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Tonart | Beitrag vom 20.01.2017

Ace Tee: "Bist Du Down"Hamburg zurück auf der musikalischen Landkarte

Von Christoph Möller

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Youtube-Screenshot von Ace Tee in ihrem Video "Bist du down?" (Youtube / Screenshot)
Youtube-Screenshot von Ace Tee in ihrem Video "Bist du down?" (Youtube / Screenshot)

Das Brimborium um die Elbphilharmonie ist noch im Gange, da kommt aus Hamburg schon die nächste musikalische Sensation: die 23-jährige Ace Tee. Ihr Song "Bist du Down" hat fast eine Millionen Youtube-Klicks und auch die US-Musikpresse ist baff.

Gute Nachricht für alle Retro-Fans: Die 90er-Jahre sind nicht verschwunden – sie sind nur nach Hamburg abgehauen. Und jetzt wieder da. In Form von Ace Tee.

"Bist du Down?" – ein Sommerhit im Winter. Für deutsche Verhältnisse ein virales Wunderwerk: Fast eine Millionen YouTube-Klicks innerhalb weniger Wochen. Die modebewusste Ace Tee läuft gerade der Elbphilharmonie den Rang ab. Also, nicht den Rang im Großen Saal, wo es anscheinend doch nicht so gut klingt, sondern den Rang in Sachen Aufmerksamkeit.

Nur anders als die Elphi, wie die Hamburger ihr Konzerthäuschen nennen, ist Ace Tee kein millionenschweres Prestige-Projekt, sondern eine Hairstylistin aus Hamburg-Jenfeld, dem Stadtteil, der schon Jasmin Wagner alias Blümchen hervorgebracht hat.

Was für ein smoother Sound! Ace Tees Lyrics hingegen haben die Sprengkraft einer Tomate, also gar keine. Aber egal! Ihre Fans verstehen sowieso nicht, was sie singt, die meisten kommen aus den USA.

Sowieso viel wichtiger als die Lyrics: Sound, Groove und Realness. Endlich mal kein mit Autotune und Vocoder-Effekten zugemülltes Charts-Geballere, sondern sweete Vibes straight outta Jenfeld für die sensiblen Ohren Millionen degenerierter Pop-Fans.

Schon wird Ace Tee verglichen mit der bislang erfolgreichsten Girlgroup der Welt: TLC. T, L, wer? Na, die hier.

Ace Tee lässt Altona-Nord aussehen wie Brooklyn

Selbst NPR, das größte Radio-Netzwerk der USA, ist hin und weg von Ace Tee. Wann, seit Nenas "99 Luftballons", hat eine deutsche Musikerin derart viel US-Presse bekommen? Eine 23-Jährige, die in ihrem Musikvideo Altona-Nord aussehen lässt wie Brooklyn oder einen Vorort von Los Angeles?

Mann, Hamburg, 2017 hast du echt den Swag. Dazu noch der teuerste Konzertsaal der Welt und die "New York Times" zählt dich zu den Top-Ten-Reisezielen des Jahres – Hammer! Wer braucht da noch Stadtmarketing? Oder die hässlichen Stahlfiguren auf der Reeperbahn, die die Beatles darstellen? Eben! Niemand. Aber, ups, wir haben die Rechnung ohne die Beginner gemacht. Denn die wollten doch letztes Jahr schon Hamburg wieder cool machen – mit ihrem Comeback-Album "Advanced Chemistry".

"Was los, Digga, ahnma'
Wie wir gucken, wie wir labern
Jeder sagt ‚Digga‘ heutzutage
Wir packen Hamburg wieder auf die Karte"

Future R&B nennt Ace Tee ihren Sound

Also, ahnt das mal: Drei schludrige Männer Anfang 40, verschränkte Arme, Bärte, die sich nicht ganz sicher sind, ob sie wirklich Bärte sind, rappen mit breiter Brust: We make Hamburg great again – wir setzen Hamburg wieder auf die musikalische Karte. Really? Und damit die Leute auch sehen, wie ernst sie das meinen, lassen sie Hamburgs schönste Sehenswürdigkeiten in Schwarz-Weiß über den Bildschirm sausen: Hafen, Michel, Fernsehturm. Hamburgs Tourismus-Experten hätten es sich nicht schöner ausdenken können. Jeden Tag die Zähne putzen ist innovativer.

Geht’s noch, Beginner? Habt ihr den Schuss nicht gehört? Oder Joachim Gauck bei der Eröffnung der Elbdisharmonie …, äh, Entschuldigung, -philharmonie? Das "Juwel der Kulturnation Deutschland", sorry, Beginner, ist eben nicht mehr hanseatischer Hip-Hop, sondern Elbphilharmonie und – so nennt Ace Tee ihre Musik selbst: Future R&B. Das klingt fast poetisch – man sieht die großen Werbetafeln schon vor sich – Hamburg: Elbphilharmonie und Future R&B. Wobei Ace Tee derart retro klingt, dass future es hier überhaupt nicht trifft.

Hamburg: Das war früher der leicht schmuddelige, aber sympathische Underdog im Norden. Nie hatte irgendjemand daran gedacht, die Stadt könnte zur kulturellen Metropole werden. Man war sich selbst genug. Das hatte Charakter. Jetzt sind da Beginner und vor allem Elbphilharmonie, die der Stadt ein modernes Image aufdrücken wollen, das die alte Hanse eigentlich nicht braucht. Ace Tee geht einen anderen Weg. Sie verkörpert die Straße, den Beton, das Graffiti unter einer Eisenbahnbrücke in Altona-Nord. Das ist modernes hanseatisches Understatement – und deshalb zurecht erfolgreich.

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