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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.05.2009

Zwei Lebenswege, zwei Epochen

Thomas Stangl: "Was kommt", Literaturverlag Droschl Graz-Wien 2009, 184 Seiten

Der Wiener Prater (AP Archiv)
Der Wiener Prater (AP Archiv)

Der österreichische Autor Thomas Stangl erzählt in seinem neuen Roman "Was kommt" zwei parallele Geschichten: Emilia erlebt 1937 ihren "einzigen Sommer", sie ist verliebt, doch ihr Freund, ein Kommunist und Jude, wird deportiert. Andreas lebt 1977, doch als seine Großmutter stirbt, wird er zum Psychopathen.

Der Österreicher Thomas Stangl ist kein Autor, der es seinen Lesern leicht macht. Auch in sein neues Buch muss man sich mit Leidenschaft, Ausdauer und weit offenem Hirn hineinlesen, um die Geschichten und Botschaften, die Menschen und Schimären, um die reale und die aufgehobene Zeit entziffern zu können.

Wie fast immer bei Stangl werden auch hier zwei parallele Geschichten erzählt. Die von Emilia und Andreas. Beide sind 17 Jahre alt und leben in Wien. Beide sind Einzelgänger, fremd in der Welt und in sich. Beide leben sie mit ihren Großmüttern. Die eine reich und ziemlich konturenlos, die andere ächzend und dürftig. Es trennen Emilia und Andreas gesellschaftliche Barrieren und überdies eine Spanne von 40 Jahren.

Emilia, die wir schon aus dem letzten Roman kennen, wo sie uns Mitte der 60er-Jahre mit ihrer Tochter begegnete, lernen wir nun als junges Mädchen kennen, das 1937 seinen "einzigen Sommer" erlebt. Sie ist verliebt in Georg, der Kommunist ist, Jude und deportiert wird. Sie leidet, bleibt versehrt, bleibt ein Gespenst aus Fleisch und Blut.

Es ist ein heiterer Sommer, der kommende Gewalt schon in sich birgt. Die Reden der national befeuerten Lehrer, die nebenher gehörten antisemitischen Bemerkungen –man hört das Unheil raunen.

Doch Stangl schreibt keinen Geschichtsroman. Oder doch? Denn das große Panorama scheint auf im kleinen Alltag. Der minutiös und schemenhaft zugleich, der so realistisch wie verrätselt erzählt wird. Stangls Prosa ist erdennah und solide und schwebt unversehens lächelnd, melancholisch und nicht ohne Grausamkeit dem Irdischen davon. Als Leser mäandert man immer wieder verunsichert durch die Passagen. Und fühlt sich wie im wirklichen Leben. Welche Gewissheiten gibt es? Und wie viel Unsichtbares? Wie sind Vergangenheit und Zukunft verwoben. Was bleibt, was kommt?

Stangl erzählt und reflektiert, erzählt das Reflektieren. In drängenden Satzkaskaden und geschickt eingestreuten Bildwiederholungen führt er uns hinein ins Labyrinth von Wissen und Ahnung, von Lösung und Auflösung, von Zusammenhängen und Widersprüchen.

Andreas erleben wir im Jahr 1977. Im dumpfen Zusammensein mit seiner Großmutter. Die er nicht erträgt und liebt. Er wird gequält von seinen Mitschülern. Und antwortet mit Gewaltfantasien und Auflösungssehnsucht. Er will kein Gesicht, sondern eine feste Form, ein lesbares Zeichen, "durch die er sich als Person ersetzen kann."
Als seine Großmutter stirbt, wird der Außenseiter zum Verlorenen. Er zerschneidet sich mit Wut und Schmerzlust, wird zum mörderischen Psychopathen.

Zwei Lebenswege, zwei Epochen, zwei Menschen, die sich in aufgehobener Zeit allerdings zuweilen begegnen. Am Ende gar schicksalhaft.

Stangl schreibt sich und uns tief hinein in den Kosmos von Mensch, Zeit und Geschichte. Schreibt von Wut, Wörtern und Leere, vom Atmen, Sterben und Morden. Die Sprache bleibt kühl. Und erzählt doch voller Mitgefühl von der Kreatur Mensch mit ihrem "Kern aus Zärtlichkeit und Angst."
Stangl schreibt Worte, Sätze, Szenen, die einen durchdringen, nicht mehr loslassen. Mit denen man weiterleben muss - und darf.

Rezensiert von Gabriele von Arnim

Thomas Stangl: Was kommt
Roman
Literaturverlag Droschl Graz-Wien 2009
184 Seiten, 19 Euro

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