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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2011

"Alles koscher!"

Ein pointierter Radau-Film von Josh Appignanesi

Von Hans-Ulrich Pönack

Für das "Little-Meisterwerk" von Josh Appignanesi lohnt es sich ins Kino zu gehen, meint Hans-Ulrich Pönack. (Stock.XCHNG / Olivia Castells)
Für das "Little-Meisterwerk" von Josh Appignanesi lohnt es sich ins Kino zu gehen, meint Hans-Ulrich Pönack. (Stock.XCHNG / Olivia Castells)

Mit seinem zweiten Spielfilm "Alles koscher!" ist dem britischen Regisseur Josh Appignanesi eine wunderbare Hymne an Toleranz und Menschlichkeit gelungen. Völlig zugeschnitten auf den Stand-up-Komiker Omid Djalili, der als dauergestresster Moslem mit jüdischen Wurzeln brilliert.

"Alles koscher!" von Josh Appignanesi heißt im Original "The Infidel", also "Der Ungläubige", zielt mit dem deutschen Titel auf den Erfolgsspaß "Alles auf Zucker" von Dany Levy (2004) und ist eine britische Independent-Produktion von sehr klugen "multikulturellen Witzbolden". Drehbuchautor ist der 47-jährige britische Komiker, Stand-up-Comedian, Schriftsteller und TV-Moderator David Baddiel, der sein Skript direkt für den, auf den populären britischen Autor und Komiker Omid Djalili schrieb.

Der am 30. September 1965 im Londoner Stadtteil Chelsea geborene Sohn eines iranischen Reporters und einer britischen Modeschöpferin bezeichnet sich selbst als "Irans einziger Stand-up-Komiker" und ist in Großbritannien über seine frechen TV-Shows und seine köstlichen zweideutigen Pointen-Sprüche sehr populär. Zum Beispiel mit der Comedy-Reihe "The Omid Djalili Show", die zwischendurch sogar mal bei uns im WDR-Nachtprogramm ausgestrahlt wurde. Der untersetzte, bullige Bob-Hoskins-Typ zielt auf komische politische Unkorrektheit. In Sachen Religion, in Sachen zwischenmenschlichem Miteinander, in Sachen bewusste kulturelle Vorurteile".

Omid Djalili mimt in "Alles koscher!" einen liberalen britischen Moslem. Quasi: Integration plus. Mahmud Nasir ist Minibus-Unternehmer, lebt mit Ehefrau und Kinder im bürgerlichen Ambiente. Mag Fußball, Musik(-Clips) und vermag durchaus schon mal anständig wie unauffällig gepflegt zu fluchen. Und besitzt, wie gesagt, eine eher tolerante Einstellung zu seiner Religion. Betet wie vorgeschrieben fünfmal am Tag, wenn er denn dazu kommt. Fastet jeden Tag während des Ramadan, wenn er denn dazu kommt ("zählt ja sowieso keiner mit"). Verkörpert sozusagen die pralle Lebenslust. Als überzeugter Moslem. Der die 80er-Jahre Popmusik mehr genießt als die Moschee. Und der die aktuellen TV-Berichte über Hassprediger aus dem Nahen Osten lieber wegzappt. Mahmud, ein Gemütsmensch, der es sich eher "gemütlich-tolerant" eingerichtet hat. Lebensbejahend.

Dann aber passiert es. Seine Mutter ist gestorben, und beim Aufräumen ihrer Wohnung findet er seine Geburtsurkunde. Als Adoptionsurkunde. Und tatsächlich stellt sich amtlich heraus: Mahmud Nasir heißt in Wirklichkeit Solly Shimshillewitz. Ist jüdisch. Ist ein Jude. Damit beginnt für Mahmud-Solly eine wahre Tour de Force. Denn gerade jetzt hat sich ein einheimischer fundamentalistischer Hassprediger zuhause angesagt, dessen Tochter Mahmuds Sohn zu ehelichen gedenkt. Beziehungsweise umgekehrt. Die Stiefvater-Prüfung sozusagen. Und da will sich Daddy Mahmud natürlich als pflichtgemäßer wie stets frommer Moslem präsentieren. Andererseits hat er soeben seinen eigenen jüdischen Papa im Pflegeheim ausgemacht. Doch ein Besuch bei dem ist an "jüdischen Auflagen" gebunden. Verlangt ein orthodoxer "Aufpasser".

Also muss sich der nunmehr dauergestresste jüdische Moslem teilen. Muss seinen löblichen Moslem ebenso vorführen wie er zugleich "das Jüdische" sich aneignen will. Um seinen Vater treffen zu können. Bevor der stirbt. Dabei hilft ihm Lenny, ein jüdischer Taxifahrer aus der Nachbarschaft, mit dem Mahmud eine freundliche Feindschaft pflegt. Und der ihm nun aber Lektionen in Sachen "Jüdisch-Sein" vermitteln soll. Vermittelt. Zum Beispiel, wie man Topol tanzt. Und viele weitere "jüdische Sachen". Jüdisches Training als köstlich-absurder Stress-Test. Für Solly-Mahmud.

Ein wunderbarer Film. Weil: Ein frecher Frei-Film. Ein pointierter Radau-Film. Ein herrlich amüsanter Film. In Sachen Attacke gegen religiöse Verbissenheit. In Sachen unchristlichem "Glaubens-Gehorsam". In Sachen geistiger Abhängigkeit. Samt Folgen. Sprich Heucheleien. Intoleranz.. Aggressionen. In Sachen kulturellem bzw. unkulturellem Miteinander. Dieses platte Freund-Feind-Verhältnis. Schema. In unserem Alltag. Wegen klerikaler "Befindlichkeiten". Als wenn die "den Menschen" ausmachen. Sollten.

"Alles koscher!" ist eine fantastische Hymne an die Menschlichkeit. An die Toleranz. An Sinn und Verstehen. Verständnis. Im Umgang miteinander. Im Umgang füreinander. Mit viel prallem wie prächtig durchtriebenem Humor. Ohne Rechthaberei. Auf irgendeiner oder für irgendeine Seite. Sondern mit intelligentem Pointenspaß. Als humanes Plädoyer auf den Ursprung: das Mensch-Sein. Mit lieber Versöhnung als Konflikt. Hass. Krieg.

Josh Appignanesi, Jahrgang 1975, der in Cambridge Anthropologie studiert hat, ist vor fünf Jahren mit seinem Film "Song of Songs" bekannt geworden, einer mit ganz winzigem Budget gedrehten Studie über die intensive Beziehung zwischen Bruder und Schwester in einer sehr religiösen jüdischen Gemeinde Londons ("Bester britischer Film" beim "Edinburgh Film Festival").

Hier nun liefert er gleich mit seinem zweiten Spielfilm ein Little-Meisterwerk an intelligentem Spaß ab. Was natürlich vor allem an der fantastischen Performance von Omid Djalali liegt. Diesem Klasse-Streit-Komiker mit dem großen Denk-Herzen und der hinreißenden klugen Schnauze.

Großbritannien 2010, Originaltitel: "The Infidel", Regie: Josh Appignanesi, Darsteller: Omid Djalili, Richard Schiff, Archie Panjabi, Matt Lucas, Igal Naor, Amit Shah, Stewart Scudamore, James Floyd, Leah Fatania, ab 12 Jahren, 105 Minuten

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