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Zweimal zerbrochen

Breth inszeniert wieder Kleists "Zerbrochenen Krug"

Von Bernhard Doppler

"Der zerbrochene Krug" inszeniert von Regisseurin Andrea Breth.
"Der zerbrochene Krug" inszeniert von Regisseurin Andrea Breth. (Bernd Uhlig)

Erneut hat Regisseurin Andrea Breth den "Zerbrochenen Krug" auf die Bühne gebracht: Inszenierte Breth das Lustspiel von Heinrich Kleist vor 19 Jahren als paradiesischen Sündenfall, hat sie das Theaterstück bei der diesjährigen Ruhrtriennale sehr viel werktreuer interpretiert.

Mit dem Kleist-Zitat "Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns" macht die Ruhrtriennale auf Andrea Breths Inszenierung des "Zerbrochenen Krugs" aufmerksam und stellt ihn unter das Motto "Urmomente": die Geschichte vom Dorfrichter Adam und von Eve, der Tochter der Wöchnerin Marthe Rull, als Vertreibung aus dem Paradies, als erster Sündenfall.

Tatsächlich hatte Andrea Breth in einer aufsehenerregenden, eigenwilligen Inszenierung vor 19 Jahren am Wiener Burgtheater den "Zerbrochenen Krug" auf diese Weise akzentuiert, hatte Kleists Lustspiel eine halbstündige Vorgeschichte auf einer Weltenkugel im Paradies, untermalt von Haydns "Schöpfung", vorgesetzt, ehe dann der nackte Adam von der Kugel auf den Kot der Erde rutschte und die eigentliche Handlung begann.

Was zwischen dem Dorfrichter Adam und Eva geschah, war kein Übergriff einer dreisten Amtsperson, sondern ein kurzes paradiesisches Liebesglück, das - nach dem Sündenfall -Adam, gespielt vom lange nackten Traugott Buhre, in Verwirrungen und Irritationen stürzte.

Wer solche Erwartungen und Erinnerungen an die neuerliche Auseinandersetzung von Andrea Breth heranträgt, wird enttäuscht, ja die neuerliche Beschäftigung wirkt fast als eine programmatische Absage an jenes Konzept und das eigene Regietheater. Andrea Breth inszeniert in einem bis zur Decke mit alten Akten überfüllten und mit spärlichem wackeligem Mobiliar ausgerüsteten Raum, einem Büro und Wartesaal zugleich (Bühne: Annette Murschetz), ein langatmiges Gerichtsstück - penibel Wort für Wort - über drei Stunden lang.

Die Wahrheit, die Schuld der Justiz und ihre Mitverstrickung, ist offenkundig, doch langatmig - wird sie nicht nur vom Richter, der über sich selbst richten muss, sondern auch vom ihn kontrollierenden Gerichtsrat Walter verschleiert. Nicht nur der Krug wird elendslang beschrieben, auch andere Formalitäten werden exekutiert und in der Verhandlungspause langsam Käse gekaut. Adam ist nun kein Liebender, sondern ein plebejischer dreister Richter, der mit Witz und Schnauze glaubt, sich retten zu können. Sven-Eric Bechtolf, ein volkstümliches Teufelchen, entspricht damit durchaus dem Rollenklischee vom Dorfrichter Adam, auch wenn er jugendlicher und schlanker von der Statur besetzt ist, als man es in der Aufführungstradition gewohnt ist.

Mittelpunkt der Aufführung ist freilich nicht Adam, sondern der Gerichtsrat Walter, die bei Weitem interessanteste und vergnüglichste Rolle dieser Inszenierung: Norman Hacker, leise immer etwas aufgesetzt lächelnd, freundlich distanziert, nur ganz kurz und selten aus der Rolle fallend, doch genauso involviert in all den Justizbetrug. Vermutlich sollte auch in dieser Inszenierung Eve aufgewertet werden: Im Seufzen, Augenaufschlagen und im verstohlene, oft missverstandene Zeichen-Geben spielen sich ausdrucksstark bei Marie Buchard innere Tragödien ab. Aber das Geheimnis, das den Sturz aus dem Paradies auslöste, die Liebe zwischen Adam und Eve, ist in Breths Inszenierung nicht mehr Thema.

So liegt die textgetreue Inszenierung Adrea Breths gar nicht so fern von jener von Peter Stein am Berliner Ensemble vor einem Jahr mit Klaus Maria Brandauer als Dorfrichter, ja Breth hält sich noch deutlicher an Kleists Lustspiel. Während Peter Stein eine Dorfposse, ein dörfliches Genrebild in Szene setzt, und sich die Figuren in theatralischen konventionellen komödiantischen Posen gefallen - überzeugt Breth durch ernste, minutiös genaue psychologische Beobachtung. In solcher Genauigkeit liegt wohl auch die leise Komik des Abends. Aber dass es einmal ein Paradies gegeben haben könnte, scheint sie - nach 19 Jahren - nicht mehr zu glauben. Schade.

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