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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.02.2011

24 Stunden vor dem Börsencrash

Der Film zur Finanzkrise: "Margin Call" auf der Berlinale

Von Susanne Burg

Wenn die Kurse fallen... (AP)
Wenn die Kurse fallen... (AP)

"Margin Call" ist ein Begriff aus der Wirtschaftswelt: Ein Warnhinweis, der Händler immer dann erreicht, wenn Verluste drohen. "Margin Call", so heißt auch das in der Welt der Investmentbanker angesiedelte Filmdebüt des US-Regisseurs J.C. Chandor.

Paul Bettany als Investmentbanker Will Emerson starrt auf den Computerbildschirm und verlangt Erklärungen.

Ein junger Analyst erklärt ihm, was er gerade entdeckt hat: dass die Papiere im Hypothekengeschäft der Investmentbank nicht den Wert besitzen, den sie im Buch haben, dass die Blase kurz vorm Platzen ist und dass es hier um sehr sehr viel Geld geht.

Die Frage ist nun: Was tun? Vom kleinen Fisch, dem Analysten, geht das Problem einmal die Befehlskette nach oben bis zum ganz großen Boss, der mit dem Hubschrauber einschwebt und den Jeremy Irons als freundlichen, eiskalten, genussvoll amoralischen Geschäftsmann spielt. Im Interview wird er dabei recht maritim:

"Die Menschen im globalen Finanzgeschäft erledigen ihren Job, sie spielen ihr Spiel. Und ich bin der Kapitän eines Schiffes, das in Seenot geraten ist. Er weiß, dass er Ladung loswerden muss. Er weiß nicht ganz genau, wie die Motoren funktionieren, aber sein Anliegen ist es, das Schiff in Gang zu halten. Der Film zeigt einfach die Amoralität dieses Geschäftes."

Und John Tuld, der Chef, trifft eine entsprechende Entscheidung: er will weiter oben schwimmen. Daher beschließt er, am nächsten Morgen ganz schnell alle toxischen Papiere abzustoßen, und es ist klar, dass das verheerende Folgen für die Wall Street hat. Der Film beschreibt diese 24 Stunden vor dem Börsencrash. Normale Menschen bleiben außen vor. Logischerweise, sagt Paul Bettany.

"Das ist eine bewusste Entscheidung. Die Leute leben in ihrer Blase. Kapitalismus ist ungerecht und ist ein menschlicher Kapitalismus nicht ein Oxymoron? Es geht darum, möglichst viel Geld zu verdienen, und wir sind doch auch Teil davon: Ihr Journalisten sitzt hier und verdient mehr Geld als die Menschen, die das Mikro gebaut haben, in das ich spreche. Kapitalismus ist unausgewogen und das blendet man gerne aus."

Auch gut verdienende Schauspieler sind natürlich Teil des Systems. Tue Gutes mit dem Geld, ist Kevin Spaceys Motto. Und das bedeutet für ihn: er unterstützt das Theater The Old Vic in London. Hier ist er seit 2004 künstlerischer Leiter. Und Kevin Spacey sagt: Banken sind nicht nur böse.

"Für mich persönlich gibt es da zwei Seiten: Auf der einen Seite wurden in der Bankenwelt Entscheidungen getroffen, unter denen wir noch heute leiden. Auf der anderen Seite habe ich die letzten zehn Jahre damit verbracht, Geld für die Kunst zu sammeln, vor allem für das Old Vic Theater, das keine staatliche Unterstützung bekommt. Und ich muss sagen: wenn es die Bank of America, Barcleys oder Morgan Stanley nicht gäbe, die viel Geld fürs Old Vic gespendet haben, dann könnte ich all das nicht machen. Es sind also nicht nur böse Menschen."

Es ist das Spielfilmdebüt des Regisseurs J.C. Chandor. Zuvor hat er als Werbe- und Dokumentarfilmer gearbeitet, sein Vater aber war 40 Jahre lang Investmentbanker. Der Sohn hat dieses Wissen in eine gute Geschichte gegossen. Was auch der Grund dafür sein dürfte, dass so prominente Schauspieler Schlange standen – bei einem Gesamtbudget von gerade mal drei Millionen Dollar und 17 Drehtagen.

Er habe zuerst zugesagt, sagt Kevin Spacey, und jede Woche kam jemand neues Prominentes hinzu. Was wohl daran gelegen hat, dass J.C. Chandor einfach ein überzeugendes Drehbuch vorgelegt hat.

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