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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.06.2007

Zwischen Verlegenheit und Wahrheit

Manfred Velden: "Psychosomatik", Vandenhoeck & Ruprecht 2007, 117 Seiten

Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter (AP-Archiv)
Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter (AP-Archiv)

"Das ist wohl psychosomatisch”: Wer hat diesen Satz noch nicht gehört, wenn man an irgendetwas Körperlichem leidet und keiner weiß so recht warum. Die Diagnose "psychosomatisch” steht zwischen Verlegenheit und Wahrheit. In der Medizin spricht man von Psychosomatik bei Krankheiten, die seelische Ursachen haben oder deren Verlauf zumindest von seelischen Vorgängen sehr bestimmt wird. Aber um etwas über sie sagen zu können, muss man wissen, wann das so ist. Dass wir uns dabei auf wissenschaftlich gesichertes Wissen verlassen, ist Manfred Veldens Anliegen.

Der Autor weiß, wovon er schreibt. Denn er hat ein Leben in der psychophysiologischen Forschung verbracht. Nun zieht er Bilanz, was diese Forschung zur Entstehung von körperlichen Krankheiten durch seelische Prozesse zu sagen hat. Das heißt für ihn: Man sollte die biologischen Mechanismen dieser Entstehung kennen. Sein Fazit ist nüchtern: Bei den meisten so genannten psychosomatischen Krankheiten kennen wir sie nicht.

Velden hat sein Buch als eine Einführung in das Fach Psychosomatik für Studenten verfasst. Aber da er in einer gefälligen Sprache schreibt, sich immer auf das Wesentliche konzentriert und alles erläutert, was er mitteilt, ist ihm auf dichten 117 Seiten ein auch für den interessierten Laien gut lesbares Buch gelungen, wie es Wissenschaftler nur selten schreiben.

Velden schreibt an gegen einen Hang zur psychologischen Deutung von Krankheiten. Ein Beispiel: Nach einer sehr alten psychoanalytischen These soll Asthma ein unbewusster Schrei nach der Mutter sein. Diese These ist aus physiologischen Gründen nicht haltbar. Denn beim Asthma verkrampft sich die Muskulatur der Bronchien, die vom parasympathischen Nervensystem, einem Zweig des Autonomen Nervensystems gesteuert wird. Zum Schreien aber setzt man Atemmuskeln ein, die das sympathische Nervensystem, der Gegenspieler des Parasympathikus steuert.

Psychosomatische Krankheiten, wie manche Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder des Magen-Darm-Systems, seien nicht als Symbole für etwas zu verstehen, das die Seele unbewusst ausdrücken möchte, weil ein Mensch es nicht ausdrücken kann. Diese Symbolik gelte nur für die Hysterie, die Freud studierte. Das hat einen physiologischen Grund.

Sie entstehen, wenn aus seelischen Gründen körperliche Funktionen vom Autonomen Nervensystem falsch gesteuert werden. Wenn zum Beispiel der Blutdruck leicht hochgeht oder zu viel Magensäure produziert wird. Das Autonome Nervensystem aber reagiert unspezifisch auf Bedrohungen, nur entsprechend dem Ausmaß, aber nicht der Qualität, das heißt es unterscheidet nicht, ob eine wirkliche Gefahr droht oder nur bedrohlich ein inneres Bild aufsteigt. Daher reagiert es nicht spezifisch auf die Art eines Konfliktes - und kann daher nicht symbolisch etwas zum Ausdruck bringen. Seelische Belastungen und Probleme können aber Körperfunktionen in einem Ausmaß verändern, dass es zu körperlichen Schädigungen kommt. Das beste Beispiel dafür ist, dass chronischer Stress zu ständig erhöhtem Blutdruck, erhöhten Cholesterin-Werten und damit zur Arterienverengung führt und so das Risiko eines Herzinfarktes erhöht.

Velden macht diese Zusammenhänge verständlich, auf einfache Art und doch zugleich wissenschaftlich solide untermauert. Er lädt ein zu differenzieren und nicht irgendwelchen Behauptungen zu trauen. Zum Beispiel sah man früher Magengeschwüre als psychosomatisch an. Seitdem man ein Bakterium entdeckt hat, das oft an Magengeschwüren beteiligt ist, hat man sich angewöhnt, Magengeschwüre nur noch als Infektionskrankheiten anzusehen. Aber beides ist vorschnell. Denn viele Menschen haben das Bakterium, ohne zu erkranken, und andere erkranken ohne Bakterium.

Ein anderes Beispiel: Für unerklärbare anhaltende Schmerzen gibt es bis heute keine schlüssige Theorie, auf welchem physiologischen Weg psychische Prozesse zu Schmerzen führen können.

Die Psyche ist im einen wie im anderen Fall am Krankheitsverlauf beteiligt. Aber das Gefüge der Bedingungen, unter denen sie es ist, ist bei psychischen Prozessen immer derart komplex, dass man, wie Velden schreibt, von einer "beinahe unendlichen Vielfalt” von Wegen der Verursachung ausgehen muss. Und das heißt: Man kann im Grunde keine allgemein verbindliche Theorie in der Psychosomatik aufstellen, sondern muss im einzelnen Fall eines jeden Kranken schauen, was die Gründe für seine Krankheit sein könnten. Theorien können dafür nur Anhaltspunkte geben.

So erzieht das Buch den Leser dazu, im Urteil über psychosomatische Ursachen von Krankheiten bescheiden zu bleiben und nicht zu glauben, man könne bei einem Menschen schnell eine Krankheit mit Hilfe einer einfachen Theorie auf irgendeinen psychischen Konflikt zurückführen.


Rezensiert von Ulfried Geuter

Manfred Velden: Psychosomatik
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2007
25,90 Euro.

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