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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.11.2011

Zwei von sechs Millionen

Wie das Erinnern an die Novemberpogrome gelingen kann

Von Günter Franzen

Eine in der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 zerstörte Synagoge in Berlin. (AP)
Eine in der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 zerstörte Synagoge in Berlin. (AP)

Zu einer angemessenen Erinnerung an die Novemberpogrome am 9. November 1938 ruft Günter Franzen auf. Kein inszeniertes Gedächtnistheater, sondern eine stille und unaufdringliche Verlebendigung von Einzelschicksalen.

Man muss kein geschichtsvergessener Anhänger der Schlussstrich-Theorie sein, um angesichts des alljährlich von der politischen Klasse unseres Landes inszenierten Gedächtnistheaters nur noch peinlich berührt zu sein. Gleichermaßen redundante wie aseptische Beschwörungen, die auslöschen, was sie gebetsmühlenartig herbeizureden suchen: die Erinnerung an das Vorspiel zur industriellen Beseitigung von sechs Millionen Menschen.

Zwei von ihnen, die Schriftsteller Joseph Roth und Stefan Zweig, haben der Nachwelt einen Briefwechsel hinterlassen, der dieser Tage im Göttinger Wallstein Verlag erschienen ist. Irmgard Keun schreibt in einem kurzen Charakterportrait Joseph Roths: "Ich hatte das Gefühl, einen Menschen zu sehen, der einfach vor Traurigkeit in den nächsten Stunden stirbt. Seine runden blauen Augen starrten beinahe blicklos vor Verzweiflung, und seine Stimme klang wie verschüttet unter Lasten von Gram."

Genau diese Stimmung löst die Lektüre des Briefwechsels im Leser aus: anhaltende und sich von Seite zu Seite steigernde Bedrückung. Das klingt kaum nach einer Buchempfehlung und es ist dennoch das ergreifendste Dokument des Exils, das mir je unter die Augen gekommen ist.

Die Geschichte des Untergangs einer Welt in Briefen. Auf der einen Seite der erfolgsverwöhnte Wiener Großschriftsteller, Grandseigneur und Ästhet, nach eigenen Worten mehr Jude aus Zufall, denn aus Neigung. Auf der anderen Seite der ruhelose, aus erbärmlichen materiellen Verhältnissen stammende Ostjude, der von sich sagt, dass er sich "seit seiner finsteren Kindheit zur Helligkeit empor stöhne".

Der schriftlichen Unterhaltung dieser beiden Verlorenen haftet etwas zutiefst Innigliches an, weil sie an die Hilfe erinnert, die sich der Blinde und der Lahme aus der Fabel wechselseitig angedeihen lassen. Während Stefan Zweig sich darauf verlegt, dem darbenden Freund immer wieder finanziell unter die Arme zu greifen und nicht müde wird, den schweren Trinker von der Flasche abzubringen, versucht Joseph Roth unablässig, seinen Bruder im Geiste von dessen in dezentem Pazifismus erstarrter politischer Naivität zu erlösen:

"Es gibt da einen gewissen Punkt," schreibt Roth drei Monate nach der Machtergreifung der Nazis, "an dem die Noblesse zur Pflichtverletzung wird, und obendrein noch nichts hilft. Denn für die Bestien drüben bleibt man doch ein gefährlicher Saujud."

"Ich habe Ihnen drei oder viermal geschrieben, immer ohne Antwort ... " Auch dieser letzte besorgte Brief, den Stefan Zweig an Joseph Roth am 17.12.1938 richtete, blieb unbeantwortet; das Schreiben ging bereits ins Leere. Es ist dies die Leere, die die Auslöschung des europäischen Judentums hinterlassen hat. Niemand, der diese Briefe heute liest, wird sich dieser anhaltenden Verlusterfahrung entziehen können.

Joseph Roth starb am 27.Mai 1939 in einem Pariser Armenhospital an doppelseitiger Lungenentzündung. Stefan Zweig und seine Frau Charlotte Altmann nahmen sich am 22. Februar 1942 im brasilianischen Petrópolis mit einer Überdosis Veronal das Leben. Zwei von sechs Millionen, deren Schicksal uns an diesem 9. November des Jahres 2011 nicht kalt lassen kann.

Nach meiner unmaßgeblichen Meinung tragen die zu den einschlägigen Terminen mit Leichenbittermiene und Zerknirschungspathos vorgetragenen Standardreden von Politikern und Verbandsfunktionären dazu bei, die Erinnerung an das Grauen des Nationalismus nach und nach zu einem gesellschaftsfähigen historischen Datum herabzuwürdigen. Die Zukunft einer generationsübergreifenden Erinnerungskultur liegt in der stillen und unaufdringlichen Verlebendigung von Einzelschicksalen.


Günter Franzen (privat)Günter Franzen (privat)Günter Franzen, Jahrgang 1947, lebt als freier Schriftsteller und Gruppenanalytiker in Frankfurt/Main. Buchveröffentlichungen u.a.: "Der Mann, der auf Frauen flog", Hamburg 1988. Komm zurück, Schimmi!", Hamburg 1992. "Ein Fenster zur Welt. Über Folter, Trauma und Gewalt", Frankfurt/Main, 2000. "Zeit des Zorns. Tagebuch einer Trauer", Freiburg 2011.

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