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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.05.2012

Zwischen Fakt und Fiktion

Francis Spufford: "Rote Zukunft", Rowohl, Hamburg 2012, 576 Seiten

Der Rote Platz in Moskau mit der Basilius-Kathedrale rechts im Bild
Der Rote Platz in Moskau mit der Basilius-Kathedrale rechts im Bild (dradio.de)

In englischsprachigen Ländern gibt es keine Grenze zwischen Belletristik und Sachbücher: Dort gibt es eine Zwischenform: "Faction". Der Brite Francis Spufford ist in diesem Genre erfolgreich. In seinem Buch "Rote Zukunft" beschäftigt er sich mit einem historischen Thema: der russischen Geschichte.

Wolkenkratzer, verchromte Autos, Cheeseburger - mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination schaut Nikita Sergejewitsch Chruschtschow bei einem New York-Besuch 1959 auf die Errungenschaften des US-Kapitalismus. Doch der Regierungschef ist sich sicher, es mit den Amerikanern aufnehmen zu können. Spätestens 1980 soll das Füllhorn der russischen Industrie die Sowjetunion mit utopischem Überfluss beglücken: Dank der erfolgreichen Transformation der Wirtschaft durch die Computertechnologie wird der Sozialismus siegen.

Das ist der Ausgangspunkt von Francis Spuffords "Rote Zukunft". Was passiert hier? Spufford, geboren 1964, ist kein Historiker. Er studierte Englische Literatur in Cambridge, lehrt er heute Kreatives Schreiben in London und hat sich auf "Nonfiction" spezialisiert. Was nicht bedeutet, dass er Sachbücher schreibt. Mit seinem großartigen vierten Buch hat Francis Spufford ein weiteres "Haus auf halber Strecke" zwischen Fakt und Fiktion gezimmert.

Werke wie "Rote Zukunft" haben etwas "schockierend Ungelehrtes", wie Spufford selbstironisch zugibt. Und so ist "faction" ein Genre, das in Deutschland oft misstrauisch beäugt wird. Im deutschen Wissenschaftsbetrieb wird der Schachtelsatz weiterhin in Ehren gehalten, während britische und US-amerikanische Akademiker eine anekdotenhafte Leichtigkeit bevorzugen. Spufford ist ein Kind dieser Schreibkultur - und so macht er russische Geschichte zwischen 1938 und 1970 erfahrbar, indem er sie individualisiert. Er erzählt echte und erfundene Begebenheiten aus Leben von Parteifunktionären, Wissenschaftlern, Künstlern und Dieben. Und selbst wirtschaftswissenschaftliche Diskussionen hüllt er in Anekdoten.

An manchen Stellen liest sich das so, als würde man einem Kind Medizin in Form einer Süßigkeit verabreichen. So wandert der junge Ökonom Emil durch staubiges Niemandsland zum Dorf seiner Verlobten und macht sich nebenbei Gedanken über den Kapitalismus und die Marx'sche Entfremdungstheorie. Doch Spuffords Protagonisten wirken dabei immer echt - sie lieben und leiden. Und so lernt man ganz nebenbei, dass die UdSSR ihre Wirtschaftskraft über das "Nettomaterialprodukt" berechnete statt über das Bruttoinlandsprodukt - und welche mathematischen Anstrengungen die CIA auf sich nahm, um das ökonomische Potenzial des ideologischen Gegenübers einschätzen zu können.

Man erfährt von den Untiefen der Planwirtschaft, der aberwitzigen Arbeit des Komitees für Wirtschaftsplanung Gosplan und den Anfängen der Kybernetik - und man wünscht sich, Spufford würde immer weiter erzählen. Zwischendurch serviert der Autor in kurzen, ironischen, fast flapsigen Essays einen Überblick über das Führungspersonal der Sowjetunion: Lenin, Stalin, Chruschtschow oder Breschnew.

Während hier die Fakten stimmen, verschiebt Spufford in seinen Erzählungen immer wieder historisch verbriefte Ereignisse zeitlich und topografisch, wenn es der Geschichte dient. Wer also mit angelesenem Wissen prahlen möchte, sollte besser auch die Fußnoten lesen. Hier gleicht Spufford sein Werk wieder mit der Realität ab. So viel Wissenschaft muss dann doch sein.

Besprochen von Marten Hahn

Francis Spufford: Rote Zukunft
Rowohl, Hamburg 2012
576 Seiten, 14,99 Euro

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