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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.06.2012

Zwischen allen Stühlen

Buch der Woche: Rolf Hosfelds Tucholsky-Biografie

Kurt Tucholsky
Kurt Tucholsky (picture alliance / dpa)

In seiner ausgesprochen lesenswerten Biografie des Schriftstellers Kurt Tucholsky schafft es Rolf Hosfeld, das Leben und Schaffen des Autors lebhaft und dicht zu beschreiben. Er wirft dabei den Blick auf die ganz gegensätzlichen Aspekte der Arbeit und der Ansichten Tucholskys.

Es gibt verblüffend wenig Biografien über Kurt Tucholsky, der 1935 im Alter von 45 Jahren im schwedischen Exil starb und einer der bedeutendsten deutschen Publizisten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik war - ein Linker ohne Parteizugehörigkeit, ein Linker mit stark konservativen Anwandlungen und einer zutiefst bürgerlichen Sehnsucht nach der "Welt von gestern", die Stefan Zweig beschwor.

Rolf Hosfeld stellt diese Sehnsucht als einen wichtigen Moment in seiner neuen Tucholsky-Biografie heraus, die neben der notgedrungen sehr gerafften Rowohlt-Monografie nun das wichtigste Buch darstellt, wenn man etwas über diesen von großen mythischen Zuweisungen verdeckten Autor erfahren will.

Das Schöne an diesem Buch ist, wie es erzählt ist. Es beschwört die Dinge atmosphärisch herauf. Dadurch unterscheidet es sich angenehm von den leider üblichen positivistischen Materialsammlungen, die oft als "Biografie" verkauft werden. Schon, dass Hosfeld chronologisch irritierend mit dem 20-jährigen Tucholsky einsetzt, zeigt seinen Willen zur Form und zur Griffigkeit: das Buch beginnt mit der Reise nach Rheinsberg, die Tucholsky 1911 mit seiner Geliebten Else Weil unternahm.

Der kleine Liebesroman "Rheinsberg", der daraus entstand, machte Tucholsky zu dem berühmten Autor, als den man ihn von nun an kannte. Dass Tucholsky in dieser Zeit eigentlich mit einer anderen verlobt war, benennt Hosfeld natürlich akribisch, aber dies wie auch andere erotische Eskapaden - gipfelnd in der berühmten "Ménage à trois" in "Schloss Gripsholm", die auf äußerst realen Grundlagen beruhte - bildet nur eines der besonders effektvollen Mosaiksteinchen in dem äußerst komplexen Gesamtkunstwerk der Figur Tucholskys.

Tucholsky wirkte schon als junger Jurastudent wie ein Gentleman, mit bürgerlich gepflegten Umgangsformen. Franz Kafka Ende notierte dies bereits 1911 in seinem Tagebuch. Der vielseitige Publizist, der sich gern in viele Pseudonyme aufsplitterte, war weitaus widersprüchlicher, als es sein posthumer Ruf nahelegt. Der antimilitaristische Satz "Soldaten sind Mörder" ist sein am meisten verbreitetes Zitat.

Doch Hosfeld zeigt auch gegensätzliche Aspekte bei Tucholsky, so im Ersten Weltkrieg, als er an der Ostfront eingesetzt war und eine Gazette herausgab, die durchaus als kriegstauglich rezipiert wurde. Diese Schizophrenie war eine Überlebensstrategie.

Ein besonderes Augenmerk legt der Biograf auf Tucholskys Pariser Zeit in den zwanziger Jahren, als Korrespondent vor allem für die "Weltbühne": Hier zeigt sich der Schriftsteller als überzeugter Republikaner und Demokrat, der die faschistische Gefahr früh benennt. Er kann selbst einem konservativen Politiker wie Poincaré etwas abgewinnen und attestiert manchem englischen Tory ein profunderes Demokratieverständnis als etlichen deutschen Sozialdemokraten.

Es gibt überraschende Volten in diesem Buch. Zu entdecken ist ein deutscher Intellektueller, der in der Nachfolge Heinrich Heines zwischen allen Stühlen und allen Fronten agierte, ein unverwechselbarer Kopf. Hier wird Zeitgeschichte transparent.

Besprochen von Helmut Böttiger

Rolf Hosfeld: Tucholsky. Ein deutsches Leben. Biografie
Siedler Verlag, München 2012, 318 Seiten, 22,90 Euro

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