Freitag, 31. Oktober 2014MEZ19:42 Uhr

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsSein und Online
Ein Internetnutzer hat ein Tablet auf dem Schoß, darauf ist eine Facebook-Illustration zu sehen. Seine Beine sind über eine Sofalehne geschwungen. 

Im Computer gibt es keine große Pause wie im Theater: Der Besucherschwund der Analog-Bühnen beschäftigt heute mehrere Feuilletonisten. Sind Twitter und Facebook schuld oder gar die "Blogwarte", von denen einer schreibt? Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Goethe 2.0Das Leben eines Universalgenies digital
Auf dem Bild "Goethe in der römischen Campagna" von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein liegt Goethe hingebettet vor einer italienischen Landschaft

Es ist eines der größten geisteswissenschaftlichen Forschungsprogramme der Bundesrepublik: "Propyläen. Forschungsplattform zu Goethes Biographica", nennt es sich. Wird der moderne Mensch den alten Dichter durch die digitalen Medien besser verstehen? Mehr

Filme der WocheSolidarität in den 80ern und heute
Die belgischen Brüder Jean-Pierre (l) and Luc Dardenne (r) bei der Vorstellung ihres Films "Zwei Tage, eine Nacht" beim Valladolid International Film Festival in Spanien, aufgenommen am 18.10.2014

Engagement, Kooperation und Mitgefühl auf der Leinwand: Das mitreißende britische Sozialdrama "Pride" punktet mit Spaß und Pointen; "Zwei Tage, eine Nacht" der Gebrüder Dardenne zeigt den Kampf einer Angeschlagenen in einem Klima sozialer Kälte.Mehr

weitere Beiträge

Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.02.2012

Zwei Stunden tolle Show mit wenig Inhalt

"Zwanzigtausend Seiten" von Lukas Bärfuss am Zürcher Schauspielhaus

Von Roger Cahn

Der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss
Der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg und ein schräges Gedankenexperiment - Lukas Bärfuss setzt der Spaßgesellschaft des 21. Jahrhunderts einen fantasievollen Spiegel vor die Nase. Doch bei der Inszenierung in Zürich wird schnell klar: Die Form ist wichtiger als der Inhalt.

20.000 Seiten umfasst der Bericht des Historikers Jean François Bergier (im Stück heisst er Blonay) über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Durch einen Zu- oder Unfall sind dem jungen Tagträumer Tony diese Bücher auf den Kopf gefallen und deren Inhalt in seinem Hirn gespeichert worden. Seite für Seite, Zeile für Zeile, Wort für Wort. Ein außergewöhnliches Phänomen, mit dem man viel Geld verdienen könnte. Erst sind ihm die Schicksale der Nazi-Opfer ans Herz gewachsen, mit der Zeit werden sie ihm zur Last. In einer TV-Show im Stile von "Deutschland sucht den Superstar" verspielt er den durchaus möglichen Millionengewinn, indem er unbedingt das tragische Schicksal des jüdischen Flüchtlings Oskar bis zum Ende erzählen will. Als er dann bei der anschließenden Feier dem leiblichen Oskar begegnet, will dieser nicht mehr an seine Vergangenheit erinnert werden; auch er will – wie alle andern – nur eines: Vergessen. So viel zum Inhalt.

Wichtiger als der Inhalt ist bei "Zwanzigtausend Seiten" die Form. Bärfuss schreibt eine Art "Candide" des 21. Jahrhunderts. Wie bei Voltaire – "il faut cultiver son jardin" –, endet auch bei ihm die Irrfahrt des Protagonisten in einer ganz einfachen Erkenntnis: Das Wichtigste im Leben ist seine Liebe zu Lisa. Diese lässt er sich weder im Irrenhaus, noch am Bürgerradio und am allerwenigsten bei der finalen TV-Show nehmen. A propos Form: Es wird sehr viel geredet, äußerst virtuos fabuliert. Richtige Sprachwolken, die sich als leere Sprechblasen entpuppen. Bärfuss schafft hier einen spannenden Kontrast zwischen Reden (machen fast alle der 22 Figuren) und "etwas Sagen", wenn Tony einmal seiner Befindlichkeit Luft verschafft.

Zusammen mit seinem Regisseur Lars-Ole Walburg bildet der Autor ein eingespieltes künstlerisches Duo. Robert Schweer hat für die beiden ein eindrückliches Bühnenbild geschaffen: In einem durch meterhohe Wände mit Aktenordnern umschlossenen Raum gehen die verschiedenen Spielorte fließend ineinander über. Der Zuschauer sitzt – wie im Zirkus – rund um die "Manege". Und die Show lässt sich sehen: virtuos, abwechslungsreich, spannend. Doch auch hier wird schnell klar: Form ist wichtiger als Inhalt.

Fazit: Bärfuss setzt der Spaßgesellschaft des 21. Jahrhunderts einen fantasievollen und abwechslungsreichen Spiegel vor die Nase. Doch nur wenige werden sich darin selbst erkennen wollen.

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Seriöser Boulevard
Bewährte Mittel
Wege durch den Dschungel