Samstag, 22. November 2014MEZ17:34 Uhr

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsViele Meinungen zum "Zeugenhaus"
Die Schauspieler Gisela Schneeberger, Edgar Selge, Iris Berben, Udo Samel und Jeff Burrell präsentieren den ZDF-Film "Das Zeugenhaus", der am 24. November ausgestrahlt wird.

Eine "scharfsichtige filmische Diagnose" zur Nachkriegszeit hat die NZZ gesehen. Ganz anders, nämlich als "quälend" erlebte die FAZ den prominent besetzten ZDF-Film "Das Zeugenhaus" nach einer wahren Geschichte, in dem KZ-Überlebende mit Nazis frühstücken. Mehr

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Fazit

"Rimini Protokoll"Hitzewelle auf der Hinterbühne
Die Umweltexperten Florian Rauser, Satya Bhowmik, Schirin Fahti, Kenneth Gbandi, Sabine Hain, Bernd Hezel und Ana Soliz Landivar Stange (l-r) agieren am 18.11.2014 in Hamburg auf der Fotoprobe von "Welt-Klimakonferenz". Das Projekt von Rimini Protokoll, bei dem die Zuschauer die Rollen der Teilnehmer einer internationalen Klimakonferenz übernehmen, feiert seine Uraufführung am 21.11.2014 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Foto: Markus Scholz

"Rimini Protokoll" gab mit der "Welt-Klimakonferenz" in Hamburg eine große Rollenspiel-Party, die zumindest anfangs sehr faszinierte. Wer sich einen Abend wie ein engagierter Delegierter gefühlt hat, wird die echten Klima-Verhandlungen künftig mit ganz anderen Augen sehen.Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.02.2013

Albtraumhafte Kinderwelten

Jugend und Gewalt im Fokus auf der Berlinale 2013

Von Holger Hettinger

Regisseur Emir Baigazin bei der Vorstellung seines Films "Harmony Lessons"
Regisseur Emir Baigazin bei der Vorstellung seines Films "Harmony Lessons" (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

Gewalt unter Jugendlichen ist ein Akzent der diesjährigen Berlinale. Der Wettbewerbsfilm "Harmony Lessons" aus Kasachstan und der israelische Panorama-Beitrag "Youth" beschäftigen sich mit diesem Thema. Die Regisseure stützen sich auch auf eigene Erfahrungen.

Kalte, bläulich schimmernde Neonlampen tauchen die Szenerie in ein gespenstisches Licht – die jungen Menschen wirken, als hätte man ihnen die Seele amputiert. Emir Baigazin runzelt die Stirn, wenn man ihn fragt, wofür diese Gewaltexzesse symbolisch stehen. Symbolisch? Nein, kein Symbol. Das hier ist Realität:

"Diese Grausamkeit, die hier gezeigt wird, ist ein reales Abbild des Lebens in unserem Land. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, als ich 14 Jahre war – das war eine Zeit, in der das Leben in den GUS-Staaten, den Nachfolgestaaten der UdSSR, sehr schwierig war. Unser Land war in einer wirtschaftlich desolaten Lage. Ich selber lebte in der Provinz, und es ließ alles sehr zu wünschen übrig, was sich dort wirtschaftlich tat. Natürlich haben sich in dieser Zeit auch Strukturen herausgebildet, die von Grausamkeit geprägt sind. Kernszenen in diesem Film sind, wie in einer Stunde ein Mädchen über Mahatma Gandhi referiert, die Gewaltlosigkeit und die Liebe, die er predigt, und zwei Unterrichtsstunden später ist die Rede von Darwins Theorie vom Überleben des Stärkeren. Ich glaube, dies sind die beiden Kernpunkte, um die es geht."

Junge Menschen, die unter der Gewalt leiden, die sie umgibt, die deformiert werden von den Zeitläufen – das ist kein neues Thema im Kino. Doch bisher war es meist so, dass es Opfer von Krieg und Vertreibung waren, die ihre äußeren und inneren Narben auf der Leinwand zeigten. Bei der diesjährigen Berlinale sieht man Gewaltopfer, die auch ohne Krieg verwundet wurden – es sind die Umstände, gesellschaftliche Umbrüche, Erwachsene, die sich nur noch mit sich selbst beschäftigen. Oft kleine, nebensächliche Anlässe, die junge Menschen jedoch ins Elend stürzen.

Gefangen in der abstürzenden Mittelschicht

In der Berlinale-Sektion "Panorama" läuft Tom Shovals Film "Youth", der die explosive Mischung der Umstände analysiert, die aus normalen Jugendlichen Kriminelle werden lassen. Zwei Brüder leben in unspektakulären, aber gesicherten Verhältnissen, bis die Arbeitslosigkeit des Vaters die Familie ins Elend stürzen lässt – eine erodierende Mittelschicht, die längst jegliche Mitte verloren hat. Als einer der Brüder zur Armee kommt und eine Waffe ausgehändigt bekommt, biegen die Geschwister falsch ab und landen im Unheil – sie entführen ein junges Mädchen, um deren Familie zu erpressen. Diese Waffe inszeniert Tom Shoval wie einen religiösen Kultgegenstand - ein Seitenhieb auf die Verehrung von Waffen in der israelischen Gesellschaft:

"Die Waffe hatte natürlich eine große Bedeutung, aber man wächst damit auf in Israel. Du wirst sozusagen zum Mann durch diese Waffe, mit dieser Waffe. Und wenn Du jetzt jemand bist, der sehr leidenschaftlich ist, sehr emotional, dann kann man mit einer Waffe auch schreckliche Dinge tun. Diese Brüder sind ja keine Kriminellen, sie wollen ja nicht bewusst etwas Schlechtes tun – sie befinden sich nur in einer verzweifelten Situation. Und das ist nicht normal. Das wollte ich eigentlich zeigen. Und in Israel wird es andererseits als normal empfunden, dass jemand mit einer Waffe zum Beispiel an einer Busstation sitzt oder im Bus damit fährt. Daran hat sich jeder gewöhnt. Und das, was wir Israelis als normale Situation empfinden, ist eben nicht normal. Und genau das wollte ich eigentlich zeigen."

Shoval zeigt diese falsche Normalität ganz lakonisch, seine Bilder sind Kommentare zu den gesellschaftlichen Verhältnissen – während Emir Baigazin in seinem Wettbewerbsbeitrag eine strenge, architektonische Bildsprache wählt, um im Kontrast zu dem zügellosen gesellschaftlichen Chaos eine bedrückende Ordnung zu zeigen:

"Die Konzeption besteht im Grunde darin, dass der Hauptheld, der sich in dieser Stresssituation befindet, versucht, eine Ordnung um sich herum zu schaffen, diese Ordnung aber nicht kompatibel ist mit dem, was er in der Schule vorfindet, und er deswegen bemüht ist, das dann irgendwie einzupassen."

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wer obsiegt in diesem Kräftemessen.


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