Seit 22:00 Uhr Einstand
 
Freitag, 27. Mai 2016MESZ22:06 Uhr

Interview | Beitrag vom 07.01.2016

Zuwanderung"Wohlhabende Viertel müssen ihren Beitrag leisten"

Wilhelm Heitmeyer im Gespräch mit Dieter Kassel

Beitrag hören
Frauen mit Kopftüchern kaufen in Duisburg-Marxloh ein. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
Frauen mit Kopftüchern kaufen in Duisburg-Marxloh ein. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)

Nach der Silvesternacht von Köln wird erneut über das Thema Integration diskutiert. Dabei geht es auch darum, die Bildung von Ghettos zu verhindern. Wie das gelingen kann, erklärt der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer.

In allen Zuwanderungsgesellschaften komme es in der Regel zunächst zu einer funktionalen Segregation, sagte Heitmeyer im Deutschlandradio Kultur -  "also, dass die Flüchtlinge oder die Migranten dorthin ziehen, wo ihresgleichen schon sind, um Hilfe zu bekommen, die von Staats wegen nicht gegeben ist."

Eines der großen Probleme sei, dass die Migranten in diesen Stadtteilen sesshaft würden, "selbst wenn sie über Bildungsanstrengungen einen anderen Status haben, mehr Geld hätten und so weiter."

Heitmeyer: "Dort ist natürlich Aufmerksamkeit jetzt angesagt, weil ja jetzt – unvergleichlich mit anderen Migrationszeiten – sehr viele Menschen in sehr kurzer Zeit mit sehr unklaren Aufenthaltsverhältnissen zu uns gekommen sind."

Dies sei eine "riesige Aufgabe" für die Städte und Gemeinden. Entscheidend sei, die Verhärtung der Segregation zu verhindern, betonte der Konfliktforscher:

"Das heißt natürlich auch, dass die eher wohlhabenden Viertel ihren Beitrag dazu leisten müssen – und daraus werden wohl auch Konflikte entstehen."


 

Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Auch in Großstädten kann man sich jederzeit gut überall aufhalten, überall hingehen, völlig gefahrlos. Diesen Anspruch scheinen wir in Deutschland immer noch zu haben, wohl wissend, dass niemand das ernsthaft glaubt, wenn er sich in Paris, London oder gar Los Angeles aufhält.

Aber Berlin ist ja nicht L.A., Köln ist nicht Caracas. Und deshalb wird nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln und wohl auch in Hamburg und Stuttgart immer wieder betont: Das, was sich da ereignet hat, darf und wird sich nicht wiederholen, wir sorgen für Sicherheit!

Aber stellt sich nicht trotz der vielen Unklarheiten, die es bezüglich der Ereignisse dieser Silvesternacht immer noch gibt, stellt sich nicht durchaus die Frage, ob sich unsere Städte verändern? Wir finden schon und wir wollen deshalb diese Frage weitergeben an den Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, Wilhelm Heitmeyer. Schönen guten Morgen, Herr Heitmeyer!

Wilhelm Heitmeyer: Guten Morgen!

Kassel: Verändern sich unsere Städte tatsächlich, ist diese Vorstellung von der absoluten Sicherheit immer und überall eine Vorstellung von gestern?

Viele Unklarheiten

Heitmeyer: Nun, das Thema Sicherheit schwingt sicherlich immer mit, aber die Voraussetzung ist natürlich, dass die Integration tatsächlich ernst genommen wird. Und da gibt es zurzeit natürlich viele Unklarheiten bei den Flüchtlingen, ob das der Rechtsstatus ist, die Qualifikation für den Arbeitsmarkt, die unklare Aufenthaltsdauer und so weiter. Also, das ist der eine Punkt, diese vielen Unklarheiten verunsichern an vielen Stellen auch die Menschen.

Das Zweite ist, man muss genauer sagen, was denn Integration meint. Der Begriff wird zwar immer verwendet, aber es geht ja im Wesentlichen um drei Dinge: Einmal die Integration in den Arbeitsmarkt oder Zugang zum Wohnungsmarkt und, das ist immer wichtig, auch die Frage, die darin schwingt, die Frage von Anerkennung.

Und das Zweite ist natürlich die Integration in den öffentlichen Raum und auch dort geht es wieder um Anerkennung, und zwar wechselseitiger Art, und auch Anerkennung der Flüchtlinge und ihrer Identität. Und hier gibt es natürlich viele Unklarheiten, die auf der einen Seite vorhanden sind.

Und auf der anderen Seite muss man dann den Blick auf den Sozialraum, also auf die Städte und Gemeinden richten, zumal viele Flüchtlinge ja in die großen Städte drängen und weniger aufs Land. Zum Teil auch aus Gründen der Gelegenheiten, dort zu leben, aber auch dadurch, dass gerade auf dem Land oder in den kleinen Städten, zumal in Ostdeutschland, auch gefährliche Situationen gerade für Flüchtlinge entstanden sind.

Kassel: Das heißt aber schon, wenn ich Sie jetzt gerade zum Schluss richtig verstehe, Herr Heitmeyer, dass die vielen Neubürger in Deutschland die Städte verändern, ob wir wollen oder nicht?

Probleme der Steuerung

Heitmeyer: Ja, sie werden die verändern. Und da ist es natürlich ein Problem, dass gerade die Städte ihr zentrales Steuerungsinstrument, nämlich den sozialen Wohnungsbau aufgegeben haben. Sie haben den sozialen Wohnungsbau einerseits vernachlässigt und andererseits den Bestand an Investoren verscherbelt, so muss man das sagen. Und von daher gibt es insofern große Probleme der Steuerung.

Und zweitens, dass an vielen Stellen gerade die schon belasteten, von Problemen belasteten Stadtteile möglicherweise noch stärker belastet werden dadurch, weil die unbelasteten Stadtteile, also mit den gut Situierten das an vielen Stellen ja auch zu verhindern wissen.

Kassel: Aber wie verhindert man dann denn unter diesen Umständen Ghettobildung?

Heitmeyer: Nun, also, zunächst mal muss man verhindern, dass, wie in einigen großen Städten angedacht, tatsächlich Flüchtlingsstädte schnell hochgezogen werden.

Auf der anderen Seite ist es immer so, in allen Zuwanderungsgesellschaften, dass zunächst mal so etwas wie eine funktionale Segregation, also dass die Flüchtlinge oder die Migranten dort hinziehen, wo ihresgleichen schon sind, um Hilfe zu bekommen, die von Staats wegen nicht gegeben ist, also ähnliche Kulturen, Alltagsverhaltensweisen entstehen. Das Entscheidende ist, dass sich diese Situationen nicht verhärten.

Verhärtung segregierter Viertel

Und das ist eines der großen Probleme, dass Flüchtlinge, Migranten in diesen Stadtteilen sesshaft werden und nicht wieder rauskommen, selbst wenn sie über Bildungsanstrengung einen anderen Status haben, Geld hätten und so weiter. Also, dort ist natürlich Aufmerksamkeit jetzt angesagt, weil ja jetzt unvergleichlich mit anderen Migrationszeiten sehr viele Menschen in sehr kurzer Zeit mit sehr unklaren Aufenthaltsverhältnissen zu uns gekommen sind. Das ist schon eine riesige Aufgabe, die die Städte und Gemeinden dort stemmen müssen.

Und diese Verhärtung in segregierten Vierteln, die muss natürlich verhindert werden. Das heißt natürlich auch, dass die eher wohlhabenden Viertel ihren Beitrag dazu leisten müssen, und daraus werden wohl auch Konflikte entstehen.

Kassel: Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer über die Zukunft unserer Städte und wie wir sie unter der Beteiligung idealerweise vielleicht sogar aller Menschen und nicht nur der, die immer darüber reden, gestalten können. Herr Heitmeyer, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Heitmeyer: Ja, bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Übergriffe in Köln - "Der Anspruch der offenen Stadt muss gelten"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 06.01.2016)

Flüchtlinge - Bauen für die Integration
(Deutschlandfunk, Corso, 28.12.2015)

Debatte um Zuwanderung - "Integration ist ein zweiseitiger Prozess"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 31.08.2015)

Interview

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj