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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2012

360-Grad-Blick auf die Geschichte der Menschheit

Neue Fischer Weltgeschichte: "Südasien" und "Zentralasien"

Das Timur-Tamerlan-Museum in Taschkent: Zentralasien bekommt einen eigenen Band in der Neuen Fischer Weltgeschichte.
Das Timur-Tamerlan-Museum in Taschkent: Zentralasien bekommt einen eigenen Band in der Neuen Fischer Weltgeschichte. (AP Archiv)

Schon die erste Fischer Weltgeschichte war ein Mammutwerk aus der Feder renommierter Historiker. Nun wagt der Verlag eine neue große Universalgeschichte, angelegt auf 21 Bände. Sie soll die europazentrierte Perspektive vieler anderer Darstellungen überwinden. Die beiden Debüt-Bände widmen sich dem asiatischen Raum.

Wer die Welt, in der wir leben, verstehen will, muss sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen. Die Frage ist, wie wir uns seriös über die Menschheitsgeschichte informieren können. Wer gläubig an den Lippen der Historikerzunft klebt, hat deshalb ein Problem, weil sich ein Teil dieser Zunft noch immer schwer tut mit der kritisch abwägenden Darstellung und Deutung der Protagonisten und der personenunabhängigen Prozesse, die menschliches Leben bedingen. Jeder Kulturkreis schottet sich von 'Barbaren' ab, meint, den Fremden überlegen zu sein durch seine Religion, seine Technologie, seine Gestaltung der Gesellschaft. Heute, da Europa und die USA gezwungen sind, andere Kulturkreise ernster zu nehmen als zu Zeiten des Kolonialismus und des Imperialismus, werden auch in der führenden Historiografie die Karten neu gemischt.

Die Neue Fischer Welt-Geschichte ist auf 21 Bände angelegt und debütiert mit den zwei Bänden über Zentral- und Südasien. Erfreulich ist, dass für den Südasienband der ausgewiesene britische Historiker David Arnold gewonnen wurde. Nach seinem ersten Hochschulabschluss ging David Arnold zunächst für zwei Jahre nach Indien. Seit über vier Jahrzehnten erforscht er als Hochschullehrer für Asiatische und Weltgeschichte den für die meisten von uns doch nur sehr bruchstückhaft bekannten südasiatischen Kulturraum, der auch für ihn ein faszinierendes, unendliches Labyrinth voller Geheimnisse bleibt. Da gibt es die rätselhafte, erst vor knapp 100 Jahren dem Vergessen entrissene Indus-Hochkultur – eine Kultur, die bis etwa 1500 v. Chr. floriert hat, ohne Monumentalbauten, ohne Priester- und Kriegerkaste, die gleichsam hierarchielos war und deren Schrift bis heute nicht entziffert werden konnte. Aus bisher ungeklärten Gründen verschwand diese Hochkultur und erst 1000 Jahre später ist in Indien, jetzt im Ganges-Tal, die zum Teil bis heute weiterwirkende Kultur archäologisch fassbar. Spurensuche ist in dem gigantischen Labyrinth Südasien auch für uns – wie uns David Arnold in klar verständlicher Sprache vermittelt – spannend und lohnend.

Passend, da es zwischen Zentralasien und Südasien über die Jahrtausende auf allen Gebieten einen regen Austausch gab, ist der von Jürgen Paul geschriebene Band 10 der NFWG. Jürgen Paul kennt die riesige Region Zentralasien wie kaum ein anderer. Auch er versteht es, unseren Blick zu schärfen und unser Verständnis für diesen sehr komplexen, in jeder Hinsicht weltgeschichtlich bedeutsamen Raum zu entwickeln. Man denke nur an das Mongolenreich, das bisher größte kontinentale Weltreich der Geschichte, ein Reich, das von Korea bis Osteuropa reichte und in dem eilige Nachrichten mit Geschwindigkeiten von bis zu 400 Kilometern am Tag übermittelt wurden. Ein Raum, in dem die Weltreligionen mit und gegeneinander agierten und sich gegenseitig beeinflussten. Ein Großraum, in dem nomadische Viehzüchter, Bauern und Städter symbiotisch und mehr oder – oft – weniger friedlich um die Macht kämpften.

Diese beiden Bände ermöglichen es dem Leser, nicht nur Tiefenkenntnisse zu erwerben, sondern – indirekt – auch die Licht- und Schattenseiten unserer Geschichte mit anderen Augen zu sehen und dadurch das virtuelle Ideologiegebäude der europäischen Historiografie klarer zu durchschauen. Zwar hatte sich schon die von 1965-81 erschienene, sehr erfolgreiche, mehrmals aufgelegte 36-bändige Fischer Weltgeschichte (FWG) vorgenommen, keine europazentrierte Darstellung der Geschichte zu liefern, erreichte dieses Ziel aber nur ansatzweise. Nicht nur die veränderten historischen Sichtweisen und die neuen Ergebnisse der Forschung veranlassten den Verlag vor neun Jahren, die Neue Fischer Welt-Geschichte herauszubringen. Es war auch der Wunsch des Verlags, diesmal eine Weltgeschichte zu publizieren, die tatsächlich den 360-Grad-Blick auf die Geschichte der Menschheit gewährt durch eine so weit als möglich ideologiefreie Porträtierung der miteinander verflochtenen Regionen der Welt. Für das Gelingen dieses Großprojekts sind die beiden höchst informativen und gut lesbaren Asienbände ein gutes Omen.

Besprochen von Hans-Jörg Modlmayr

Neue Fischer Weltgeschichte (NFWG)
David Arnold: Südasien. Band 11, 606 Seiten, 29,99 Euro
Jürgen Paul: Zentralasien. Band 10, 576 Seiten, 29,99 Euro