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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.08.2013

Zwischen hartzenden Müttern und brutalen Stiefvätern

Beate Dölling: "Echte Geschichten aus der Arche", Gabriel Verlag, Stuttgart 2013, 304 Seiten, ab 12 Jahren

Kinder stehen in der Berliner Arche für ein Mittagessen an. (AP)
Kinder stehen in der Berliner Arche für ein Mittagessen an. (AP)

Beate Döllings Porträts von Berliner Jugendlichen aus kaputten Berliner Familien sind spannend, aber hart. Schonungslos erzählt sie von den 10- bis 15-Jährigen, die sich durch ihr Leben kämpfen müssen. Das Fazit ist klar: Alle Kinder müssen die gleichen Chancen auf ein normales Leben haben.

"Raus" sind in diesem Erzählungsband viele Jugendliche: raus aus der Schule, aus der Familie, aus der normalen Gesellschaft, sogar raus aus sich selbst. Beate Döllings acht Erzählungen spielen fast alle in kaputten Familien, erzählen von einsamen Jugendlichen, ihren haltlosen, zu jungen Müttern und deren brutalen Lebensabschnittspartnern.

Kein Wunder, dass die Protagonisten, 10- bis 15-jährige Jungen und Mädchen, zwischen Lieblosigkeit und Depressionen, Alkohol und Drogen, Rassismus und zu vielen kleinen Geschwistern komplett überfordert sind. Die Schule ist eine lästige Pflicht, Kriminalität erleben sie hautnah und die Sehnsucht nach Geborgenheit und einem ganz normalen Leben ist groß. Zwei Ausnahmen von dieser Regel bestätigen den Gesamteindruck: Das Leben ist ein "Scheiß"-Kampf.

Kinder sind Gesellschaft schutzlos ausgeliefert

Beate Döllings Geschichten sind zum großen Teil deprimierend. Gerade weil sie "echt" sind, wecken sie eine Mischung aus Mitleid und Wut. Wut auf die Mütter, die "voll abharzen" und nichts hinkriegen; Wut auf die abwesenden Väter und die oft verständnislosen Lehrer; Wut auf "die Verhältnisse" ganz allgemein. Und Mitleid mit den Kindern und Jugendlichen, die dieser Situation hilf- und schutzlos ausgeliefert sind.

Das auszuhalten ist, auch beim Lesen, nicht leicht. Und doch sind diese Reaktionen wichtig, denn "Du bist so was von raus!" hat eine eindeutige Botschaft: Alle Kinder müssen die gleichen Chancen auf ein normales Leben, Gesundheit und Bildung haben, unabhängig von der Lebenssituation ihrer Eltern! Das fordern auch der Fußballstar Lukas Podolski im Vorwort und im Nachwort Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher von der Berliner "Arche"-Stiftung, die sich genau um solche Kinder und Jugendlichen kümmert, von denen das Buch erzählt.

So authentisch und bewegend die Schicksale sind, so literarisch sind sie doch gestaltet. Fakten und Fiktion mischen sich auf sehr gute Weise. Beate Dölling konstruiert ihre Erzählungen bewusst, baut gekonnt Spannung auf, erzählt anschaulich von den aufwühlenden Gefühlen ihrer Protagonisten, schreibt auf Pointen hin und lässt ihre Leser nicht mit den deprimierenden Schlüssen allein.

Rotzige Dialoge, kleine Gesten und klare Schilderungen

Immer wieder baut sie Momente der Hoffnung ein, deutet mögliche Veränderungen an, zeigt, wie die jungen Menschen trotz aller inneren und äußeren Konflikte ihren Weg gehen (könnten), ohne deren Probleme je zu verharmlosen.

An der Überzeugungskraft der acht Erzählungen hat vor allem auch Beate Döllings Sprache großen Anteil. Wird in den Dialogen oft rotzig oder auch lustig berlinert und provokativ geflucht, so schildern die erzählenden Passagen sehr klar die jeweilige Familiensituation. Kleine Gesten und verbale Gemeinheiten werden ebenso präzise geschildert wie zugemüllte Wohnungen und brutale Misshandlungen. Die sehr unterschiedlichen Einzelportraits - ob in Ich-Form oder dritter Person geschrieben - verbinden sich so zu einer präzisen Milieustudie.

"Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht" - dieser Spruch trifft hier absolut nicht zu! Denn Beate Döllings "Du bist so was von raus!" ist ein spannendes, interessantes, bewegendes Jugendbuch - gerade weil es "gut gemeint" ist.

Besprochen von Sylvia Schwab

Beate Dölling: Du bist so was von raus! Echte Geschichten aus der Arche
Herausgegeben von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher
Gabriel Verlag, Stuttgart 2013,
304 Seiten, 14,95 Euro
ab 12 Jahren

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