Dienstag, 2. September 2014MESZ04:04 Uhr

Buchkritik

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

Wiener KongressMächtige Frauen im Hintergrund
Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.07.2012

Zwischen Drogenkrieg und Prostitution

Buch der Woche - Sam Hawken: "Die toten Frauen von Juárez", Tropen Verlag, Stuttgart 2012, 316 Seiten

Gedenken an Mordopfer in Ciudad Juárez
Gedenken an Mordopfer in Ciudad Juárez (AP)

In der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez werden immer wieder junge Frauen vermisst oder tot aufgefunden. Der US-amerikanische Schriftsteller Sam Hawken nimmt dies als Vorlage für seinen Kriminalroman "Die toten Frauen von Juárez". Mit einem fesselnden Showdown zeichnet er ein Bild von Korruption, Prostitution und dem Drogenmilieu.

Man kann von dem Titel dieses Romans des amerikanischen Autors Sam Hawken leicht in die Irre geführt werden. Hat man es hier mit einem Sachbuch, einem erzählenden Sachbuch zu tun – und nicht mit einer fiktiven Geschichte? Die titelgebendentoten Frauen von Juárez gibt es wirklich. Es sind die mehr als 600 jungen Frauen, meist Fabrikarbeiterinnen, die seit 1993 in der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez vermisst werden oder tot aufgefunden wurden, mitunter bestialisch verstümmelt. Es gibt Verdächtige, aber keine nennenswerten Verurteilungen. Es gibt Theorien über einen oder mehrere Serientäter, aber kein handfestes Beweismaterial. Und es gibt Spuren, die ins Drogen- und Prostitutionsmilieu führen – aber Mexiko befindet sich ja sowieso in einem von Jahr zu Jahr heftiger werdenden Drogenkrieg. Die Mordserie jedenfalls wurde bisher weder stimmig aufgeklärt noch entscheidend gestoppt.

"Der Krieg gegen die Drogen übertrumpft alles" schreibt Sam Hawken in seinem Nachwort, äußert die Hoffnung, "dass dieser Roman die feminicidios wieder ein wenig ins Blickfeld rückt". Sam Hawken benutzt die Frauenmordserie also als sehr realen Hintergrund für seinen Kriminalroman. Die erste Hälfte besteht aus dem Porträt des heruntergekommenen US-Boxers Kelly Courter, der Drogenprobleme hat, selbst mit Drogen handelt und sich in Juárez mit fragwürdigen, vorher abgesprochenen Boxkämpfen über Wasser hält. Courter will wieder raus aus dem Sumpf, auch mit Hilfe seiner mexikanischen Freundin Paloma, die sich in der Gruppe "Mujeres Sin Voces" für die verschwundenen Frauen engagiert. Als Paloma eines Tages selbst verschwindet und ihre Leiche gefunden wird, gilt Courter als Hauptverdächtiger. Er kommt ins Gefängnis und wird so lange gefoltert, bis er ins Koma fällt und stirbt.

Zur Hauptfigur wird deshalb in der zweiten Hälfte von Hawkens Roman der alternde, melancholische Polizeiinspektor Rafael Teódulo Sevilla Adán. Dessen Tochter Ofelia ist ebenfalls eine der verschwundenen Frauen, seine Ehefrau Ana hat sich deswegen das Leben genommen. Sevilla beginnt die Fälle von Paloma und Kelly Courter zu ermitteln, wobei er tief vordringt in das Geflecht von Korruption und Immobilienspekulation, von Prostitution und Drogen. Überraschend ist das Ende nicht, doch gelingt es Hawken gut, die Spannung mehr und mehr aufzubauen. Überzeugt sein Roman in der ersten Hälfte durch die sehr intensiven, atmosphärischen Schilderungen des Lebens in Juárez und der US-Nachbarstadt El Paso, so nimmt er in der zweiten Hälfte das für einen Thriller typische Tempo auf: kurze Kapitel, schnelle Schauplatzwechsel und ein langer, fesselnder Showdown.

Entgegen der Wirklichkeit sorgt Sevilla immerhin für ein bisschen Gerechtigkeit. Die übrigens auch Hawken für die Rezeption seines Romans einfordert. Denn der 2004 verstorbene chilenische Schriftsteller Roberto Bolano hat in seinem großen Werk "2666" den toten Frauen von Juárez ebenfalls ein langes Kapitel gewidmet. Hawken wird nun mit dem berühmten Kollegen immer wieder konfrontiert und verglichen, was vielleicht wirklich nicht ganz fair ist. Er hat einen Genreroman geschrieben, und als ein solcher ist "Die toten Frauen von Juárez" gelungen und lesenswert.

Besprochen von Gerrit Bartels

Sam Hawken: Die toten Frauen von Juárez. Roman.
Aus dem Englischen von Joachim Körber.
Tropen Verlag, Stuttgart 2012. 316 Seiten, 19, 95 Euro.

Links bei dradio.de:

Weltzeit: Stadt der verschwundenen Frauen

Weltzeit: Neueste Nachrichten vom Drogenkrieg

Buchkritik: Reportage aus dem Herzen der Finsternis <br> Jeanette Erazo Heufelder: "Drogenkorridor Mexiko", Transit Verlag, Berlin 2011, 240 Seiten