Samstag, 25. Oktober 2014MESZ20:58 Uhr

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

AusstellungEin Minimalist schaut auf sich selbst
Der Künstler Imi Knoebel 2014 vor seinen Werken "Aliaaa" (l, 2002) und "Ich Nicht X" (2006) in der Ausstellung "Imi Knoebel. Werke 1966-2014" im Kunstmuseum in Wolfsburg.

Der Beuys-Schüler Imi Knoebel gehört zu den wichtigsten Vertretern der Minimal Art in Deutschland. Zum 75. Geburtstag des Künstlers zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg eine umfassende Werkschau, inszeniert von Imi Knoebel selbst. Mehr

TheaterDas ist der Mensch!
Die "Woyzeck"-Inszenierung am Münchner Volkstheater ist ein Wagnis.

Schon unzählige Male kam Büchners Woyzeck auf die Bühne. Am Münchner Volkstheater hat der Regisseur Abdullah Kenan Karaca den Stoff völlig neu zusammengesetzt. Die kühne Inszenierung folgt der Frage: Was ist der Mensch?Mehr

weitere Beiträge

Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.01.2012

Zwischen Panoptikum und Apokalypse

"Gert und Uwe Tobias" im Kunstverein Hamburg

Von Anette Schneider

Gert (rechts) und Uwe Tobias vor dem Holzschnitt "Ohne Titel"
Gert (rechts) und Uwe Tobias vor dem Holzschnitt "Ohne Titel" (picture alliance / dpa / Meike Böschemeyer)

Gert und Uwe Tobias sind Brüder - Zwillingsbrüder sogar, die als Künstler zusammenarbeiten. Ihre Inszenierungen aus Collagen, Zeichnungen und Holzschnitten sind in Hamburg zu sehen. Die teils witzigen, teils albtraumhaften Arbeiten füllen den gesamten Kunstverein.

Die Mischung aus Hahn und Truthahn ist eher unansehnlich. Tot ist das Ding wahrscheinlich auch noch, jedenfalls hängt es an einem Band kopfüber ins Bild. - Hübsch anzusehen sind dagegen die bunten Blüten, die die gefiederte Genmanipulation umgeben, und die an Folkloremuster auf Trachten erinnern. Doch selbst zwischen ihnen lauert schon wieder Unheimliches: Eine gigantische Motte.

"Also grundsätzlich ist es so, dass uns das Groteske auch bei anderen Künstlern und in der Kunstgeschichte auch fasziniert. Und das findet man wieder in unseren Arbeiten","

erklärt Uwe Tobias.

So verwandelten er und sein Bruder Gert den Kunstverein kurzerhand in einen abgründigen Ort. Inspiriert von Hieronymus Bosch, den Dadaisten und Surrealisten, entwickelten sie in ihren Bildern eine düster-groteske Welt. Vor allem die bis zu drei Meter breiten farbigen Holzschnitte, die im Obergeschoss hängen, gleichen einer großen Endzeit-Bühne: Da sieht man Insektenkörper mit Menschenköpfen, tote Vögel, in Flaschen eingeschlossene Kriechtiere, abgehackte Vogel- und Ziegenköpfe, sowie vereinzelte konstruktivistische Elemente.

Diese modernen Stillleben entstanden auf ungewöhnliche Weise: Gert und Uwe Tobias entschlossen sich nach dem Kunststudium, zusammen zu arbeiten. Seitdem entwickeln sie gemeinsam Ideen, gemeinsam setzen sie sie um. Und da Gert Tobias bereits gestern ein Rundfunkinterview gab, muss heute Uwe Tobias ran. Da herrscht strikte Arbeitsteilung. Anders als im gemeinsamen Atelier. Oder doch nicht?

""Die Zusammenarbeit ist grundsätzlich so: Es gibt einen Topf, und in diesem Topf befindet sich nun alles, was uns beide ausmacht. Das grundsätzliche Ding ist die Zeichnung. Das ist die Basis. Und anhand der Zeichnung entwickeln wir dann Motive.

Also: Jeder zeichnet für sich selber, darüber wird gesprochen, und dann geht jeder an seine Arbeit und setzt zum Beispiel einen Holzschnitt um. Und es gibt Zwischenstadien, wo der eine dann den anderen reinlässt.

Das bedeutet: Der eine darf dem anderen über die Schulter gucken. Oder ich hol mir irgendetwas ab in dem Sinne: Was meinst du jetzt? ... Und ansonsten ist es nicht so, dass der eine dem anderen in seine Arbeit mit reindruckt oder reinzeichnet - überhaupt nicht."

Doch kopieren sie Figuren voneinander, wenn sie diese für ein Bild brauchen können. Und da sie in Serien arbeiten, sind ohnehin immer Arbeiten von beiden zu sehen. In der Serie "Die Mappe" beziehen sich die Künstler auf eine siebenbürger-sächsische Stickereimappe, die jahrhundertelang ein Archiv für folkloristische Muster bildete. Sie stammt aus der früheren Heimat der beiden, die in großformatigen Holzschnitten ihr Stickmuster-Raster auf greifen - und mit einer eigenen Folklorewelt aus Grimassen und grotesken Puppen schmücken.

"Es gibt grundsätzlich die Faszination der Folklore: Also das Naive, das Direkte, das auch Angewandte, was ja in der Kunstgeschichte nicht unbedingt neu ist, also Kandinsky und die ganzen Leute haben das ja auch da herausgezogen. Wir sind - und das ist eine biografische Sache - in Rumänien groß geworden, und da war eben noch über Jahrhunderte dieses Folklore, in der Tracht herumlaufen, präsent.

Man kennt das ja: Im Ausland, die deutschstämmigen, .... sind deutscher als deutsch, und halten eher fest an irgendwelchen Traditionen. Und das ist aber ein spielerischer Umgang damit. Ich glaube, dass unsere Arbeit auch immer ein Augenzwinkern hat, einen gewissen Humor."

Manchmal droht der allerdings zu vergehen. Etwa wenn Kritiker die beiden als Draculakünstler bezeichnen, weil sie einmal eine Serie über Transsilvanien gemacht haben. Oder wenn man ihnen mit Zwillingsfragen kommt. Oder wenn man...

"Wir werden ja immer auf diesen Holzschnitt festgelegt."

Oder wenn man sie auf diesen Holzschnitt festlegt. Schließlich entwerfen sie auch kleinformatige Collagen, in den groteske Wesen durch das All schweben. Oder sie x-en mit der Schreibmaschine Stickmustervorlagen mit Teufelsfiguren.

"Mit der Schreibmaschine zeichnen wir genauso, wie mit dem Bleistift - also frei. Die Schreibmaschine hat natürlich auch noch mal so einen Vorteil: Dieses Aneinandersetzen von Zeichen, dass es sehr nahe auch so einem Stickereicharakter entgegenkommt. Das war auch noch ein Aspekt, wie wir unsere Öffnung in der Arbeit - also unsere 'Konzentration in der Vielfältigkeit' nennen wir das ja öfter - ist ja so, dass wir verschiedene Medien benutzen und das eben zusammenziehen mit Wandmalerei."

All diese Arbeiten haben die beidem durch einen raffinierten Trick über das Erdgeschoss und das erste Stockwerk hinweg miteinander verbunden: Die Räume wurden abwechselnd schwarz und weiß gestrichen. Dort, wo unterschiedlich farbige Wände und Blickachsen aufeinandertreffen, enden sie in Zackenform, greifen also Schwarz und Weiß ineinander, fügen so die Werkgruppen zusammen und bieten dem Besucher damit ein in formal faszinierendes, in sich geschlossenes und beeindruckend vielfältiges Kopftheater: Mal witzig-ironisch. Mal albtraumhaft-endzeitmäßig. Eine Welt zwischen Panoptikum und Apokalypse.

Service:
Die Ausstellung "Gert und Uwe Tobias" ist bis zum 18. November 2012 im Hamburger Kunstverein zu sehen.