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Profil / Archiv | Beitrag vom 10.09.2012

Absurde Geschichten als Inspiration

Der bulgarische Künstler Nedko Solakov im Porträt

Von Rudolf Schmitz

Eine Wortinstallation ist am Freitag im sanierten Brüder- Grimm-Museum in Kassel an den Glastüren zur Bibliothek angebracht. (picture alliance / dpa /Uwe Zucchi)
Eine Wortinstallation ist am Freitag im sanierten Brüder- Grimm-Museum in Kassel an den Glastüren zur Bibliothek angebracht. (picture alliance / dpa /Uwe Zucchi)

Nedko Solakov hat zunächst mit Miniaturzeichunen und auch krakeligen Texten eine erstaunliche Karriere hingelegt. Auf der dOCUMENTA (13) präsentiert er sich anders: mit einer materialreichen Installation im Brüder-Grimm-Museum, die aber immer noch bulgarisch wirkt.

Nedko Solakov: "Die Leute fragen mich in der letzten Zeit, warum ich in Bulgarien lebe. Und ich sage immer, dass ich die absurden Geschichten, die man hier erlebt, brauche. Die Absurdität des täglichen Lebens hier inspiriert meinen Sinn für das Absurde."

Trotz seiner Künstlerkarriere im Ausland mag Nedko Solakov seinen Wohnsitz in der bulgarischen Hauptstadt Sofia nicht aufgeben. Nicht Beckett oder Ionesco hätten ihn inspiriert, sagt er, sondern der Blick auf den Alltag in Bulgarien. In Sofia hatte er an der Akademie für Bildende Kunst Wandmalerei studiert. In den Zeiten der Wende, also 1989/90, brach er ein Tabu, als er in einer künstlerischen Arbeit behauptete, Mitarbeiter des bulgarischen Geheimdienstes gewesen zu sein.

Ob Wahrheit oder Lüge, bleibt Solakovs Geheimnis. Diese Arbeit, ein fantasievoll bestückter Karteikasten namens "Top Secret", wurde dann auf der documenta von 2007 gezeigt. Dort sah man ebenfalls seine Zeichnungsserie "99 Fears": tragikomische Tuschblätter mit erläuternden Texten, die alltägliche und vor allem: postsozialistische Ängste vor Augen führten. Das Publikum erfuhr zu seinem Erstaunen, dass man Ängste darstellen kann. Jedenfalls, wenn man Nedo Solakov heißt. Sie sehen beispielsweise aus wie ein kleiner, ausfransender Wischmopp und - arbeiten hartnäckig an ihrer Verbreitung ...

Nedko Solakov ist ein jovial wirkender Mittfünfziger mit imposantem Schnauz- und Kinnbart und einer gemütlichen Sancho-Pansa-Figur. Aufgewachsen im bulgarischen Sozialismus mit seiner Ideologie, seinen Katastrophen, Versorgungsengpässen und alltäglichen Improvisationen hat er das Talent zur Satire und zum schwarzen Humor früh kultiviert. Und gelernt, seine Träume als wichtiges Kapital zu betrachten.

Mit seiner documenta-Arbeit ist er deshalb am richtigen Ort gelandet: im Brüder-Grimm-Museum. Deren Märchen, so erzählt er, hätten seine ganze Kindheit begleitet. Und dort im Erdgeschoss breitet Nedko Solakov sich aus. Ganz anders als sonst: geradezu auftrumpfend, monumental und materialreich. Angetan mit einer historischen Ritterrüstung inszeniert er in diversen Videos seine Träume vom Rittertum, vom Schlagzeugspielen in einer Hard-Rock-Band, von ferngelenkten Spielzeughelikoptern.

Nedko Solakov: "Und ich habe einen kindgemäßen Traum entwickelt, dass ich immer eine komplette Ritterrüstung haben wollte. Doch diesen Traum hatte ich niemals, als Kind habe ich ihn verpasst, deshalb wollte ich ihn als Mann in den besten Jahren einfach nachholen."
Nie verspürte Träume nachzuholen und Gestalt werden lassen – wie soll das gehen? Wieder mal ein poetisch absurdes Unterfangen, das jedoch einem in Bulgarien aufgewachsenen Künstler kaum Schwierigkeiten bereitet: Dort konnte man ohnehin nur überleben, wenn man es verstand, sich in Parallelwelten einzurichten.

Nedko Solakov: "Ich wollte immer, dass bestimmte Träume in meinem Kopf bleiben, aber neulich musste ich das in gewisser Weise realisieren, weil ich an einem Video arbeitete. Und ich wollte ein ganzes Haus mit Träumen einrichten: mit nicht realisierten Träumen. Es sind verschiedene Schichten von Träumen: Einige sind sichtbar, andere kaum sichtbar, es hat mit realen Träumen zu tun, mit erfundenen Träumen und halb erfundenen Träumen."

Und zu den Jugendträumen des Nedko Solakov jedenfalls zählte der Wunsch, Schlagzeuger zu werden. Und so sieht man dann in einem opulent gefilmten Video, wie Fiktion, Traum und Realität plötzlich zusammen treffen: Umgeben von drei der besten Drummer Bulgariens sitzt der Künstler in der Ritterrüstung am Schlagzeug und bemüht sich mit viel Humor, seinem Musikertraum gerecht zu werden.
Doch kein Kunstwerk von Nedko Solakov ohne das Scheitern: Der Ritter ist viel zu steif, um am Schlagzeug mithalten zu können. Und was wäre ein Kunstwerk von Solakov ohne erläuternden Text, der selbstverständlich in die Irre führt?

Nedko Solakov: "Am Anfang meines Textes sage ich, dass ich niemals davon träumte, ein Künstler zu sein, ich wollte immer Schlagzeuger in einer Hard-Rock-Band sein. Und in meiner Schulzeit, als Teenager, saß ich einmal hinter einem Schlagzeug in einer Amateurband, und als sie mich dann das Zweite Mal einluden, fragte mein Vater – Gott habe ihn selig – willst Du nun Künstler oder Schlagzeuger werden?"

Offenbar hat Nedko Solakov die Gretchenfrage seines Vaters richtig verstanden. Seine im Grimm-Museum ausgebreitetes Haus der Träume jedenfalls wird immer verästelter, immer skurriler, immer absurder. Und so stellt der im Westen angekommene Bulgare Solakov am Ende die Frage, ob es wirklich ratsam ist, seine Träume unter allen Umständen zu verwirklichen. Die Brüder Grimm, deren Porträt huldvoll in die Ausstellung integriert ist, lächeln dazu: nachsichtig, verständnisvoll und weise.

Mehr zum Thema bei dradio.de:
Gesichter einer Ausstellung - Künstler und Künstlerinnen auf der documenta, (DKultur, Profil)

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