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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.10.2010

Zwei akribische Nahaufnahmen

Delphine de Vigan: "Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin" Droemer Verlag, München 2010, 252 Seiten

Es geht um zwei Menschen und zwei Schickale in der Pariser Arbeitswelt.
Es geht um zwei Menschen und zwei Schickale in der Pariser Arbeitswelt. (AP)

Die Autorin erzählt die Geschichten von Mathilde und Thibault am Tag des 20. Mai: Die beiden kennen sich nicht, jeder lebt sein Leben und ist gefangen in seinen Problemen. Dem Leser bleibt die Hoffnung, dass der Tag die beiden Protagonisten doch noch zusammenführt.

Es könnte etwas geschehen, etwas Wichtiges, am 20. Mai. Daran glaubt Mathilde, eine Frau die mit beiden Beinen im Leben steht oder besser gestanden hat, bis ihr Chef anfing, sie zu mobben. Jetzt ist sie restlos verzweifelt und kraftlos. Das hat sie sogar zu einer Wahrsagerin geführt, die ihr für diesen 20. Mai eine besondere Begegnung prophezeit.

Mathilde, alleinerziehende Mutter dreier Söhne, hat einen anspruchsvollen Arbeitsplatz in der Marketingabteilung eines großen Konzerns in Paris. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie wieder Kraft und ihre Arbeit gefunden und ist stolz darauf, wie sie mit ihren Kindern das Leben meistert. Doch nachdem sie ihrem Chef in einer wichtigen Sitzung offen widersprochen hat, verändert sich ihr Leben kaum merklich, aber unaufhaltsam. Er arbeitet nicht mehr mit ihr zusammen, isoliert sie immer stärker in der Firma und entzieht ihr ganz langsam aber sicher den Boden unter den Füßen. Mathilde will dies lange nicht wahrnehmen und anderen mitteilen – aus Scham - und als sie endlich begreift, was passiert, ist es bereits zu spät, als dass sie sich aus eigener Kraft retten könnte.

Parallel entwickelt die Autorin Delphine de Vigan die Geschichte des Arztes Thibault, der sich am Morgen des 20. Mai endlich von seiner Freundin Lila trennt, nachdem er schon lange darunter gelitten hat, dass sie seine Liebe nicht erwidert, sich ihm lediglich emotionslos zur Verfügung stellt. Er fragt sich, was von seinen Träumen und Vorstellungen, die ihn aus der Provinz nach Paris gebracht haben, geblieben ist außer seiner Arbeit.

In abwechselnden kurzen Kapiteln lässt uns Delphine de Vigan den Tag der beiden Protagonisten miterleben, nicht ohne in schnellen Rückblenden die Vorgeschichten zu erläutern. Wie bereits in ihrem ersten preisgekrönten Roman "No & ich" besticht sie auch hier mit der genauen Beschreibung und Analyse ihrer Personen und deren Umgebung.

Delphine de Vigan, die tagsüber in einem soziologischen Forschungsinstitut arbeitet und sich nachts dem Schreiben widmet, schafft es mit ihrer klaren Sprache und detailgetreuen Beobachtung die innere Situation ihrer Personen deutlich zu machen, aber auch ein intensives Bild vom Paris des Arbeitslebens zu zeichnen. Der Leser steht mit Mathilde zur Rushhour auf dem völlig überfüllten Metrobahnsteig und spürt die Kraftanstrengung, die es Mathilde kostet, sich nicht vor die einfahrende Metro zu stürzen.

Neben dieser akribischen Nahaufnahme der beiden Protagonisten entwickelt sich die Spannung aus der latenten Frage, was kann dieser 20. Mai für Mathilde und Thibault bringen, kommt es zu einer Begegnung oder gar zu einem Happyend? Der mit Mathilde und Thibault leidende Leser wünscht es sich, aber Delphine de Vigan schreibt keine Märchen.

Besprochen von Birgit Koß

Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
Droemer Verlag, München 2010
252 Seiten, 18 Euro