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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.12.2010

Zwei Leidende in Paris

Michael Kleeberg, "Das amerikanische Hospital", DVA, München 2010, 232 Seiten

Arc de Triomphe in Paris (AP)
Arc de Triomphe in Paris (AP)

Der US-Offizier David Cote ist an einem Irakkriegs-Trauma erkrankt, die Französin Hélène möchte mit allen technischen Mitteln ein Kind empfangen. Ihre Begegnungen und Gespräche bestimmen die Dramaturgie von Michael Kleebergs Roman, der von brillanter Menschenkenntnis getragen ist.

Der Ort, an dem dieser Roman spielt, gab ihm auch den Titel: "Das amerikanische Hospital". Diese Klinik, die im Pariser Stadtteil Neuilly am Boulevard Victor Hugo liegt, ist sowohl in der Realität als auch in der Literatur eine berühmte Einrichtung. In zahlreichen Romanen spielt sie eine tragende Rolle, die sie in erster Linie der internationalen Patientenschaft verdankt, die der Zufall hier zusammenführt.

Auch Michael Kleeberg verlässt sich in seinem neuen Roman auf die Aura dieses Ortes, die er bereits in der Eingangssequenz farbig beschreibt. Am Empfangstresen des amerikanischen Hospitals erscheinen schwarze Diplomaten in dreiteiligen Anzügen, reiche Golf-Araber in langen Gewändern, bunt gekleidete Frauen. Fast unbemerkt vom Besucherstrom kommt es am Rand der Eingangshalle zu einem Zwischenfall: Ein junger Mann bricht vor den Füßen der 30-jährigen Hélène zusammen. Es ist der amerikanische Offizier David Cote.

Das Ereignis spielt im Jahr 1991, nicht lange also nach dem ersten Irak-Krieg. Die Französin und der Amerikaner, die Hauptfiguren des Romans, kommen in Kontakt, sie beginnen, wie der Erzähler mitteilt, "ein intimes Verhältnis", bei dem es sich, so ist zumindest annehmen, eher um seelische denn um erotische Intimität handelt. Denn beide sind gezeichnet von einem Leiden und beider Leiden ist zeitsymptomatisch.

David Cote ist an einem Kriegstrauma erkrankt, Hélène möchte mit allen technischen Mitteln ein Kind empfangen, wieder und wieder lässt sie sich im amerikanischen Hospital künstlich befruchten, immer wieder scheitern die verzweifelten Versuche. Sie ist ein Dauergast im Hospital. Ihre Begegnungen mit David Cote, die immer längeren Gespräche und Dialoge der beiden Figuren bestimmen die Romandramaturgie. Zum Gelingen des Romans trägt wesentlich bei, dass der Autor die experimentelle Anordnung der Geschichte nicht übersteuert, die Metaphorik der beiden, parallelen Krankheiten nicht überdehnt. Sehr dezent bringt Michael Kleeberg die Absurdität in den Blick, dass der amerikanische Offizier vom Töten im Krieg traumatisiert ist, die Französin Hélène von ihrer Unfruchtbarkeit.

"Das amerikanische Hospital" ist indes nicht nur ein psychologischer Roman. Er verfügt über ungewöhnlich intensives, recherchiertes Wissen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Irakkrieg, Trauma-Behandlung, In-vitro-Fertilisation, Klinikalltag. Vor allem aber ist dem Roman Michael Kleebergs große persönliche Vertrautheit mit der französischen Hauptstadt anzumerken. Im Jahr 1986 zog der damals 27-jährige Kleeberg nach Paris, wo er bis 1994 lebte und neben seiner Arbeit als Schriftsteller und Übersetzer Mitinhaber eine Werbeagentur war. Sein neuer Roman "Das Amerikanische Hospital" ist eine Prosaarbeit vor der Kulisse naher Zeitgeschichte, getragen von brillanter Menschenkenntnis.

Besprochen von Ursula März

Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital
DVA, München 2010
232 Seiten, 19,90 Euro

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