extrem ist und immer noch sehr viel mehr in Kategorien individueller Freiheit denkt, die man so wenig wie möglich beschränken soll. Das gehört zur Kultur des Landes.

Deutschlandradio Kultur: Und da passt es dann eben zusammen, wenn ich die beiden Beispiele nochmal nenne, dass man sich eine Waffe an der Ladentheke kauft und gleichzeitig die Freiheit hat, seinen gleichgeschlechtlichen Partner zu ehelichen. Beides ist Freiheit.

Gerhard Casper: Aber dann müssen wir uns natürlich dran erinnern, dass das Letztere, die homosexuelle Ehe auch erst ein Phänomen der letzten Jahre ist. Ich habe in meinem Leben keine einzige kulturelle, soziale Umwälzung gesehen, die mit solcher Schnelligkeit stattfand. Das ist einfach ein Phänomen. Es ist eine kulturelle Umwälzung, die höchstens 20 Jahre gebraucht hat. Als ich Präsident von Stanford wurde, war auf meinem Tisch ein Vorschlag, dass die Partner von homosexuellen Angestellten gleichbehandelt werden sollten wie Eheleute in Bezug auf Versicherung usw. Und ich habe das auch durchsetzen können im Board of Trustees. Das war 1992, vor 23 Jahren. Aber es wurde damals vor allem durchgesetzt, und eins der Argumente, die ich anwenden konnte, war, ihnen war die Ehe verschlossen. Daher mussten wir statt des Staates sozusagen einschreiten. Und das ist nun inzwischen ganz anders geworden. Ich hätte es nie vorhergesagt 1992, dass es so schnell gehen würde.

Deutschlandradio Kultur: Ich möchte nochmal zurück zur Academy kommen. Die Academy verleiht jedes Jahr den Henry-Kissinger-Preis für besondere Verdienste um die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Und in diesem Jahr erhielten erstmal zwei Personen diesen Preis. Das war der ehemalige deutsche Außenminister Genscher, ganz klar, versteht man, und dann der ehemalige italienische Präsident Napolitano.

Ist das ein Hinweis darauf, dass sich die Academy neben dem Verhältnis zwischen Washington und Berlin auch jetzt mehr um europäisch-amerikanische Beziehungen kümmert?

Gerhard Casper: Ein wenig ist das eine Andeutung, ja. Es ist so, dass die Kriterien für den Kissinger-Preis immer sagten: ein Jahr ein Amerikaner, das nächste Jahr ein Europäer. Aber der Europäer war immer ein Deutscher, weil es eben die American Academy in Berlin ist. Und es ging um die transatlantischen Beziehungen und die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Und so haben dann Leute wie Schmidt und Kohl und so fort den Preis bekommen.

Aber wir sind dieses Jahr ganz bewusst davon abgegangen. Wir wollten das über Deutschland hinaus ausdehnen. Und wissen Sie, was ich besonders schön finde an diesem Jahr – also Genscher und Napolitano –. ist, dass der Kissinger-Preis dieses Jahr gegangen ist an zwei Männer, und ich hoffe, in der Zukunft werden es auch Frauen sein, aber an zwei Männer, die nicht unbedingt berühmt waren für ihre pro-amerikanischen Sympathien. Ich nehme an, dass von den deutschen Außenministern Genscher wahrscheinlich einer der kritischsten war. Und Napolitano ist ein ehemaliger Kommunist. Henry Kissinger war sehr amüsant bei der Preisverleihung, als er sagte: Als er, Kissinger, im Amt war, habe er immer alles dran gesetzt, Napolitano aus italienischen Ämtern fern zu halten. Aber dann sei er schließlich sein Lieblingskommunist geworden. Aber das ist, ich finde, das ist sehr symbolisch, eine schöne Veränderung. Dies sind Leute, die nicht unbedingt in ein Klischee hineinpassen.

Studiengebühren wären eine Form der privaten Hochschul-Unterstützung

Deutschlandradio Kultur: Die Zeit fliegt, Herr Professor, aber ich möchte noch auf einen Punkt kommen. Sie waren als Präsident in Stanford ja nicht nur Verfassungsrechtler, Sie waren auch Wissenschaftsmanager und Sie haben die Spendernetzwerke dort erweitert. Sie haben erfolgreich spekuliert und die Kasse der Universität um rund zwei Milliarden Dollar bereichert. Von den bürokratisch eingemauerten deutschen Universitäten aus betrachtet klingt das wie eine Geschichte aus dem Märchen. Sowas ist doch hierzulande ziemlich unmöglich, oder?

Gerhard Casper: Ja, in diesem Ausmaß Milliarden einzuwerben, das ist natürlich unmöglich aus  zwei Gründen. Einmal sind die philanthropischen Traditionen beider Länder sehr unterschiedlich. In Amerika ist immer sehr viel Wert auf Philanthropie gelegt worden. Zum Beispiel Ehemalige von Universitäten, so wie Stanford oder Harvard oder Yale oder Berkeley, auch öffentliche Universitäten denken immer daran, dass sie der nächsten Generation möglich machen wollen, was ihnen geboten wurde, als sie Studenten waren. Das ist eine Art zu denken, die hier eher unüblich ist.

Obwohl, ich bin sehr beeindruckt davon, dass es in Deutschland heute sehr viel mehr Philanthropie gibt, sehr viel mehr karitative Tätigkeiten, Stiftungen und so fort, als es zu meiner eigenen Jugend- oder Studienzeit der Fall war.

Der andere Unterschied ist natürlich, dass wir in Amerika immer private Universitäten und öffentliche Universitäten gehabt haben. Und die privaten Universitäten haben sehr wenig Regierungsgeld bekommen, während umgekehrt fast alle Universitäten öffentliche Einrichtungen sind, bei denen man erwartet, dass sie von der Öffentlichen Hand unterstützt werden.

Aber ich bin natürlich häufig sehr kritisch. Ich finde zum Beispiel, dass das Kapitel Studiengebühren einen unrühmlichen Abschluss viel zu schnell gefunden hat. Studiengebühren wären eine Form natürlich gewesen der privaten Unterstützung von Universitäten.

Deutschlandradio Kultur: Ihr jüngstes 2014 erschienenes Buch heißt „The Winds of Freedom“. Und es geht um die Herausforderungen an die Universitäten der Zukunft. – Was sind denn, vielleicht ganz kurz gesagt, die wesentlichen Herausforderungen – auch mit Blick auf die deutsche Hochschulszene?

Gerhard Casper: Ich werde mich einfach jetzt auf eine beschränken. Wie werden wir damit fertig, dass sich so vieles jetzt verlagert aus den Hörsälen, aus den Seminarräumen sogar und im Internet zugänglich ist? Da gibt es ja schon sehr, sehr viel. Wir denken alle drüber nach. Noch niemand hat eine Lösung gefunden, vor allem, weil es sehr schwierig ist vorauszusagen, ob am Ende Menschen bereit sind, Studenten bereit sind, ganz und gar ihre Ausbildung über das Internet zu machen, statt in einem Zusammenhang, wo sie mit anderen Studenten umgehen, mit ihren Professoren persönlich umgehen. Das ist sehr schwer vorherzusagen. Aber wir bemühen uns alle sehr darum, das richtig hinzubekommen.

Nehmen wir zum Beispiel an, ein Professor an dem berühmten Massachusetts Institute of Technology, MIT, hält die beste Algebra-Vorlesung, die man sich überhaupt vorstellen kann. Warum sollte Stanford nicht diese Vorlesung auch übernehmen und dann weiter vertiefen in Studiengruppen und so etwas? Das alles ist der sogenannte ‚flipped classroom‘. Wir denken sehr viel darüber nach.

Mein Eindruck ist, dass in Deutschland das alles immer noch sehr, sehr wenig in den großen prominenten Institutionen bedacht wird.

Deutschlandradio Kultur: Ich nehme an, Sie werden sich nun, da Sie hier sind, auch an dieser Debatte weiter beteiligen. Das kann nur gut sein für Ihre Zeit an der American Academy. – Eine glückliche Hand und danke, dass Sie dabei waren.

Gerhard Casper: Ich danke Ihnen.

Gerhard Casper: Ich danke Ihnen.

Gerhard Casper, Jahrgang 1937, in Hamburg geboren, war von 1992 bis 2002 Präsident der Stanford University in Kalifornien. Seine Spezialgebiete sind amerikanisches Verfassungsrecht und amerikanische Verfassungsgeschichte. Nach der Promotion in Freiburg (1964) ging Casper in die USA. Nach Stanford kam er über die Stationen Berkeley und Chicago.
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