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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 24.12.2006

100 Jahre Radio

Am Heiligabend 1906 strahlte Reginald Aubrey Fessenden die erste Rundfunksendung aus

Von Ingo Kottkamp

Seiner Zeit voraus: Das Radio, wie wir es heute kennen, begann erst Jahrzehnte nach Fessendens Pionierleistung. (AP Archiv)
Seiner Zeit voraus: Das Radio, wie wir es heute kennen, begann erst Jahrzehnte nach Fessendens Pionierleistung. (AP Archiv)

Die Geschichte des Radios setzt für viele in den 20er Jahren ein, als zunächst amerikanische und dann europäische Sender mit dem Rundfunkbetrieb begannen. Aber es gibt auch eine Vorgeschichte, die nicht minder spannend ist. In ihr geht es um die Erforschung der Elektrizität, um drahtlose Telegraphie, um rivalisierende Telegraphenkonzerne und um Pioniere der Technik. Einer von ihnen war Reginald Fessenden, ein Kanadier, der entscheidenden Anteil am Aufbau des amerikanischen Rundfunks hatte. Am Heiligabend 1906 ging er mit einer ersten Radiosendung in die Geschichte ein.

Wir wissen nicht wirklich, wie das erste Radioprogramm klang. Keiner der Matrosen vor der Küste von Massachusetts, die es am Weihnachtsabend 1906 möglicherweise hörten, war in der Lage, eine Aufzeichnung zu machen. Und von dem Kanadier Reginald Fessenden, der als Ansager, Programmdirektor, Musiker und vor allem Techniker in Personalunion fungierte, haben wir nur einen Jahrzehnte später geschriebenen Brief, in dem er sich an die Sendung erinnert.

" Am Beginn stand eine kurze Ankündigung dessen, was jetzt folgen würde. Dann wurde Händels Largo auf dem Phonographen gegeben. "

" Ich spielte "Oh holy night" auf der Geige und sang die letzte Strophe mit; der Gesang war allerdings nicht besonders gut. Dann kam der Bibelvers "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen", und zum Schluss wünschten wir frohe Weihnachten und sagten, dass wir uns am Silvesterabend wieder hören würden. "

Drehen wir die Uhr um ein paar Jahre zurück. Schon zu Beginn des Jahrhunderts war das Radio in aller Munde. Aber niemand dachte dabei an Worte und Klänge. Was die Menschen begeisterte, war die drahtlose Übertragung von Morsezeichen. Es war ein Italiener, der das mit hochfliegenden Hoffnungen verbundene "Wireless" nach Amerika gebracht hatte: Guglielmo Marconi. Allerdings ein Italiener, der dank seiner irischen Mutter perfekt Englisch sprach und die für technologische Pioniertaten empfänglichen Amerikaner sofort auf seiner Seite hatte. Gleich nach seiner Ankunft in New York landete er einen Pressecoup: per Schiffstelegraph übertrug er ein Yachtrennen quasi live in die Stadt, wo der aktuelle Stand auf Anzeigetafeln publiziert wurde. Der New York Herald, der den Deal mit Marconi eingefädelt hatte, schrieb begeistert:

" Signor Marconi versetzte das Publikum in die Lage, jede neue Wendung des Rennens zu verfolgen. Immer wenn Signor Marconi von seinem Dampfschiff aus telegraphierte, waren laute Hurras an den Anzeigetafeln zu hören. "

Reginald Fessenden hatte damals einen Lehrstuhl für Elektrizität an der Western University of Pennsylvania inne. Sein Ehrgeiz war angestachelt, Marconi zu übertreffen. Als er zum Wetterbüro der Vereinigten Staaten wechselte, um dort den drahtlosen Transfer von Klimadaten zu organisieren, begann Fessenden, an einer Neuerung zu feilen. Marconi benutzte nämlich die Technik der so genannten Knallfunken. Diese Funken, von denen auch das heutige Wort Rundfunk stammt, erzeugten Radiowellen, die sich ungeregelt über ein breites Frequenzspektrum ausbreiteten. Sobald zwei Sender gleichzeitig funkten, kamen sie sich unweigerlich ins Gehege. Fessenden brachte dagegen die junge Technik der Wechselstrommotoren ins Spiel. Seine Idee: wenn man einen Wechselstrom zu sehr hohen Frequenzen beschleunigt, entstehen elektromagnetische Wellen - Radiowellen. Die Firma General Electric war von der Idee, Motoren mit einer so hohen Stromfrequenz zu bauen, zunächst nicht sehr begeistert. Ein Mitarbeiter schrieb an Fessenden:

" Einer Anfrage dieser Art können wir nur mit höchster Zurückhaltung begegnen. Hätten wir nicht so eine hohe Meinung von ihrer experimentellen Arbeit, würden wir uns gezwungen sehen, ein derart ungewöhnliches Ansinnen zurückzuweisen. "

Aber Fessenden ließ nicht locker. Das Gerät, das schließlich doch fertig wurde, hieß Alternator: eben weil es Wechselstrom, also alternierenden Stromfluss produzierte. Marconis Knallfunken wurden abgelöst durch exakt regulierbare Sinuswellen, die sich nicht mit anderen Radiowellen überkreuzten. Mit ihnen war es endlich möglich, auch Wörter und Klänge zu übertragen.

Fessendens Vision war aber gar nicht Radio im heutigen Sinne. Ihm schwebte eine drahtlose Telephonie vor, bei der jeder von jedem angefunkt werden konnte. Diese Idee entsprach damals dem Zeitgeist, denn die Telefongesellschaften wie die noch heute aktive AT & T wurden als geldgierige Monopolisten empfunden.

Die Zeit war noch nicht reif für Radio in seiner heutigen Form. Als Reginald Fessenden seine Weihnachtsshow übertrug - und dabei sein Leben riskierte, denn der Alternator stand buchstäblich unter Hochspannung -, war ihm sein Programm nur Mittel zum Zweck. Stolz war er auf seine technischen Errungenschaften, und die wurden auch bald von der US Navy übernommen. Die Radioshows, die die amerikanische Unterhaltungskultur so sehr prägten, begannen erst in den 20er Jahren, lange nach Fessenden. Seine besinnliche Weihnachtssendung war da bereits vergessen.

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