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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 06.04.2006

Zwischen Wissenschaft und Propaganda

Vor 45 Jahren wurde das Bundesinstitut zur Erforschung des Marxismus-Leninismus gegründet

Von Karl-Heinz Heinemann

Wladimir Iljitsch Lenin (AP Archiv)
Wladimir Iljitsch Lenin (AP Archiv)

Mit dem Kalten Krieg wuchs in der Bundesrepublik das Interesse an der ideologischen Auseinandersetzung mit dem Marxismus-Leninismus. Das Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln, das bei seiner Gründung 1961 noch Institut zur Erforschung des Marxismus-Leninismus hieß, genoss in den 40 Jahren seines Bestehens auch in Osteuropa den Ruf, kein reines Propagandainstrument zu sein, sondern durchaus seriöse Forschung zu betreiben.

Heinz Brahm: "Bei dem KPD-Prozess waren viele Ministerialbeamte in Karlsruhe, und den Ministerialbeamten wurden plötzlich klar, dass sie im Grunde nichts wussten über den Marxismus-Leninismus. Sie sind ja bürgerlich groß geworden. Viele Studienräte in dieser Zeit und aus der Vorkriegszeit wussten auch selten etwas über Marxismus, und wenn sie etwas wussten, dann durften sie es nicht an der Schule lehren."

Und so entstand damals in einem kleinen Kreis um Hans Ritter von Lex, Staatssekretär im Bundsinnenministerium, die Idee eines Instituts, das sich mit dem Marxismus sowjetischer Prägung und dem ideologisch-politischen Überbau des Feindes im Osten auseinandersetzen sollte. Am 6. April 1961 wurde dann das Bundesinstitut zur Erforschung des Marxismus-Leninismus (Institut für Sowjetologie) offiziell gegründet. Heinz Brahm kam 1963 als wissenschaftlicher Mitarbeiter dazu. Er erinnert sich:

"Und das war damals ein Novum. Es war damals eine Mode, muss man sagen, sich ideologisch mit dem Kommunismus auseinanderzusetzen, wobei die Hoffnung im Hintergrund stand, wenn wir besser argumentieren als die Kommunisten, geben die irgendwann klein bei. Das war natürlich ein Irrtum."

Das Bundesinnenministerium, dem das Institut zugeordnet wurde, konnte nicht viel damit anfangen, denn Osteuropa war nicht sein Aufgabengebiet, und die ideologische Auseinandersetzung war Sache des gesamtdeutschen Ministeriums. So konnten sich die 25 bis 30 Wissenschaftler in der Kölner Lindenbornstraße relativ frei ihre Themen aussuchen.

Man schrieb, auch ohne Auftrag, vor allem für die politische Klientel: Ministerien, Abgeordnete, Bundespräsidenten, man beobachtete die politischen Entwicklungen, nicht nur in Osteuropa, sondern den Maoismus ebenso wie den Eurokommunismus, man registrierte aufmerksam die Haarrisse und später die wachsenden Gräben im sozialistischen Lager. Ein Mitarbeiter erinnert sich, wie er den damaligen Präsidenten Richard von Weizsäcker vor dessen Reise nach Bulgarien 1988 mit Hintergrundinformationen zur Geschichte des Landes und den Jahrtausende alten deutsch-bulgarischen Beziehungen versorgte. Als er seine Formulierungen hinterher in präsidialen Ansprachen wieder erkannte, war er stolz: Seine Arbeit hatte etwas genützt. Doch es fehlte die Anerkennung in der Welt der Wissenschaft. Manche habilitierten und wechselten an eine Hochschule.

"Wir mussten wirklich für Leute schreiben, die einfache Texte haben wollten. Das hat man uns mitunter vorgeworfen, dass wir nicht so bombastisch daher geschrieben haben mit Max Weberschen Ausdrücken, wie man es an den Universitäten macht. Das mochten die Abgeordneten und das mochte niemand in Bonn, bombastische Texte. Ihnen war lieber, wenn auf einer oder zwei Seiten in einer Zusammenfassung das Wesentliche gesagt wurde. Zum Beispiel, was man zu halten habe von der Entwicklung in Polen in der Zeit der Solidarnosc oder von Sanktionen in irgendeinem Land. Das ist schon eine andere Aufgabe als die Universitäten."

Das Institut war keine reine Propagandamaschine, meint Heinz Brahm. Das gesamte politische Spektrum der Bundesrepublik habe sich dort widergespiegelt, jedenfalls das im weiterten Sinne antikommunistische. Mit Gesellschaftswissenschaftlern in den untersuchten Ländern war man in herzlicher Feindschaft verbunden. Zumindest so lange der Kalte Krieg herrschte, wusste man, was man voneinander zu halten hatte.

"Und dann hörte fast schlagartig die Polemik gegen einen auf. Ich habe das persönlich bedauert. Ich hatte mich an die Kritik gewöhnt, und es war sehr lustig, wo man mich angegriffen hat, in welchen Zeitschriften, in satirischen Zeitschriften wurde ich einmal als junger aufstrebender Wissenschaftler bezeichnet und dann als Schreiberling."

Die Wende 1989 war eine Sternstunde für die Institutsmitarbeiter, obwohl sie die Radikalität dieser Entwicklung nicht vorhergesehen hatten. Die Transformation der ehemals sozialistischen Gesellschaften war sicher ein spannender und für die Entwicklung in ganz Europa höchst bedeutsamer Forschungsgegenstand. Aber den beim Innenministerium angesiedelten Wissenschaftlern fehlte die Lobby in Berlin, und vielleicht waren sie auch zu sehr auf Sowjetologie spezialisiert, als dass sie sich auf die rasante Veränderung des Sujets einstellen konnten. Ende des Jahres 2000 wurde das Biost in Köln, wie es abgekürzt hieß, mit nur wenigen verbliebenen Mitarbeitern der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin einverleibt, die so etwas wie der "think tank" der Bundesregierung ist.

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