Samstag, 30. August 2014MESZ10:12 Uhr

Aus der jüdischen Welt

AntisemitismusGetragen von der Musik
Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Dorthin sollte der elfjährige Simon Gronowski deportiert werden.

Durch eine gewagte Aktion belgischer Widerstandskämpfer gelang Simon Gronowski im April 1943 die Flucht vor den Nazis. Heute erzählt er von seiner Rettung und von der Kraft, die ihm die Jazz-Musik in schweren Zeiten gab.Mehr

Shoah-ÜberlebendeUnvergossene Tränen
Der Schatten einer Familie, die sich an der Hand hält.

Shoah-Überlebende haben häufig versucht, die Schrecken von Verfolgung, Folter und Flucht zu vergessen - und damit unbewusst ihre Familien belastet. Kinder und sogar Enkel von NS-Opfern kämpfen mit den Konsequenzen der Verdrängung.Mehr

DorflebenJuden in Berkach
Ein historischer Wegweiser von 1912 zeigt im südthüringischen Berkach in der Rhön Richtung und Entfernung nach Nordheim, Meiningen, Behrungen und Römhild an, aufgenommen am 10.06.2009.

Zu DDR-Zeiten lag der kleine Ort Berkach in Thüringen mitten im einstigen Sperrgebiet. Niemand interessierte sich für die Geschichte der Juden des Dorfes und für ihre Synagoge, die vor 160 Jahren gebaut wurde.Mehr

weitere Beiträge

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 28.08.2009

Zwischenstation auf dem Weg nach Palästina

Das DP-Camp Schlachtensee

Von Matthias Bertsch

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in Berlin-Schlachtensee ein Durchgangslager für jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa. Für viele war es eine Zwischenstation auf dem Weg nach Palästina.

"Ich bin im Juli 1946 in Schlachtensee angekommen. Mit wurde ein Platz auf dem Boden der Polizeistation zum Schlafen zugewiesen, es gab schlicht keinen anderen Platz. Das Lager wurde zu diesem Zeitpunkt immer voller: Viele kamen aus Polen, sie hatten in der Sowjetunion überlebt. Eigentlich sollte Schlachtensee ja ein Durchgangslager sein, aber durch die vielen jüdischen Flüchtlinge aus Osteuropa wurde es eine Dauereinrichtung."

Rachel Abramowitz ist über 80 und lebt heute in Miami. Der Journalist Gabriel Heim hat sie für einen Dokumentarfilm über die Situation der DP-Lager im Nachkriegsberlin interviewt.

"Als ich begonnen habe, das Thema zu recherchieren, und mich damit befasst habe, dachte ich ursprünglich, es muss doch ein großes traumatisches Erlebnis gewesen sein, hier zu sein, in Berlin, in der Reichshauptstadt, einen Steinwurf von Wannsee entfernt. Das war es aber nicht. Es waren zwei Jahre der Hoffnung auf einen Neubeginn, es waren zwei Jahre des Wartens auf ein neues Leben und es war die wieder gewonnene Identität."

Auch Roni Golz, selbst Sohn jüdischer Flüchtlinge, hat mit vielen ehemaligen Bewohnern des DP-Camps gesprochen und zahllose Dokumente durchforstet. Und ähnlich wie Heim musste auch er seine Vorstellungen vom Leben im Lager – zudem noch einem ehemaligen Barackenlager der Wehrmacht – korrigieren.

"Schlachtensee war überhaupt nicht elend oder sonst etwas: Die Baracken waren voll, aber es gab eine Kantine, eine Synagoge, eine Schule, eine Turnhalle, es war ganz und gar nicht eine elende Situation, sie wurden im Verhältnis zur deutschen Bevölkerung, sogar zur jüdischen Gemeinde, besser versorgt mit Lebensmitteln über amerikanische und englische jüdische Hilfsorganisationen. Das einzige Problem war und das ist jetzt wirklich ein großes Problem: Diese Menschen befanden sich in einem Land, in dem sie auf keinen Fall sein wollten. Sie waren in einer Art Getto, aber nicht, dass die Außengesellschaft sie gettoisiert hätte wie vorher, sie selbst befanden sich in einem Getto, wo sie sein wollten und warteten endlich nach Palästina weiter zu reisen."

Palästina war auch das erklärte Ziel der zionistischen Organisationen, die in Schlachtensee aktiv waren. Doch die britische Mandatsmacht betrieb eine restriktive Einwanderungspolitik und so blieben den auswanderungswilligen Flüchtlingen die Tore Palästinas verschlossen. Was in Schlachtensee entstand, war eine Welt, die es anderswo nicht mehr gab.

"Es war wirklich ein jüdisches Stetl mentalitätsmäßig, so wie es in Osteuropa eben dann durch die Shoa vernichtet worden ist, und das hat hier noch einmal zwei Jahre eine kulturelle, gesellschaftliche Bedeutung gekriegt, und die Menschen sind dann eben weiter gezogen."

Längst nicht alle Bewohner des Lagers blieben zwei Jahre in Schlachtensee. Da ständig neue Flüchtlinge kamen, wurden einige schon bald in andere DP-Camps weiter geschickt.

"Man kann es kaum glauben: Die Transporte aus Westberlin waren entweder auf dem Lastwagen, auf Militärlastwagen und hauptsächlich nach Eschwege, das war ein DP-Lager damals in der Nähe von Kassel, aber es gab auch, und das konnten wir nicht fassen, die Güterzüge, die wir so gut vom Holocaust kennen. Die Menschen wurden zwar nicht reingepfercht, aber sie sind transportiert worden von den Westmächten, nach Westdeutschland, in Güterzügen."

Kontakt zur Außenwelt hatte das DP-Camp kaum: Schlachtensee war durch einen Zaun von den umliegenden Häusern und Straßen getrennt. Die einzige regelmäßige Verbindung war der Schwarzmarkt: Dieser sei fest in jüdischer Hand, waren viele Deutsche überzeugt.

"Es hatte was Wahres, es ist unsinnig zu sagen, die große Mehrheit der DPs, es ist Unsinn, aber eine starke Minderheit hat Schwarzmarkt-Geschäfte gemacht - vollkommen irrelevant, es gab massenweise Deutsche, die Schwarzmarkt gemacht haben, es war also nichts Jüdisches, die Juden haben auch, aus diesen Lagern, Schwarzmarkt gemacht, sie waren nicht die Mehrheit am Reichstag und am Potsdamer Platz, aber sie waren mit da drin und natürlich wurde sofort aufgrund von vorherrschendem weiterhin existierendem Antisemitismus sofort die Juden-Schwarzmarkt."

Mit Beginn der Berlin-Blockade im Juni 48 wurden Schlachtensee und die beiden anderen Berliner DP-Camps aufgelöst. Die Flüchtlinge wurden mit Rosinenbombern nach Westdeutschland ausgeflogen und dort in andere Lager gebracht, die Alliierten hatten mit der Ernährung der deutschen Bevölkerung und ihrer eigenen Soldaten genug zu tun. Anfang der 50er-Jahre wurde auf dem Gelände des DP-Camps Schlachtensee ein Aufnahmelager für Aussiedler aus dem Osten eingerichtet, Anfang der 60er wurden die Baracken abgerissen. Heute erinnert in Schlachtensee nichts mehr an die rund 5000 jüdischen Flüchtlinge.