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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.05.2014

Zweiter WeltkriegGroßzügig dosiertes Pathos

Alex Kershaw: "Der Befreier. Die Geschichte eines amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg"

Von Martin Tschechne

Am 29. April 1945 wurde das KZ Dachau befreit (AP Archiv)
Befreiung: Gefangene des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1945. (AP Archiv)

Als Soldat befreite Felix Sparks das Konzentrationslager Dachau. Seine Geschichte erzählt der Historiker Alex Kershaw mit ein wenig zu viel Pathos und Patriotismus.

Jahrgang 1917, von Arbeitslosigkeit aus seiner Heimat im US-Bundesstaat Arizona vertrieben – es war die Zeit der großen Depression. Im Güterwaggon nach San Francisco, immer noch ohne Perspektive, schließlich Freiwilliger im Dienst der Armee. Noch herrschte ja Frieden. Und Felix Sparks sah einfach keine Alternative.

" 'He, Kumpel', sagte der Mann, 'willst du nicht in die Armee eintreten?' – Sparks ging weiter. Was zum Teufel kann ich sonst tun? Er drehte sich um. 'Ja, will ich.' – 'Nimmst du mich auf den Arm, Kumpel?' – 'Nein, ich nehme dich nicht auf den Arm. Ich will in die Armee.'" 

So ging es einer ganzen Generation. Sparks, frisch verheiratet, wurde Soldat des 157. Infanterieregiments der 45. Division – und für Alex Kershaw Held und Kronzeuge seines Berichts über eine Reihe der blutigsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs.

Der britische Autor hat den Amerikaner in Interviews befragt, hat seinen Vorträgen gelauscht, andere Zeitzeugen aufgespürt und demonstriert nun, wie persönliche Erinnerungen und Briefe sich mit historischen Quellen zu Geschichte verdichten lassen. Sein Buch belegt jedoch auch, dass Historiker Zurückhaltung üben sollten gegenüber dem effektvollen Spiel mit Spannung, Abscheu oder holzschnittartiger Vereinfachung. Kershaw gelingt das leider nicht immer.

25 000 starben beim Kampf um Sizilien

Am 10. Juli 1943, morgens um 4 Uhr 20, landeten die ersten Soldaten der 45. US-Infanteriedivision an der Südküste von Sizilien. Erst zwei Wochen später, beim Passieren einer Felsnase, die von deutschen Soldaten verbissen verteidigt wurde, erlebten die "Thunderbirds" – so nannte sich die Truppe aus dem Südwesten der USA – das wahre Gesicht dieses Krieges. 25.000 alliierte Soldaten, Amerikaner, Engländer, Polen, Franzosen, sogar Inder und Neuseeländer, fielen im Kampf um Sizilien.

Dem Felsen gaben die Donnervögel den Namen "Bloody Ridge", blutiger Bergrücken. Und Kershaw schildert die Schlacht auf dem Weg nach Messina mit erkennbarer Lust am drastischen Detail:

"Der 21-jährige Private First Class Bernie Kaczorowski (...) sah, wie Freunde von deutschen Granaten gespalten wurden. Selbst unter schwerem Feuer stehend, sprang er in ein Schützenloch, um dort neben einem jungen Mann aus Philadelphia zu landen, dem der Kopf abgerissen worden war."

Nach Anzio bei Rom, in die Schützengräben der Ardennen, in die Festung Aschaffenburg, nach Nürnberg und nach München: Der Autor folgt Sparks in den brüllenden Donner der Materialschlachten und in den Häuserkampf Mann gegen Mann und Dolch gegen Karabiner. Die Sprache seiner Schilderungen bleibt drastisch; Kershaw lässt es krachen, splittern und spritzen, als wollte er den Krieg zu einem Drehbuch für einen Action-Film zusammenfassen.

Viel Pathos, jovialer Patriotismus

Seine routinierte Schnitt-Technik trennt Abläufe in Episoden. Und wo Analyse geboten ist, bedient der Brite sein Publikum mit großzügig dosiertem Pathos und dem jovialen Patriotismus alter Haudegen, die dem ganzen Schlamassel doch noch irgendwie seinen Reiz abgewinnen.

"Im Juli 1940 hatten die Nazis den größten Teil Europas unter ihrer Knute: Frankreich, Belgien, Holland, Polen, Norwegen und Dänemark. Die Briten hielten stand, aber auch nur dank des Ärmelkanals und der Tapferkeit der Kampfpiloten der Royal Airforce."

Alex Kershaw: Der Befreier. (dtv München)Alex Kershaw: Der Befreier Die Geschichte eines amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. (dtv München)Am 29. April 1945, wenige Tage vor dem Ende des Krieges, wurde Felix Sparks wieder einmal zum Helden. Einem umstrittenen, allerdings. Vom Vorstoß auf München wurde er in Richtung Dachau abkommandiert; dort sollte sich ein Konzentrationslager befinden.

Sparks hatte keine sehr genaue Vorstellung, was darunter zu verstehen war. Umso tiefer der Schock: sterbende, zum Skelett abgemagerte Gefangene, Waggons voller Leichen, verhungert, erschlagen, totgetrampelt. Die Befreier schrien vor Entsetzen.

Als Amerikaner die Wachleute erschossen, warf Sparks sich dazwischen

Als Wachleute von der SS versuchten, sich davonzustehlen, setzten einzelne Amerikaner ihnen nach, erschossen sie auf der Stelle oder stellten sie an eine Wand im Kohlenhof, um sie mit dem Maschinengewehr niederzumähen. Sparks, inzwischen im Rang eines Obersten verantwortlich für seine Leute, warf sich dazwischen.

"Als er Schüsse hörte, wirbelte er herum und rannte zurück (...). Er brauchte vielleicht fünf Sekunden, um zu erkennen, was vor sich ging.
Ein Fotograf hielt fest, wie Sparks mitten auf den Kohlenhof lief, seinen 45er aus dem Holster zog, die Hand vorstreckte, seine Männer anschrie, dass sie aufhören sollten, und in die Luft schoss. (...) Sparks' Leute schauten ihn an. 'Hier wird nicht mehr gefeuert', sagte Sparks, 'solange ich nicht den Befehl dazu gebe.'"

Der Fall beschäftigte die Militärgerichte. Nach der Genfer Konvention gilt das Erschießen von Gefangenen als Mord. Dass General Patton persönlich die Anklageschrift zerrissen hatte, half Sparks wenig.

Die Episode diente Neonazis zur Relativierung

Und leider nur konstatiert, aber nicht begründet wird die unselige Rolle, die ein ehemaliger Thunderbird an der Aufarbeitung des Massakers spielte: Tatsächlich versuchte der Bataillonsarzt Howard Buechler wohl, seine Kameraden als "Rächer von Dachau" zu glorifizieren, indem er in einem Buch die Zahl der getöteten KZ-Wächter ins Absurde steigerte – und damit Neonazis einen willkommenen Anlass gab, die Verbrechen der SS zu relativieren. Nach der Devise: Die anderen waren auch nicht besser.

Erst 1991 sprach ein Untersuchungsbericht des Generalinspekteurs der US-Armee den Offizier Felix Sparks von jeglicher Schuld am Massaker von Dachau frei.

Zwei Jahre später zog der alte Soldat erneut in den Kampf, und wieder macht Kershaw sich nur wenig Mühe, die Hintergründe und Zusammenhänge zu erläutern. Ein 15-jähriger Junge hatte auf ein vorbeifahrendes Auto geschossen und Sparks' damals 16-jährigen Enkel dabei getötet. Ein Unfall wohl, ein tragischer Irrtum.

Von da an kämpfte der Kriegsveteran gegen den Waffen-Wahnsinn in den USA. Sein Gegner jedoch, die Waffenlobby National Rifle Association, war zäher als alle, gegen die Felix Sparks bis dahin gekämpft hatte, in Anzio oder am Westwall.

 

Alex Kershaw: Der Befreier. Die Geschichte eines amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg
Aus dem Englischen von Birgit Brandau
dtv München, April 2014
488 Seiten, 24,90 Euro, auch als ebook

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