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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.05.2011

Zwischen Aufbruch und Erstarrung

Stefan Wolle: "Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961-1971". Ch. Links Verlag, Berlin 2011, 440 Seiten

Alltag in der DDR: In der Schlange stehen (AP)
Alltag in der DDR: In der Schlange stehen (AP)

Die DDR-Führung wagte nach dem Mauerbau 1961 eine Art Laborversuch: Spätestens 1980 sollte Utopia - sprich: der Kommunismus - erreicht werden. Das Experiment scheiterte bekanntermaßen, doch Stefan Wolle zeigt, wie sich der Alltag in der DDR in dieser Zeit dennoch massiv veränderte.

Wer im Osten groß geworden ist, hört manchmal noch die Frage: "Wie war das damals in der DDR?" Und dann überlegt er oder sie und hat vielleicht keine bündige Antwort, weil es zu viele Antworten gibt. Der Historiker Stefan Wolle, geboren 1950 in Halle/Saale, sucht unbeirrt nach Antworten, in immer neuen Anläufen.

Ende der Neunziger erschien sein vielgelobtes Werk "Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989". Im jüngsten Buch ergründet Wolle nun das Denken, Fühlen und Leben im Jahrzehnt zuvor, zwischen Mauerbau und Prager Frühling, auch das Verhältnis von DDR-Volk und Mächtigen.

"Aufbruch nach Utopia" – der Titel irritiert zuerst, doch überrascht merkt man: Jenes ferne Jahrzehnt war im Osten wirklich ein Zeitalter der Utopie; der Historiker verwendet den Begriff deshalb ohne Ironie.

Abgeschirmt durch die Mauer starteten die Oberen eine Art Laborversuch. Exakt im Jahr 1980, so verkündeten es die Politbürokraten 1961 in Moskau und Ost-Berlin, wolle man Utopia erreichen – den Kommunismus. Und "Kommunismus" hieß: Wohlstand für alle, Waren im Überfluss ("Jedem nach seinen Bedürfnissen"); keine sozialen Unterschiede, kein Neid mehr, keine Verbrechen. "Kommunismus" meinte auch: Weltspitze in Produktivität und Lebensstandard; der Kapitalismus ist geschlagen, das Ende der Geschichte erreicht und der ewige Friede.

Die neue Heilslehre scheiterte an sich selbst: am Konflikt zwischen Fortschrittswahn und Repression. Die SED-Spitze, so beschreibt es Wolle, wünschte Modernisierung, fürchtete aber jeden modernen Gedanken.

"Sie wollte eine Marktwirtschaft ohne Markt, eine Demokratie ohne Mitsprache, eine kulturelle Öffnung ohne Freiheit."

Der Laborversuch wurde abgebrochen. Dennoch, das betont der Historiker: Die Sechziger waren "die reformreichste Zeit in der Geschichte der DDR".

Stefan Wolle lässt jene Zeit vor den Augen des erstaunten Lesers lebendig werden, die Ära zwischen Aufbruch und Erstarrung mit ihren verwirrenden, bisweilen bizarren Erscheinungen; der Autor mischt Sittenbild und Analyse, den Blick von unten mit dem von oben; er sieht auf die Strukturen der Macht, doch auch in die Wohnzimmer und die Einkaufstaschen der Bürger.

Was macht die Darstellung so lesenswert? Dass Wolle ein guter Erzähler ist, man lauscht ihm gern. (Bisweilen nur verliert er sich in Geschichtchen, Anekdoten.) Dass er weder verklärt noch verdammt. ("Jede Zeit ist in sich selbst autonom. Sie sollte nicht vom Ergebnis her bewertet werden, sondern aus der Perspektive der Zeitgenossen.") Dass er eigene Erinnerungen einfließen lässt. Dass er Produkte der Alltagskultur zergliedert, Märchenfilme, Schlagertexte, Witze. Dass er Ereignisse durchleuchtet, auch Namen, Symbole, Figuren, die das Lebensgefühl der Sechziger prägten: Beataufstand in Leipzig und Bitterfelder Weg. Kafka-Verdikt und Vietnamkrieg. "Kleine weiße Friedenstaube". Juri Gagarin und Wolf Biermann. Die Protagonisten der Kinderbücher – "Nimmerklug" und "Hirsch Heinrich". Goethes "Prometheus" als sozialistischer Held.

Interessant ist am Ende, wie der Historiker den Sinn jeder Geschichtsschreibung relativiert. Die Zeitreise werde zu einer Irrfahrt durch ein Labyrinth kryptischer Zeichensysteme, schreibt Wolle; wir lesen die Zeichen, aber lesen wir sie richtig?

Besprochen von Uwe Stolzmann

Stefan Wolle: Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft in der DDR 1961-1971
Ch. Links Verlag, Berlin 2011
440 Seiten, 29,90 Euro.

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