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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.10.2008

Zwischen Orient und Okzident

Ahmet Hamdi Tanpinar: "Das Uhrenstellinstitut" und "Seelenfrieden", Romane, Carl Hanser Verlag und Unionsverlag, 430 und 572 Seiten

Istanbul mit Brücke über den Bosporus.
Istanbul mit Brücke über den Bosporus. (AP)

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat Ahmet Hamdi Tanpinar als Vorbild genannt - schwankend zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Orient und Okzident. Dieses Schwanken prägt beide voluminösen Romane: "Seelenfrieden" aus dem Jahr 1949 ist die Geschichte einer scheiternden Liebe am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. "Das Uhrenstellinstitut", 1962 posthum veröffentlicht, erzählt von einem bürokratischen Monstrum.

Ahmet Hamdi Tanpinar, schreibt der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in seinem autobiografischen Buch "Istanbul", war ihm ein Vorbild mit seiner zwischen "Vergangenheit und Gegenwart - oder wie die Europäer gern sagen: zwischen Orient und Okzident - schwankenden schöpferischen Haltung".

Gleich zwei voluminöse Romane sind nun von Tanpinar erschienen: "Seelenfrieden" aus dem Jahr 1949 und "Das Uhrenstellinstitut", 1962 posthum veröffentlicht. Das erwähnte Schwanken prägt beide Bücher, die Geschichte einer scheiternden Liebe am Vorabend des Zweiten Weltkriegs ebenso wie die eines bürokratischen Monstrums.

Hayri Irdal ist der uhrenbegeisterte Ich-Erzähler von "Das Uhrenstellinstitut". Nach dem Ersten Weltkrieg lernt er den wohlhabenden und einflussreichen Halit Ayarci kennen, der mit ihm das Uhrenstellinstitut gründet. Dank Protektion von ganz oben sorgt das Amt im ganzen Land und bald auch jenseits der Grenzen dafür, dass Uhren die korrekte Zeit anzeigen.

Ein Barzahlungssystem belangt Besitzer falsch gehender Uhren, Wiederholungstäter erhalten Rabatt. Das Uhrenstellinstitut soll eine moderne, leistungsorientierte Gesinnung verbreiten - und es macht aus dem haltlosen Irdal einen einflussreichen, zielstrebigen Menschen, bis sich das bürokratische Gebilde als plötzlich überflüssig erweist, weil ein skeptischer Ausländer die Zeitansage anruft...

Eine Humoreske auf Bürokratie und Republikgründung ist das "Uhrenstellinstitut" jedoch nur in der zweiten Romanhälfte. Tanpinar erzählt nämlich zuvor vom Osmanischen Reich, in dem Hayri Irdal zwischen schrulligen Tanten, seltsamen Mystikern, alchemistischen Apothekern und ängstlichem Establishment aufwächst.

Irdal vermisse einen Vater, meint ein Psychoanalytiker, und tatsächlich findet der Ziel- und Haltlose im Institutsgründer Ayarci einen väterlichen Freund. "Das Uhrenstellinstitut" ist der Lebensbericht eines Mannes, auf dessen Schultern das Schicksal einer Nation lastet, die zwischen einstiger Größe und ungewisser Zukunft hin- und hertaumelt.

Unter der allegorischen Last schwankt auch der Roman. Tanpinar ist ein Melancholiker von hohen Gnaden, und er verliert sich besonders in der ersten, im Osmanischen Reich spielenden Hälfte des öfteren in Skurrilitäten. Die humorigen Züge des republikanischen Uhrenstellinstituts wiederum werden ohne Schärfe geschildert. Aus heutiger Sicht ist ohnehin Irdals Ersatzvater Ayarci, für den das Institut ein abenteuerliches Spiel ist, die spannendere Figur.

Unter "schöpferischem Schwanken" versteht Pamuk natürlich nicht das Taumeln des Romans, sondern das des Autors zwischen der europäischen Kultur und der des Orients.

Ahmet Hamdi Tanpinar wird 1876 in Istanbul als Sohn einer osmanischen Honoratiorenfamilie geboren, wächst in Antalya auf und studiert ab 1919 in seiner Geburtsstadt Literatur. In der von Atatürk gegründeten Republik arbeitet er als Gymnasiallehrer. Und als sich das autoritäre Regime Ende der 30er Jahre vorsichtig pluralisiert und polarisiert, wird Tanpinar Professor für türkische Sprache sowie Parlamentsabgeordneter.

Veröffentlicht hat er Essays, Reportagen, Gedichte, Erzählungen sowie vier Romane. Tanpinar gleiche die ungeheuren Spannungen seines Lebens als Dichter des "Sowohl-als-auch", des Schwebens, aus, so Wolfgang Günter Lerch im instruktiven Nachwort zu "Seelenfrieden".

Die Unterhaltungen über die türkische Identität in Tanpinars Büchern sind tatsächlich kaum zusammenzufassen. "Von außen" betrachtet, heißt es in "Seelenfrieden", wirke der Orient zwar "lethargisch, schwachsinnig, hilflos und arm. Von innen aber hat er beschlossen, sich durch nichts betrügen zu lassen. Kann es für eine Zivilisation etwas Schöneres geben?"

Möglicherweise nicht, aber die Frage, was der Orient denn nun konkret sei, wird durch die Behauptung, Wahrhaftigkeit sei innere Schönheit, nicht unbedingt beantwortet.

Auch Ilsan weiß in "Seelenfrieden" keine Antwort. Der Lehrer ist der geistige Kopf einer Gruppe von jungen Menschen und der Ziehvater von Mümtaz. Dessen schöne, scheiternde Liebesgeschichte mit der älteren Nuran wechselt mit nicht selten deklamatorischen Unterhaltungen über allerlei, darunter auch die türkische Identität: Das Buch zerfällt in zwei Teile. Dennoch ist "Seelenfrieden", wie Pamuk zu Recht bemerkt, einer der bedeutendsten Istanbul-Romane. Die Verliebten spazieren durch eine melancholische, leise verfallende Metropole.

Rezensiert von Jörg Plath

Ahmet Hamdi Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Nachwort von Mark Kirchner,
Carl Hanser Verlag, München 2008,
430 Seiten, 24,90 Euro

Ahmet Hamdi Tanpinar: Seelenfrieden
Aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann, Nachwort von Wolfgang Günter Lerch,
Türkische Bibliothek, Unionsverlag, Zürich 2008,
572 Seiten, 22,90 Euro