Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Interview | Beitrag vom 21.03.2016

20 Jahre "The Clash of Civilizations"Ein Buch wie eine Bombe

Bassam Tibi im Gespräch mit Korbinian Frenzel

Beitrag hören
Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington im Jahr 2005 (Imago/Christian Thiel)
Der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington (2005): Kein grundsätzliches Problem mit dem Islam (Imago/Christian Thiel)

Vor 20 Jahren erschien "The Clash of Civilizations" von Samuel P. Huntington. Das Buch sollte die wohl einflussreichste Schrift in der Geschichte der Politikwissenschaft werden. Huntingtons Wegbegleiter und Freund Bassam Tibi erinnert sich.

Keine politikwissenschaftliche These hat in den vergangenen Jahrzehnten wohl einen so großen Einfluss gehabt wie diejenige vom "Kampf der Kulturen" von Samuel P. Huntington. Das Buch sei vor 20 Jahren eingeschlagen "wie eine Bombe", sagte der Politologe Bassam Tibi im Deutschlandradio Kultur.

Tibi, ehemals Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen, lehrte und forschte ab 1982 auch in Harvard – Huntington hatte ihn persönlich geholt. Die beiden wurden Freunde, auch wenn Tibi Huntington in Bezug auf dessen Thesen immer wieder Kontra gab.

Huntington sei kein Provokateur gewesen, betont Tibi heute. Und er habe auch kein Problem mit dem Islam gehabt, wie vielfach aufgrund des berühmten Buches angenommen wird. Seine Islamkenntnisse seien aber dürftig gewesen, sagte Tibi.

Jenseits dessen lobt Tibi seinen Weggefährten ausführlich. "Für mich war er der allergrößte Professor in den Sozialwissenschaften in Harvard." Er sei bescheiden und zurückhaltend gewesen. Diese Tugenden habe er auch nach 9/11 gezeigt.

Nach den Anschlägen auf das World-Trade-Center hätte Huntington aufgrund seiner fünf Jahre zuvor aufgestellten Thesen "so groß" werden können. "Er hat das abgelehnt, mitzuspielen. Er sagte: 'Das ist schlimm, was passiert ist. Aber das ist kein Clash of Civilizations'."


Das Gespräch im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Es ist selten, dass eine eigentlich wissenschaftliche Wortmeldung so viel Wirbel macht, wie die, über die wir jetzt sprechen. "Der Kampf der Kulturen", der "Clash of Civilisations", der vor 20 Jahren erschienen ist, geschrieben von Samuel P. Huntington, der vor einigen Jahren bereits verstorbene Harvard-Professor, an dessen Seite in Harvard viele Jahre lang mein Gesprächsgast gearbeitet hat, Bassam Tibi, der in Damaskus geborene und später in Göttingen lehrende Professor für internationale Beziehung – Herr Tibi, ich grüße Sie!

Bassam Tibi: Ich grüße Sie auch!

Frenzel: Huntington, als er das geschrieben hat in den 90er-Jahren, hatten Sie den Eindruck, das war zunächst eher eine Provokation oder war das der Versuch einer echten Analyse?

Tibi: Man muss es so trennen: Die Warnung von Huntington und die Realität. Ich kenne Huntington seit '82 sehr gut, und Huntington ist kein Provokateur. Also nach seiner Wahrnehmung hat er eine post-bipolare Analyse der Weltpolitik vorgelegt, das heißt, nach dem Ende des Kalten Krieges, aber in Wirklichkeit wirkte das wie eine Bombe. Statistisch gesehen: Es gibt keinen Aufsatz, in der ganzen Geschichte der Politikwissenschaft, wie der Aufsatz "Clash of Civilizations" von '93, der in so viele Sprachen übersetzt worden ist. Huntington hat nicht damit gerechnet.

Frenzel: Hatten Sie denn damals im Umfeld Huntingtons geglaubt, dass diese Thesen so viel Wirbel auslösen könnten?

Ein Satz von Huntington über den Islam war verletzend

Tibi: Also ich habe diese These, aber anders als Huntington, schon formuliert. Ich bin Moslem und ich lebe im Westen, und ich spreche von Wertekonflikten.

Also ich habe 1979 in Kairo ein großes Referat gehalten und ich bin beinahe ermordet worden, weil ich sagte, es gibt einen Konflikt zwischen säkularer Weltsicht und islamischer Weltsicht, und wir Muslime müssen damit zurechtkommen. Mit solchen Ideen habe ich nicht so etwas ausgelöst wie Huntington. Also Huntington war einmalig.

Frenzel: Sie haben selbst ein Buch geschrieben, ein Jahr vor Huntington veröffentlicht, hier in Deutschland, "Krieg der Zivilisation". Das ist vom Titel schon sehr nah dran. Ich zitiere aber gerade noch mal aus dem bekannten "Kampf der Kulturen": "Die Grenzen des Islams sind in der Tat blutig, und das Innere ist es ebenfalls."

Bassam Tibi, Sie haben gerade schon mehrfach betont, Sie sind Moslem, Sie sind praktizierender Moslem – gab es auch zwischen Ihnen beiden, zwischen Huntington und Ihnen einen "Clash", als diese Zeilen entstanden sind?

Tibi: Ja, also dieses Zitat, was Sie vorgetragen haben, ist verletzend. Ich habe ihm gesagt, also lieber Sam, es gab zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert eine islamische Philosophie der Aufklärung, des Rationalismus, und der Islam hatte mit Blut damals nichts zu tun, sondern mit Vernunft.

Ich habe ihm gesagt, es gibt Konflikte in der Welt des Islam, die blutig sind, aber das ist nicht ein Charakteristikum des Islam. Er hatte Schwierigkeiten damit.

Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi (picture-alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi, langjähriger Weggefährte und Freund von Samuel P. Huntington (picture-alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Er sagte zu mir oft, Bassam, du denkst rational, und wie kannst du das mit deiner islamischen Weltsicht vereinbaren. Erst mal muss ich sagen, über Tote redet man nicht schlecht. Huntington hat mich '82 nach Harvard gebracht, und meine Harvard-Karriere von 20 Jahren ist so wichtig für mich, aber ich muss das als Wissenschaftler sagen: Seine Islamkenntnisse waren sehr dürftig, leider.

Frenzel: Hatte er denn ein Problem mit dem Islam, ein irrationales Problem?

Tibi: Nein, aber es gibt eine islamische Herausforderung. Besonders seit der iranischen Revolution '79 ist eine Auffassung vom Islam in die Weltpolitik zurückgekehrt, und damit ist Huntington nicht fertig geworden. Hierüber war es wirklich sehr schwer, miteinander zur reden, aber Huntington war ein sehr toleranter Mensch. Er hätte mich durch ein Telefonat beim Präsidenten von Harvard rausschmeißen können. Er hat es nie getan, obwohl ich mit dem Bundespräsidenten Roman Herzog ein Buch gegen ihn geschrieben habe, "Preventing the Clash of Civilizations".

Er hat mich daraufhin zum Lunch eingeladen und hat gesagt: "Bassam, what is wrong with you?" Dann habe ich gesagt: "There is nothing wrong. The problem is, we are in disagreement." Es gibt nichts Falsches, sondern das Problem ist, dass wir die Sache unterschiedlich sehen. Ich sehe den Konflikt, aber Konflikte lassen sich rational lösen.

Huntington war ein toller Konfliktforscher, und Huntington weiß, Konflikte können gelöst werden, aber er hat deswegen den Begriff "Konflikt" nicht benutzt, sondern "Clash", weil "Clash" ist essentialisiert, und wenn es zwischen zwei Parteien einen "Clash" gibt, dann gibt es keine Lösung, höchstens einen Waffenstillstand.

Er meinte, er könnte so einen Waffenstillstand zwischen Westen und der Welt des Islams erreichen. Das letzte Kapitel seines Buches heißt "Die Suche nach Gemeinsamkeiten", und unter diesen Gemeinsamkeiten ist der Wille, zusammen zu leben, aber: im kalten Frieden.

Der deutsche Buchtitel hat die Debatte verschärft

Frenzel: Herr Tibi, möglicherweise war die deutsche Debatte auch noch mal eine ganze Spur schärfer. Wenn wir uns den Titel anschauen, "Kampf der Kulturen" – wir haben jetzt auch mehrfach den englischen Originaltitel genannt, "The Clash of Civilizations", was ein weniger scharf ist – Zusammenstoß der Zivilisationen - hat diese Verschärfung im Titel auch die Debatte im deutschsprachigen Raum noch mal verschärft?

Tibi: Sie haben recht. Huntington war nicht dafür. Im Jahr des Erscheinen des Buches von Huntington hat uns die Deutsche Bank, also die Herrhausen-Gesellschaft, bei der Deutschen Bank eingeladen, und wir haben im Gebäude der Deutschen Bank darüber diskutiert, und Huntington merkte also eine feindliche Stimmung. Da hat er gesagt vor dem Publikum, "my very good friend Bassam Tibi sieht die Sache nicht so". Dann hat er gesagt, die Übersetzung des Begriffs "Clash" mit "Kampf" hat die Sache sehr verschärft.

Huntington kann Deutsch lesen, und ich habe ihm erklärt, also "Clash" ist Zusammenprall, und Zusammenprall ist nicht so schlimm wie Kampf, aber der Begriff hat dazu beigetragen, dass Huntington in Deutschland als ein kalter Krieger wahrgenommen worden ist, und das ist falsch. Glauben Sie mir, Huntington war kein kalter Krieger.

Frenzel: Fünf Jahre, nachdem das Buch erschienen ist, haben wir den 11. September erlebt, den 11. September 2001, die Anschläge. Viele haben Huntingtons Buch als Art Beleg dafür genommen, was jetzt passierte, für ihren Kreuzzug gegen den Islam. Er hat dass allerdings immer abgelehnt, oder?

Nach Nine-Eleven spielte Huntington nicht mit

Tibi: Genau. Vielleicht persönlich zu Huntington: Für mich war er der allergrößte Professor in den Sozialwissenschaften in Harvard, aber er war bescheiden und zurückhaltend, und diese Tugenden hat er auch gezeigt nach Nine-Eleven.

Nach Nine-Eleven hätte er so groß (werden) können, und sein Buch hätte wahrscheinlich Riesenauflagen erfahren können. Er hat das abgelehnt, mitzuspielen. Er sagte: "Das ist schlimm, was passiert ist, aber das ist kein Clash of Civilizations."

Frenzel: Bassam Tibi, emeritierter Professor für internationale Beziehung an der Universität Göttingen und Wegbegleiter Samuel B. Huntingtons. Herr Tibi, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Tibi: Ich danke Ihnen auch sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Zum Thema "20 Jahre Kampf der Kulturen" gibt es morgen ein weiteres Interview in Studio 9. Um 7.40 Uhr sprechen wir mit Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Mainz, über die Frage, welche Bedeutung die Thesen Huntingtons heute noch haben.

Mehr zum Thema

"Clash of Civilizations" - Huntingtons Kampf der Kulturen - 20 Jahre Irrtum?
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 02.03.2015)

Seit 9/11 nicht alles "radikal anders"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 01.09.2011)

Kampf der Kulturen
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 28.12.2008)

Ehrenrettung für Samuel Huntigton
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 29.11.2008)

Kein Kampf der Kulturen
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 09.03.2008)

Kampf der Kulturen
(Deutschlandfunk, Politische Literatur, 11.02.2008)

Interview

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur