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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 09.06.2016

100. Geburtstag von Robert McNamara Sinneswandel eines US-Kriegsstrategen

Von Almut Finck

US-Verteidigungsminister Robert S. McNamara gibt auf einer Pressekonferenz am 01.12.1967 in Washington bekannt, dass er "irgendwann im nächsten Jahr" für das Amt des Präsidenten der Weltbank kandidieren wird. McNamara war während des Vietnamkrieges von 1961 bis 1968 US-Verteidigungsminister. (picture-alliance / dpa / UPI)
Robert S. McNamara. Er war während des Vietnamkrieges von 1961 bis 1968 US-Verteidigungsminister. (picture-alliance / dpa / UPI)

Im Vietnamkrieg starben auf amerikanischer Seite 58.000, auf vietnamesischer über drei Millionen Menschen. Als Schuldigen sehen viele Robert McNamara, US-Verteidigungsminister von 1961 bis 1968. Doch im Alter vollzog der einen denkwürdigen Sinneswandel.

"I think the human race needs to think more about killing." ("Die Menschheit muss mehr über das Töten nachdenken.")

"Is that what we want in this 21st century?" ("Ist es das, was wir wollen im 21. Jahrhundert?")

Robert McNamara in "The Fog of War", "Der Nebel des Krieges".

So heißt der mit einem Oskar ausgezeichnete Dokumentarfilm, den der amerikanische Regisseur Errol Morris 2003 über den damals 87-Jährigen dreht. Zur Zeit des Vietnamkriegs war McNamara US-Verteidigungsminister. Ihm, nicht den Präsidenten Kennedy oder Johnson, geben viele bis heute die Hauptschuld am Tod von 58.000 GIs - und drei Millionen Vietnamesen.

Robert McNamara wird am 9. Juni 1916 in San Francisco geboren. Er studiert Mathematik, Wirtschaftswissenschaften und Philosophie. 1941 meldet sich der junge Familienvater und Harvarddozent freiwillig zur Armee. Nach dem Krieg geht McNamara zu Ford nach Detroit. 1960 wird er der erste Präsident des Konzerns, der kein Mitglied der Ford-Familie ist.

Doch schon kurz darauf holt John F. Kennedy den mittlerweile 44-Jährigen in die Politik. McNamaras Spitzname damals lautet:

"Computer auf zwei Beinen."

Der Historiker Bernd Greiner: "Weil er ein geradezu sagenhaftes Gedächtnis hatte, er konnte sich Zahlenkolonnen merken, er kannte Bilanzen auswendig, Statistiken, er war nachgerade verliebt in die Vermessung des Politischen mit mathematischen Mitteln."

McNamara ist überzeugt, sogar einen Krieg wie den in Vietnam allein mit dem Verstand planen, steuern und beherrschen zu können.

"Er war allen Ernstes der Meinung, eine mathematische Lösung finden zu können, also so und so viel Bomben auf jedes Planquadrat werden sich übersetzen lassen in eine abnehmende Moral der vietcong- respektive nord-vietnamesischen Truppen."

Strategischer Denkfehler

Die USA wollen um jeden Preis verhindern, dass Ho Chi Minh, Nordvietnams kommunistischer Führer, seine Macht auf den Süden ausdehnt. Denn Amerika ist überzeugt: Wenn Südvietnam fällt, fallen andere Staaten in Asien auch. Ein Denkfehler, räumt McNamara später ein. Wir, so der Ex-Pentagon-Chef, wir sahen Vietnam als Teil des Kalten Krieges. Aber für sie war es ein Bürgerkrieg.

"We saw Vietnam as an element of the cold war. Not what they saw it was: a civil war."

Es sei gar nicht primär um den Kommunismus gegangen, sondern, nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft, um die Unabhängigkeit und Einheit des Landes. Er habe schlicht nicht verstanden, bekennt McNamara, dass Nordvietnam kein Marionettenstaat gewesen sei, ferngesteuert von Moskau, und Ho Chi Minh eher so etwas wie ein asiatischer Tito.

"I didn't understand that Ho Chi Minh was not a follower of Stalin or Chruschtschow. He was a Tito. He was an Asian Tito."

Später Sinneswandel

Sieben Jahre lang bleibt McNamara im Amt. Als die Stabschefs 1968 noch mehr Bataillone fordern, empfiehlt er das Gegenteil: Den Rückzug. Die Militärs sind entsetzt. McNamara tritt zurück und wird Chef bei der Weltbank. Lange wahrt er Schweigen über seine Jahre an der Spitze des Pentagon. Erst 1995 veröffentlicht er ein Buch mit dem Titel: "Vietnam. Das Trauma einer Weltmacht."

"We were wrong." - "Wir haben uns geirrt." So sein Fazit. 2009 stirbt Robert McNamara. Er ist 93 Jahre alt. Kann sich ein Mensch um 180 Grad drehen?

Bernd Greiner: "Viele haben ihm das nicht abgenommen. Ich neige dazu, dass er es ernst gemeint hat. Er hat mit sich gerungen, wie kaum ein zweiter, ja, ich glaube, er hat einen ernst zu nehmenden Versuch gemacht, Konsequenzen zu ziehen."

McNamara, zu dessen ehrgeizigsten Projekten in seiner Zeit als Verteidigungsminister die massive Aufstockung des amerikanischen Atomwaffenarsenals mit nuklearen Interkontinentalraketen gehörte, dieser McNamara wurde Mitte der 1980er-Jahre zu einem Sprecher der atomaren Abrüstungsbewegung. Sein stärkstes Argument:

"There will be no learning period with nuclear weapons."

Bei Atomwaffen hat man keine Zeit, um aus Fehlern zu lernen. Wer einen einzigen Fehler macht, zerstört ganze Nationen.

"You make one mistake, you’re gonna destroy nations."

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