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Tonart | Beitrag vom 19.10.2016

40 Jahre The MekonsDen Punk in die Gegenwart gerettet

Von Klaus Walter

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Eine Frau mit Irokesenschnitt im Profil vor grauem Himmel (picture alliance / dpa / Leonardo Munoz)
"Wir erfinden unsere Arbeitsweise immer wieder neu, so werden wir nicht abgestanden oder gelangweilt", so Band-Mitbegünder Jon Langford. (picture alliance / dpa / Leonardo Munoz)

Was heißt eigentlich Punk im Jahr 2016? Eine mögliche Antwort kommt von einer Band, die sich 1977 im englischen Leeds an der Kunstschule zusammengefunden hat und sich auch fast 40 Jahre später noch auf den Ethos des Punk bezieht: The Mekons.

"Fear and Beer" heißt dieser Song aus dem neuen Album der Mekons. Furcht und Bier, damit kommen wir dem Kosmos der Mekons schon ein bisschen näher. "Fear and Whiskey" war übrigens schon 1985 der Titel eines Albums der Band. Furcht und Alkohol – zwei Leitmotive im Schaffen der Mekons, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs.

"Mekons are like an iceberg. You see a little bit, but there´s much more going on." 

Wie ein Eisberg sind die Mekons. Unter der Spitze passiert noch viel mehr, sagt Tom Greenhalgh, Mitgründer der Band, wie auch Jon Langford.

"Die Mekons wurden in den späten 70ern an der Kunstschule in Leeds gegründet als die ersten Wellen von Punk übers Land schwappten. Wir dachten, die Band würde vielleicht sechs Monate halten, es war ein Experiment. Und jetzt geht das seit 40 Jahren so, das hat niemand erwartet. Es gibt da immer noch einen roten Faden zu den radikalen Ideen, die wir am Anfang hatten."

Ein von pappyandharriets (@pappyandharriets) gepostetes Foto am

"Dan Dare" aus dem Debütalbum der Mekons 1979. "Dan Dare" ist eine populäre Comic-Reihe im England der späten Fünfziger, eine Figur dieses Comics ist ein Außerirdischer namens Mekon. Den roten Faden zu den radikalen Ideen der frühen Jahre nimmt Sally Timms auf, sie ist seit Mitte der Achtziger eine Mekon.

"Ich traf die Band als ich um die 20 war, ich war mit ihnen befreundet und ging zu ihren Konzerten. Irgendwann haben sie mich gefragt, ob ich nicht ein paar Songs singen könnte. Es gab zwar viele Besetzungswechsel, aber die Mekons waren immer eine sehr integrative Band. Das fand ich interessant und es passte zum Ethos des Punk in dieser Zeit. Ich weiß nicht, ob irgendwer das so konsequent bis heute verfolgt wie die Mekons."

Heute sind sie acht Leute in der Band, zwischen 50 und 60 Jahre alt und bei allen Veränderungen haben die Mekons den Ethos des Punk in die Gegenwart gerettet, so Jon Langford.

"Wir sind immer auf der Suche nach neuen Wegen"

"Bei all dem Vagabundieren in der Band bleibt eines konstant: Wir sind immer auf der Suche nach neuen Wegen. Die Idee von Punk war: keine Regeln, Do it yourself. Wir erfinden unsere Arbeitsweise immer wieder neu, so werden wir nicht abgestanden oder gelangweilt."

Die Mekons sind nicht gelangweilt und sie langweilen nicht, weil sie sich konstant weiterentwickeln. Dem Punkrock der frühen Jahre folgen stilistische Metamorphosen im weiten Feld zwischen Country und Dub-Reggae. Und die Mekons verstehen sich als politische Band. Sie engagieren sich in der Bewegung "Rock Against Racism" Ende der Siebziger wie im großen Bergarbeiterstreik Mitte der Achtziger. Und heute gegen den Brexit. Noch eine Mekon-Konstante.

"Die Mekons haben immer versucht, ihre Arbeit in einen größeren Kontext zu stellen: Fragen von Klasse, Gender, Macht, Geschichte, das geht zurück bis in die Anfangstage. Vielleicht ist es weniger unser Sound als die Art, wie wir mit Informationen und Material umgehen, die interessant ist an den Mekons."

Mekons "Fear & Beer (Hymn for Brexit)" from Barry Mills on Vimeo.

Inzwischen verteilen sich die Bandmitglieder rund um den Globus, von der englischen Provinz über Chicago und Kalifornien bis hin nach Sibirien.

In Brooklyn ist nun das neue Werk der Mekons entstanden. Es heißt "Existentialism" und besteht aus drei Teilen: eine CD, ein Buch, ein Video. Am Anfang steht eine Frage:

Warum sollte es länger dauern, ein Album aufzunehmen, als ein Album zu hören?

Also schreiben die Mekons im Tourbus ein paar Songs…

"Wir brachten ein paar Skizzen und Bruchstücke ein, wie üblich bei den Mekons. Nichts wird fertiggemacht, bis wir alle zusammen kommen." 

Zusammen kommen sie in einem kleinen Theater in Brooklyn. Dort treffen die Mekons die Mekoristers und machen Mekonception. Wie bitte, Sally Timms?

"Wir wollten, dass das Publikum mitmacht, dass sie einen Chor bilden. Wir spielen gerne mit dem Namen Mekons, so kamen wir auf die Mekoristers... der Chor der Mekons für eine Nacht und die Nacht nannten wir Mekonception."

Live-Album mit einem 70 Leute starken Chor

So entsteht mit einem 70 Leute starken Chor aus Mekoristers ein Live-Album der improvisierten Art und die Aufnahme dauert tatsächlich nur etwa fünf mal so lang, wie es dauert, das Album zu hören. Länger dauert es, das Album zu lesen. Die CD ist nämlich verpackt in ein sehr schön aufgemachtes, illustriertes Buch: Gedichte, Essays, Kurzgeschichten. 12 Texte zu 12 Songs von 12 Autoren.

"Wir haben Autoren, die wir kennen, jeweils einen Song gegeben und ihnen gesagt: antworte darauf wie immer du willst. Und sie haben recht schnell geantwortet."

So kommen die Songs mit den Texten ins Gespräch, es geht um so interessante Themen wie den nackten Hamlet, die französische Feministin Simone De Beauvoir, um Sigmund Freud und Hank Williams. Und um den Messias von Dublin. In der Geschichte zum Song "O Money" geht es um eine lächerliche Band, die in der irischen Hauptstadt mal das Vorprogramm für die Mekons bestritten hat. Ihr Sänger machte eine Aufwärmgymnastik, als wollte er den Berg Olymp erklettern.

"U2 haben für die Mekons eröffnet 1979 in Dublin, sie waren noch Schuljungs und machten auf der Bühne diese pompösen Stadionrock-Gesten. Das war sehr irritierend weil wir dachten, Punkrock hat all das auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Für uns waren U2 hoffnungslos gefangen in der Vergangenheit."

Die Vergangenheit hat gesiegt, und wenn heutzutage in Groß-Britannien 40 Jahre Punk gefeiert wird, dann werden im Zweifelsfall eher Bono und U2 eingeladen, als die Mekons. Die arbeiten lieber weiter an ihrem Ethos von Punk.

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