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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.02.2012

Zwei Stunden tolle Show mit wenig Inhalt

"Zwanzigtausend Seiten" von Lukas Bärfuss am Zürcher Schauspielhaus

Von Roger Cahn

Der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss
Der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)

Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg und ein schräges Gedankenexperiment - Lukas Bärfuss setzt der Spaßgesellschaft des 21. Jahrhunderts einen fantasievollen Spiegel vor die Nase. Doch bei der Inszenierung in Zürich wird schnell klar: Die Form ist wichtiger als der Inhalt.

20.000 Seiten umfasst der Bericht des Historikers Jean François Bergier (im Stück heisst er Blonay) über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Durch einen Zu- oder Unfall sind dem jungen Tagträumer Tony diese Bücher auf den Kopf gefallen und deren Inhalt in seinem Hirn gespeichert worden. Seite für Seite, Zeile für Zeile, Wort für Wort. Ein außergewöhnliches Phänomen, mit dem man viel Geld verdienen könnte. Erst sind ihm die Schicksale der Nazi-Opfer ans Herz gewachsen, mit der Zeit werden sie ihm zur Last. In einer TV-Show im Stile von "Deutschland sucht den Superstar" verspielt er den durchaus möglichen Millionengewinn, indem er unbedingt das tragische Schicksal des jüdischen Flüchtlings Oskar bis zum Ende erzählen will. Als er dann bei der anschließenden Feier dem leiblichen Oskar begegnet, will dieser nicht mehr an seine Vergangenheit erinnert werden; auch er will – wie alle andern – nur eines: Vergessen. So viel zum Inhalt.

Wichtiger als der Inhalt ist bei "Zwanzigtausend Seiten" die Form. Bärfuss schreibt eine Art "Candide" des 21. Jahrhunderts. Wie bei Voltaire – "il faut cultiver son jardin" –, endet auch bei ihm die Irrfahrt des Protagonisten in einer ganz einfachen Erkenntnis: Das Wichtigste im Leben ist seine Liebe zu Lisa. Diese lässt er sich weder im Irrenhaus, noch am Bürgerradio und am allerwenigsten bei der finalen TV-Show nehmen. A propos Form: Es wird sehr viel geredet, äußerst virtuos fabuliert. Richtige Sprachwolken, die sich als leere Sprechblasen entpuppen. Bärfuss schafft hier einen spannenden Kontrast zwischen Reden (machen fast alle der 22 Figuren) und "etwas Sagen", wenn Tony einmal seiner Befindlichkeit Luft verschafft.

Zusammen mit seinem Regisseur Lars-Ole Walburg bildet der Autor ein eingespieltes künstlerisches Duo. Robert Schweer hat für die beiden ein eindrückliches Bühnenbild geschaffen: In einem durch meterhohe Wände mit Aktenordnern umschlossenen Raum gehen die verschiedenen Spielorte fließend ineinander über. Der Zuschauer sitzt – wie im Zirkus – rund um die "Manege". Und die Show lässt sich sehen: virtuos, abwechslungsreich, spannend. Doch auch hier wird schnell klar: Form ist wichtiger als Inhalt.

Fazit: Bärfuss setzt der Spaßgesellschaft des 21. Jahrhunderts einen fantasievollen und abwechslungsreichen Spiegel vor die Nase. Doch nur wenige werden sich darin selbst erkennen wollen.

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