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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.04.2014

Afghanistan-EinsatzAus eigener Anschauung erzählen

Schauspieler Gregor Weber über seine Zeit als Pressefeldwebel in Kundus

Moderation: Nana Brink

Zwei deutsche Soldaten vor dem Helikoperlandeplatz im Feldlager Kundus (picture alliance / dpa / Can Merey)
Zwei deutsche Soldaten vor dem Helikopterlandeplatz im Feldlager Kundus (picture alliance / dpa / Can Merey)

Er wollte wissen, wie schwierig der Einsatz in Afghanistan wirklich sei, sagt der Schauspieler Gregor Weber – und ließ sich von der Bundeswehr reaktivieren. Über seine Erfahrungen als Pressefeldwebel in Kundus hat er ein Buch geschrieben.

Nana Brink: Was treibt einen dazu, freiwillig nach Afghanistan zu gehen, noch dazu als Soldat, wo man doch gar nicht müsste? Fragen, die sich Gregor Weber öfter mal fragen lassen musste. Eigentlich ist er ja Koch und vielen bekannt als saarländischer "Tatort"-Kommissar und Krimiautor, um dann die Schauspielerei an den Nagel zu hängen und als Presseoffizier nach Afghanistan zu gehen. Darüber hat er ein Buch geschrieben, das erscheint heute. Schönen guten Morgen, Herr Weber!

Gregor Weber: Schönen guten Morgen, Frau Brink.

Brink: Ein Selbstversuch nennt sich das Unterfangen mit dem Titel "Krieg ist nur vorne Scheiße, hinten geht’s". Was haben Sie denn erlebt?

Weber: Eigentlich war unser Kontingent – ich war vom April bis Mitte Juli letztes Jahr in Kundus stationiert – vergleichsweise ruhig, obwohl wir als dramatischen Höhepunkt oder Tiefpunkt, muss man eher sagen, den Tod eines Soldaten vom Kommando Spezialkräfte zu beklagen hatten während der Zeit. Aber das war natürlich eher ein singulärer Fall, der uns trotzdem alle sehr erschüttert hat.

Brink: Sie sind, wie Sie schreiben, Autor, Schauspieler, Ehemann, Vater, Deutscher, Wohlstandsbürger, Wiesenspazierer, hatten doch ein bequemes Leben. Warum dann dieser Einsatz?

"Mich reizen auch schwierige Situationen"

Weber: Weil das Leben und die Realität eben nicht nur aus Bequemlichkeit und Einfachem und Komfortablem bestehen, sondern eben auch aus schwierigen Situationen. Mich persönlich reizen auch schwierige Situationen, und wenn sich mal was in meinem Kopf festgesetzt hat wie all diese Fragen, die sich im Zusammenhang mit den Einsätzen der Bundeswehr stellen, dann kann es passieren – und in dem Fall war das so -, dass bei mir der Punkt erreicht ist, an dem ich sage, ich möchte das, ich möchte mich dem gerne stellen, selber, und aus eigener Anschauung darüber erzählen können.

Brink: Das ist ja interessant, weil eigentlich die Mehrzahl der Deutschen sich dafür gar nicht interessiert.

Weber: Das wird immer so gesagt. Ich muss aber einschränken, dass ich das ein bisschen anders wahrnehme. Wenn man das Gespräch anbietet, sozusagen als einer, der es gesehen hat, dann sind doch erstaunlich viele Deutsche sehr begierig, darüber mehr zu erfahren und genau diesen Blick aus eigener Anschauung kennenzulernen, und ich finde, die sind dann auch sehr oft sehr schnell bereit, ihr Denken darüber ein wenig zu ändern, oder die Richtung ein wenig zu ändern und ein bisschen mehr die Perspektive des Soldaten auch empathisch wahrzunehmen.

Brink: Das ist ja nicht unbedingt so gewöhnlich, beziehungsweise müssen sich die Deutschen erst daran gewöhnen. Ich bin ein bisschen über den Titel auch gestolpert, "Krieg ist nur vorne Scheiße, hinten geht’s". Heißt das auch, ich habe eigentlich nicht das richtig Gefährliche miterlebt, oder das ist wirklich anders dort, als man es hier wahrnimmt?

Weber: Das steckt da auf jeden Fall auch mit drin. Der Spruch war auf einem Aufnäher, den ich in Kundus gekauft habe, den sich also irgendein Soldat mal bestellt hat und der offensichtlich beim Schneider gut lief. Sonst hätte er den nicht ständig im Angebot gehabt. Der Lektor meines Buches kam dann auf die Idee, das zum Titel zu machen, und ich habe erst gezögert und dann gesagt, doch, finde ich eigentlich gut. Das ist natürlich auch eine starke Zeile, die vielleicht auch zum Widerspruch herausfordert. Aber ich habe auch gesagt, wenn mein Einsatz für mich persönlich dramatischer verlaufen wäre, weiß ich nicht, ob ich den Titel dann gut gefunden hätte. Kann sein, dass ich es anders gesehen hätte.

Brink: Wie haben Sie denn die Stimmung innerhalb der Soldaten erlebt? Sie waren ja immer mit ihnen zusammen, waren Presseoffizier, aber waren ja auch sehr viel dann unterwegs.

Weber: Ich muss jetzt, bevor was Schlimmes passiert, leider einschränken: Ich bin kein Offizier, ich bin Feldwebel. Nachher kriege ich noch Ärger mit dem Personalamt der Bundeswehr, weil ich mich eigenmächtig befördert habe. – Ja, das muss man sich vorstellen als eine unheimliche Mischung und Bandbreite aus großer Anspannung und aus Belastung, sicherlich auch einfach durchs weit weg sein, in einem extremen Klima sein, mit großer Armut konfrontiert sein, jetzt mal fern ab von potenzieller Lebensgefahr, aber natürlich auch mentalen Strategien, um damit tagtäglich über Monate hinweg umgehen zu können, was immer auch heißt verdrängen, sich auf anderes konzentrieren, sich einen Alltag schaffen, sich in der Kameradschaft aufgehoben fühlen, und das ist eben diese Mischung aus all dem.

Brink: Wobei Kameradschaft hat ja immer so einen Hautgout bei uns noch.

Weber: Was eigentlich total unsinnig ist. Es ist ein Wort, das wie viele Worte zwölf Jahre lang missbraucht worden ist, aber das an und für sich einen wahnsinnig guten und schönen und sehr menschlichen Kern hat, weil Kameradschaft heißt nichts anderes als zueinander stehen, auch wenn man sich vielleicht persönlich nicht leiden kann, aber einfach sich einander verpflichtet fühlen und füreinander da sein, und das ist ein guter Gedanke. Ein Bundeswehrsoldat ist dazu sogar per Soldatengesetz § 12, verpflichtet, Kameradschaft zu leisten.

Brink: Sie sind ja unbequemen Fragen auch in Ihrem Buch nicht aus dem Weg gegangen, zum Beispiel diese Frage nach dem Sinn dieses Einsatzes. Haben Sie ihn gefunden?

Auslandseinsatz aus Verantwortung

Weber: Durchaus ja, wobei ich natürlich auch vorher schon einen gewissen Sinn darin sah. Sonst hätte ich die Motivation, glaube ich, gar nicht gefunden, das zu machen. Was nicht heißt, dass da nicht vieles falsch gelaufen ist und auch immer noch falsch läuft. Das ist eben unheimlich komplex. Aber grundsätzlich, finde ich, angesichts unseres Wohlstandes hier genau nämlich und unseres Reichtums und auch der Verantwortung, die wir tragen dafür, dass es in Ländern wie Afghanistan so schrecklich aussieht – daran sind wir ja auch mit Schuld -, finde ich schon, dass wir grundsätzlich eine Verpflichtung haben, an solchen Einsätzen auch teilzunehmen. Aber man muss das im Einzelfall natürlich sich immer genau anschauen, ob da jetzt militärischer Einsatz wirklich nötig und hilfreich ist, aber er kann das sein. In Afghanistan hat sich viel bewegt. Die Frage ist, ob das jetzt irgendwie zu halten ist.

Brink: Sie haben selbst Kinder. Sie beschreiben auch die Reaktion, auch die verständnisvolle Reaktion Ihrer Frau, Ihrer Familie. Würden Sie Ihren Kindern raten, Soldat zu werden, oder Soldatin?

Weber: Wenn meine Kinder oder eines meiner Kinder den Wunsch in sich tragen würde und das gerne machen möchte, würde ich ihm nicht davon abraten, so sehr es auch sicherlich von Ängsten begleitet wäre. Jeder Beruf bringt Schwierigkeiten und Nöte mit sich, das ist überhaupt gar keine Frage. Aber ich bin ja nicht dazu da, meinen Kindern einen Lebenstraum zu verwehren.

Brink: Gregor Weber, er hat einen Selbstversuch unternommen und ein Buch darüber geschrieben, über seinen Einsatz in Afghanistan: "Krieg ist nur vorne Scheiße, hinten geht’s". Und das Buch erscheint heute. Schönen Dank, Herr Weber!

Weber: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Buchtipp
Gregor Weber: Krieg ist nur vorne Scheiße, hinten geht’s!
Droemer Knaur, München 2014
256 Seiten, 18 Euro

 

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