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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.03.2011

Abschied auf allen Kanälen

Gedanken zum medialen Zapfenstreich

Von Arno Orzessek

Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg und sein Nachfolger Thomas de Maizière beim Großen Zapfenstreich
Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg und sein Nachfolger Thomas de Maizière beim Großen Zapfenstreich (AP)

Scheidenden Bundesministern der Verteidigung wird vom Stabsmusikkorps der Bundeswehr der Große Zapfenstreich gespielt, ganz unabhängig von möglichen Plagiatsvorwürfen. Karl-Theodor zu Guttenberg hat dies genutzt, um sich noch einmal staatsmännisch zu geben - trotz "Smoke on the Water".

Ein Grund für Karl-Theodor zu Guttenbergs Beliebtheit, deren genaues Ausmaß natürlich nur die Bild-Zeitung kennt, dürfte seine klare, unverstellte Physiognomie sein, die gerade bei eingeschalteten Kameras günstig wirkt.

Als das Stabsmusikkorps der Bundeswehr während der Serenade vor dem eigentlichen Zapfenstreich auf des Freiherrn Wunsch Deep Purples "Smoke on the Water" blies, als die Trompeter und Posaunisten allen Ernstes die rohen Gitarrenriffs der englischen Hard-Rock-Band nachzuahmen versuchten, da lächelte KT jungenhaft begeistert und gar nicht staatstragend…

… und für einen Moment dachte man: Gleich, gleich wird sein gegeltes Haupt zu swingen beginnen wie in jener berühmten Plattenteller-Szene, wo er AC/DC auflegt.

Als im Bendler-Block dann "Des Großen Kurfürsten Reitermarsch" gespielt wurde, sah Guttenberg schon wieder preußisch aus; in den wagnerianisch-ernsten Passagen des Zapfenstreichs empfand seine Seele offenbar tief; und die Nationalhymne sang Guttenberg schließlich wie einer, der noch Größeres kennt als sich selbst.

Und sah dabei wie eine ehrliche Haut aus, nicht wie ein Fälscher von Emotionen.

Nur weil ihm der Große Zapfenstreich gespielt wurde, ist zu Guttenbergs Leumund gesamtgesellschaftlich natürlich noch nicht wieder hergestellt. Aber er hat für eine gewisse Weile die Hoheit über die Bilder zurückgewonnen, auf die seine Popularität stets gegründet war.

Mag die helle Hose nicht perfekt zum dunklen Kurz-Mantel gepasst haben, so zeigte sich den Kameras – mindestens drei Sender übertrugen live – doch ihr alter Liebling. Die Fackeln im stürmischen Wind, die große, dunkelviolette Abenddämmerung, der legendäre Hof, der einst Hitler und seine Schergen auftrumpfen und die Attentäter sterben sah: Es war ein Rahmen wie von PR-Beratern bestellt. So eingerahmt ist zu Guttenberg immer ein Souverän. Pathos und Pose: darin ist er klasse; es liegt ihm im Blut. Politisches Talent nennen das viele.

Die Hoheit über die Bilder hatte Guttenberg verloren, als man ihn im Bundestag Lügner und Betrüger schimpfte, ohne dass Ordnungsrufe ergingen. Man hatte Guttenberg echt armselig dahocken sehen, ein Häufchen Elend – um Fassung ringend, machtlos, kraftlos und vor allem: ehrlos.

Im Bundestag hatte zu Guttenberg den Verlust seiner Ehre in einem Ausmaß hinnehmen müssen, das Adelige einst in Duelle verstrickt hat, den Bendler-Block verließ KT nach höchsten militärischen Ehrenbezeugungen unter warmem Beifall in dunkler Staatskarosse, umschwärmt von Feldjägern auf donnernden Motorrädern, im Blaulicht allerhöchster Wichtigkeit.

Ob zu Guttenberg je der Gedanke gekommen ist, dass er diesen Ehren-Pomp gar nicht verdient – darüber lässt sich nur spekulieren.

So oder so ist der Große Zapfenstreich vorläufig als Vexierbild zu lesen. Was daran offiziell Abschied und Ende war, werden KT-Fans ungesäumt in einen Neu-Anfang ummünzen…

… sahen sie doch ihren geliebten Kennedy-Darsteller unerreichbar für höhnische Zwischenrufe und pingelige Fußnotendiskurse bella figura auf Staatsmannsebene machen, für die Hymne und Fahnen und Feierlichkeit bürgten. Wie klein dagegen Fußnoten sind!

In einem Satz seiner Doktorarbeit, den Guttenberg offenbar selbst geschrieben hat, spricht er vom kairos, das meint altgriechisch: den rechten Augenblick der Entscheidung. KT hat in der Krise, als er längst nur noch gehen konnte, den kairos mehrfach verpasst. Die gerechte Strafe dafür wäre gewesen, ihm den Großen Zapfenstreich zu streichen.

Kommt er nun wieder, der gebildete Eingebildete, der in den Ferien angeblich Platon im Original liest? Zu Guttenberg hat den Ikarus-Flug hinter sich, es liegt nahe, dass er sich nun zur Leitfigur den Vogel Phönix nimmt, der bekanntlich ordentlich verbrennen muss, um aus der Asche wieder zu erstehen.

Das Publikum darf hoffen, in zu Guttenbergs Gedankengänge eingeweiht zu werden. Er hat jedenfalls angekündigt, in nächster Zeit einige eigene Gedanken aufzuschreiben.